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Architektur „Die meisten Architekten sind dumm“

„Wir haben als Architekten die Möglichkeit, unsere Umwelt zu bestimmen“, sagt der Stadtplaner Jochem Jourdan. Doch das sei nicht allen seiner Kollegen klar.

Jochen Jourdan
Der Frankfurter Architekt und Stadtplaner Jochen Jourdan. Foto: Peter Jülich

Er ist von Bockenheim in das Herz der Stadt zurückgekehrt, die er so liebt. Und für die er so viel getan hat in den zurückliegenden Jahrzehnten. Nur wenige Schritte von der Zeil entfernt, in einer früheren Fabriketage, arbeitet Jochem Jourdan mit seinem langjährigen Partner Bernhard Müller und einem großen Team. Wer hier eintritt, findet sich in einem scheinbaren Chaos aus Plänen, Skizzen, Zeichnungen, Büchern, Computerterminals. Doch alles folgt einer inneren Ordnung. Der kleine Mann mit dem ungebändigten weißen Haarschopf und den Sneakers an den Füßen kennt sie. Er bewegt sich behende von Raum zu Raum. Es ist kaum zu glauben, dass der Architekt Jochem Jourdan an diesem Samstag seinen 80. Geburtstag feiert. Er lacht. „Die Zeit fliegt“, sagt er, es hört sich nicht traurig an, allenfalls ein wenig melancholisch.

Jourdan steht mitten im Leben. Arbeitet gerade an der Verfeinerung seines jüngsten Werkes, auf das er besonders stolz ist und das ihn seit Jahren beschäftigt: die Rekonstruktion des Fachwerkhauses „Goldene Waage“ in der neuen Frankfurter Altstadt. „Als die Steine gesetzt wurden und so vor meinen Augen plötzlich eine wunderbare Sandsteinfassade entstand, hat mich das emotional zutiefst berührt“, gesteht er. Ja, der gebürtige Gießener spricht sogar von „Glücksempfinden“. Und lächelt dabei dieses typische kleine, verschmitzte Lächeln.

Für ihn ist der Beruf des Architekten immer eine ganzheitliche Profession gewesen, in die Aspekte der Kunst, der Philosophie, mit einfließen. „Wir haben als Architekten die Möglichkeit, unsere Umwelt zu bestimmen“, sagt er, macht eine nachdenkliche Pause und sagt: „Es geht um unser ganzes Leben.“

Kontinuität gibt ihm Stabilität und Kraft

Wie es für den vielfach Ausgezeichneten typisch ist, hat er sich akribisch auf unser Treffen vorbereitet, hat versucht, seine Vita auf ein paar Stichworte zusammenzudrängen: „Seit 58 Jahren Architekt, 36 Jahre tätig als Hochschullehrer und Universitätsprofessor, zwei Söhne, fünf Enkel, 51 Jahre verheiratet mit der gleichen Frau, Renate Jourdan, geborene Hermann.“ Es ist diese Kontinuität, die ihm Stabilität und Kraft gibt bis ins hohe Alter. Und natürlich die Zusammenarbeit mit den Künstlern. Mit seinem Freund Thomas Bayrle aus Frankfurt, einem der großen zeitgenössischen deutschen Maler und Grafiker, mit dem er ein Einkaufszentrum in Kassel gestaltete. Oder mit dem bedeutenden US-Bildhauer Richard Serra, dessen monumentale Skulptur er in die Neuordnung des Luxemburger Kirchbergs mit den EU-Institutionen integrierte.

Viele seiner Bauten atmen Kulturgeschichte. Wer das Quartier der früheren Landeszentralbank an der Taunusanlage betritt mit ihrer von Säulen gesäumten Arkade, der fühlt sich an das antike Griechenland erinnert. Oder das Haus am Dom: Da kam es Jourdan auch auf den Platz davor an, der wie eine italienische Piazza zum Verweilen einladen sollte. Da ist er freilich an die Grenzen der Wirklichkeit gestoßen, hatte sogar Ärger mit der Politik. Als er das Haus am Dom mit einem modernen Flachdach konzipierte, bekam er es mit der damaligen OB Petra Roth (CDU) zu tun. Die machte sich zur Sprecherin einer angeblichen Volksmeinung, die Giebeldächer in Anlehnung an die historische Altstadt verlangte. Jourdan musste umplanen.

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