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Architektur „Die Kosten diktieren die Form“

Ob Europaviertel oder die neuen Wohnviertel an der Friedberger Landstraße: In Frankfurter Neubaugebieten herrscht bei Wohn- und Bürogebäuden Monotonie. Warum das so ist, erläutert der Architekt DW Dreysse im Interview mit der FR.

Die immer gleichen Fassaden im Europaviertel. Foto: christoph boeckheler*

Herr Dreysse, in Frankfurt weiß man manchmal nicht, wo man gerade ist. Insbesondere die Bürogebäude, die überall entstehen, haben eine austauschbare, immergleiche Architektur.

Auffällig ist die schiere Größe der Gebäude, die Monotonie der Architektur. Die totale Wiederholung, von unten bis oben. Das Nonplusultra ist der Neubau des Bundesnachrichtendienstes in Berlin. 14.000 Fenster in der gleichen Dimension. Die Architektursprache ist schrecklich.

Im Frankfurter Europaviertel haben auch prominente Frankfurter Architekten wie Jo Franzke gebaut, von denen man annehmen würde, dass sie auf den Ort reagieren. Doch die Gebäude könnten in jeder anderen Stadt stehen. Womit hat denn die Größe der Gebäude zu tun?

Mit der Größe der Unternehmen. Früher ging es um Büros für 50 oder 100 Leute, heute geht es um 1000 Menschen. Es ist die kapitalistische Konzentration.

Aber die Unternehmen bauen doch Arbeitsplätze ab, gerade durch die Technik der elektronischen Datenverarbeitung.

Aber mit ihren Gebäuden wollen sie Größe demonstrieren. In Wahrheit müssen sie öfter untervermieten, um die Bürohäuser noch zu füllen. Es gibt viel Leerstand, gerade in Frankfurt. Ein bezeichnendes Beispiel für die Gebäudegröße ist das Deutschherrnviertel. Die Gebäude sind zwar auf einzelnen Parzellen entstanden, aber sie bilden eine Investitionseinheit, sind alle gleich.

In Frankfurt gibt es seit einigen Jahren die gute Regel, bei großen Bauprojekten Architekturwettbewerbe zu organisieren. Warum kommt dennoch diese Uniformität von Architektur dabei heraus?

Es hat auch mit Moden zu tun. Jetzt grade sind senkrechte Fenster die gängige Architektursprache. Vor drei Jahrzehnten waren es horizontal gelagerte Fenster.

Und auch beim Material gibt es eine Mode: den immergleichen hellen Naturstein. Den sogenannten Mäckler-Stein, nach einem bekannten Frankfurter Architekten...

Ja, das sind Moden.

Aber dann braucht man den Wettbewerb nicht. Wer diktiert denn diese Moden?

Es gibt Trendsetter. Senkrechte Fenster waren total verpönt, als ich junger Architekt war. Ich habe damals bei einem Schüler von Le Corbusier in Paris gearbeitet und habe zum ersten Mal gewagt, bei einem Entwurf senkrechte Fenster einzuplanen. Da kam der zu mir und sagte: Das kannst Du nicht machen, mach bitte horizontale Fenster! Aber ich habe mich geweigert.

Wo steht das Haus?

Das steht an der französischen Küste, zwischen Narbonne und Perpignan. Eine Jugendherberge.

Wie fühlt man sich in einem Raum mit solchen Schießschartenfenstern?

Das ist kein Thema. Le Corbusier hatte fünf Vorgaben für moderne Architektur. Das eine waren Stützen, das Haus sollte auf Stützen stehen. Es sollte ein Flachdach haben, bepflanzt natürlich. Die dritte Vorgabe war das liegende Fenster. Das vierte war die freie Fassade, die nicht trägt. Das fünfte war der freie Grundriss. Darauf haben sich immer wieder Architekten bezogen.

Hat die Uniformität nicht auch wirtschaftliche Gründe? Ist es preiswerter, immer dasselbe zu variieren?

Ja, natürlich. Das einfachste Schema ist folgendes (zeichnet). Ein Bürogebäude besteht aus Stützen mit vorgehängter Fassade. Der Abstand zwischen den Stützen beträgt etwa sieben Meter. Das ist das ökonomischste. Dahinter können Büros aufgeteilt werden, die kleinste Einheit mit einer Breite von 1,80 Metern und dann ein Vielfaches. Beschissen waren die Büros mit einer Stütze. Deshalb hat man die Fassade entwickelt, die wieder selbst trägt, mit Stützen alle 1,80 Meter. Jedes Büro hat die gleiche Fassade.

Das heißt: Gute, qualitätvolle Architektur gibt es aus wirtschaftlichen Gründen nicht?

Wenn man versucht, unter diesen harten Bedingungen gute Architektur zu machen, stößt man auf Grenzen. Die Kosten diktieren die Form.

Wir träumen immer davon, dass Frankfurt mit außergewöhnlicher Architektur Zeichen setzt. Wie in den 80er Jahren.

Das waren alles öffentliche Gebäude, etwa das Museumsufer: Da hat die Stadt sich engagiert. Die privaten Investoren haben sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, Architektenwettbewerbe zu organisieren.

Doch auch der Messeturm setzte Ende der 80er Jahre architektonisch Zeichen. Er war dann aber schwer vermietbar.

Ökonomisch ist der Messeturm ein Desaster. Viele dunkle Räume. Aber da ging es tatsächlich darum, architektonisch ein Zeichen zu setzen.

Der erste Direktor des Architekturmuseums, Heinrich Klotz, kämpfte dafür, dass der Architekt Helmut Jahn beim Messeturm den Zuschlag erhielt. Heute steckt die öffentliche Hand enorme Summen in die Rekonstruktion der Altstadt, statt für moderne Architektur zu kämpfen. Jürgen Engel hatte den Wettbewerb zur Altstadt mit einem modernen Entwurf gewonnen, der nach Protest zu den Akten gelegt wurde.

Das ist absurd. In der Tat.

Man könnte daraus schließen, dass die Menschen gegen die einförmige moderne Architektur stimmen würden, wenn sie könnten.

Ich könnte mir vorstellen, dass Bürger fordern würden, heute wieder so zu bauen, wie in den Vierteln der Gründerzeit. Mit Vorgärten, mit fünf Geschossen. Das war noch handwerkliche Qualität. Ich sehe aber eine Möglichkeit, heute hier in Frankfurt eine zukunftsweisende baukulturelle Leistung zu verwirklichen. Etwa beim Kulturcampus in Bockenheim. Man darf dem Grundstücksbesitzer, der ABG Holding, nicht das Bauen überlassen.

Die ABG wird nur das bauen, was sich rechnet: Büros und ein paar Wohnungen. Für die Kultur fehlt der Stadt das Geld.

Ich hoffe noch immer, dass es anders kommt. Dass die Kulturbauten doch noch entstehen. Ich hoffe, dass da eine ganz besondere architektonische Qualität verwirklicht wird. Auch bei den Büros und Wohnungen der ABG könnte Besseres gebaut werden als das Übliche.

Die Stadt will auch ganz schnell 15 Wohngebiete für 15.000 Menschen verwirklichen. Das wird zu Lasten der architektonischen Qualität gehen.

Das ist meine Befürchtung. Dieter von Lüpke, der Leiter des Stadtplanungsamtes, kämpft für architektonische Qualität. Doch der geht bald in Ruhestand. Wir brauchen unbedingt Qualität in den neuen Wohngebieten: Man sollte sich am Standard der innenstadtnahen Altbau-Quartiere orientieren. Im Wohnungsbau schlägt sich auch der geforderte Passivhausstandard negativ nieder. So entstehen regelrechte Gefängniskuben, wie an der Hansaallee. Bei Architekten ist dieser Verpackungswahn verpönt.

Die schwarz-grüne Stadtregierung müsste sich von dem Zwang lösen, alles in Passivhaus-Bauweise zu errichten.

Sie müsste den nächsten Schritt einleiten. Man könnte statt dessen Energie-Plus-Häuser errichten, Gebäude, die ihre Energie selbst erzeugen. Die ABG Holding baut immerhin am Westhafen ein Modellhaus.

Gibt es Architekten, die im Wohnungsbau den Aufstand proben gegen wirtschaftliche Zwänge?

Ja, die gibt es. Etwa bei Ein-Familien-Häusern, wenn man einen guten Bauherrn hat, lässt sich Qualität verwirklichen. Aber das hat keine Breitenwirkung. Man müsste einen großen öffentlichen Bauträger finden, der auf Qualität setzt.

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