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AfE-Turm Zu Staub

Die Welt wird am 2. Februar dabei zusehen, wie in Frankfurt der AfE-Turm in die Grube fährt. Mit der Sprengung wird einem Sinnbild des Betonbrutalismus der 1970er Jahre ein Ende gemacht.

Manchmal, für Sekundenbruchteile, wird auch ein Baukörper nicht nur zum Objekt gieriger Schaulust, sondern beklommener Anteilnahme: Sprengung des Agfa-Turms 2008 in München. Foto: imago stock&people

So wie es aussieht, wollen auch gefestigte Menschen nicht abseits stehen. Vielmehr möchten sie einer Beseitigung nahezu hautnah beiwohnen. Sicher, die Detonation wird nicht schön sein, Sekundenbruchteile später aber wird man dann entschädigt und zusehen dürfen, wie sich das Gebäude verhält, wie ein Baukörper sackt, welche Figur er macht, während er einstürzt, hinschlägt, (noch einmal) Staub aufwirbelt.

Heißt es dann: bedauernswerter Baukörper? Oder wird man seinem Ende auch johlend beiwohnen? Der Mensch steckt nicht drin im Menschen, wie dann im Mitmenschen, mit dem er die Schaulust teilt. Sowie die Gewissheit, dass die Schaulust naturgemäß keine Leistung ist, aber gewiss etwas, was man von Haus aus mitbringt.

Berühmt-berüchtigtes Hochhaus

Am 2. Februar wird in Frankfurt der AfE-Turm gesprengt, ein Hochhaus, so berühmt wie berüchtigt. Auch der Herr über seinen Abbruch hat in den letzten Tagen nicht verhehlen können, dass ein „Spaßfaktor“ mitschwinge, bei ihm, dem Sprengmeister gar nicht einmal viel weniger als bei denen, die erwartet werden, und das sind Tausende.

Angekündigt hat sich nicht nur das indigene Multi-Kulti-Milieu des Frankfurter Westends, vertraut mit dem Turmbau wie kein zweites in Deutschland. Das Event so eng wie nur möglich wollen auch Auswärtige umstehen, darunter einige aus aller Welt. Groß ist die Neugier, weltumspannend der Turmsprengungstourismus. Die Schaulust macht ja auch nicht Halt vor ehemaligen Schlachtfeldern.

Ob die Sprengung des Agfa-Hochhauses, 2008 in München, oder die der Kaiserbauruine in Troisdorf: Zugegen war eine gewisse Beklommenheit oder Verzagtheit – oder aber, wie 2001 in Troisdorf, an der A 59 zwischen Bonn und Köln, unverhohlener Triumph. Lärmend war die Genugtuung über den Abriss einer üblen Bauruine, die Jahrzehnte leer stand, Sinnbild war für eine gewissenlose Immobilienspekulation. Ist das nun die Verbindung zu Frankfurt?

Überhaupt nicht! Beim AfE-Turm liegen die Dinge doch anders. Regelrecht angedacht war der Turm für eine Nutzung durch die Abteilung für Erziehungswissenschaften (AfE) der Goethe-Universität; dazu kam es dann aber doch nicht, da eine solche eigenständige Abteilung bereits 1972, vor Eröffnung des Turms, geschlossen worden war.

Die Geschichte der Nutzung des Turms durch Gesellschaftswissenschaftler und Psychologen ist sehr häufig erzählt und abgebildet worden, und man liegt überhaupt nicht falsch mit der Erkenntnis, dass der AfE-Turm nicht einfach bloß genutzt wurde. Vom ersten Tag an setzte sich eine ungeheuer intensive und systematische und radikal betriebene Abnutzung aller zum Gebäude gehörenden Einzelteile durch.

Die Verschäbigung galt einem Sinnbild des Betonbrutalismus der 1970er Jahre, einem Sinnbild des schieren Bauwirtschaftsfunktionalismus der 1970er Jahre, einem Sinnbild für die Unwirtlichkeit des Frankfurterischen. Eines kam zum anderen, die Einrichtung in der Unwirtlichkeit wurde sozusagen zum Zitadellen-Narrativ.

Noch bis zum Morgen des 2. Februar wird dieses Frankfurter Hochhaus 116 Meter hoch sein. Als er bezogen wurde, war kein Turm höher in Frankfurt – damit war der Rang der Gesellschaftswissenschaften, damals, dermaßen deutlich unterstrichen, dass die Banken ins Grübeln kamen, nicht lange, wie man weiß. Frankfurts Skyline wurde hochgerüstet, und begleitet wurde diese Entwicklung wiederum auch aus dem AfE-Turm heraus kritisch.

Akt der Kastration

Denn auf seinen Gängen und in seinen Büros und in seinen Seminarräumen musste man keinem Zeitgenossen lange sagen, dass es sich bei den Frankfurter Turmbauten irgendwie um Phallussymbole handelte, um eine solches auch bei dem AfE-Turm, in dem es eines Tages hieß an einer Wand: „Turm, ich will ein Kind von Dir.“

Insofern, auch das ist vollkommen klar, handelt es sich bei der Aktion am 2. Februar (Sprengmeisters Spaßaktion) für den einen oder anderen gewiss um so etwas wie einen Akt der Kastration. Dieser Gedankengang muss nicht richtig sein. Unbestritten dagegen, dass Frankfurt schon manche Hochhaussprengung gesehen hat, so fielen zum Beispiel 1994 zwei Türme der Zentrale der Deutschen Bahn. Sie gingen ganz seltsam nieder, ganz steif, lange Augenblicke ungemein selbstverständlich, wie eine Bahnschranke. Manches Bauwerk sank dahin, manches schien dabei für einen Moment aus seinem Innern heraus zu platzen, schien für einen Sekundenbruchteil zu verharren.

Später, nachdem sich der Staub gelegt hatte und die Gedanken wiederkamen, ist darüber diskutiert worden, ob es etwa das Allianzgebäude am Kettenhofweg zerlegt hat oder zerfetzt? Mancher Baukörper zitterte auch noch ganz kurz. Schüttelte er sich noch einmal? Am Ende immer ein Kollaps.

Auch diesmal geht es nicht um den Auftakt zu einer Abtragung, Schritt für Schritt, wie beim Zürich-Haus, das 1959 in Frankfurt entstand und schon Anfang der 1970er Jahre dann, Frankfurts Hochhausboom hatte eingesetzt, eine filigrane Ausnahmeerscheinung war. Mit funktionalen Aspekten wurde die Beseitigung begründet; architekturhistorisch war der Abriss des ersten Frankfurter Hochhauses eine Schandtat.

Am 2. Februar folgt gewiss keine weitere, und man darf zusehen, wie der Turm in zwei Etappen (oder muss man sagen zwei Akten) in die Grube fährt. Zunächst wird das Skelett von dem innenliegenden Kern abgesprengt, und in der Art, wie es niedergehen wird, drängt sich wohl ein Fahrstuhleffekt auf, was gewiss eine Pointe ist angesichts der Tatsache, wie unzuverlässig die Fahrstühle im AfE-Turm waren.

Anschließend, nach einem dermaßen ironischen Sinnbild für Sekundenbruchteile soll der Turm in zwei „Kernfaltungen“, wie es der Fachmann ausdrückt, kollabieren, der untere Teil nach Norden kippen, der obere nach Süden. Wobei der Boden schon seit geraumer Zeit kein Boden mehr ist: „Fallbetten“ wurden präpariert, um die stürzenden Reste aufzunehmen.

Eine gesittete Destruktion

Stattfinden wird die Sprengung, und ein höherer Turm ist noch nie in Europa niedergelegt worden, auf einem äußert knapp bemessenen Terrain, und allein die unmittelbare Umgebung verlangt äußerste Präzision. Aber handelt es sich bei Sprengungen nicht überhaupt um so etwas wie eine gesittete Destruktion? Erklärt das nicht den ästhetischen Reiz dieser Art der Vernichtung und Tilgung? Und mag man darin nicht sogar etwas Erhabenes erkennen? Sofern der Mensch drin steckt im Erhabenen, weil er sich darüber bereits ein wenig Rechenschaft abgelegt hat, weiß er, dass ja auch ein Schrecken hineinspielt, ein gewisser Grusel, der gar nicht so groß sein muss, um nimmermehr zu vergehen.

Oder spielt in die Faszination am Erhabenen ein kleiner anarchischer Impuls hinein, ein seit Sandkastenzeiten schlummernder Trieb, der im Sandkasten nicht nur konstruktiv tätig war? Nein, nichts davon, so banal das ist, ist auszuschließen, denn es ist ja, auch das eine psychologische Binsenweisheit, das Banale, was sich nicht so ohne weiteres einhegen lässt, zumal bei einer dermaßen offensichtlichen Sinnbild der gebauten Gleichgültigkeit.

Das Sinnbild ist buchstäblich geladen, es sind 950 Kilogramm Sprengstoff, verteilt auf rund 1405 Sprenglöcher. Sicher, die Detonation wird nicht schön sein (FR-Verbrauchertipp hier: zwei im Durchmesser ausreichend große und eigene Finger rechtzeitig in beide Ohren stecken). Sekundenbruchteile später dürfte der Augenzeuge jedoch entschädigt werden. Zusehen dürfen, wie sich das Gebäude verhält, wie ein Baukörper sackt, welche Figur er macht, während er sackt, hinschlägt, stürzt.

Ob alles funktioniert wie geplant? Frankfurt ist im Büro, in der U-Bahn, am heimischen Küchentisch, ein einziger Unruhestandort. Wenn es gut geht, dann wird ein fieser und plumper Baukörper in den Staub fallen. Man wird es sehen. Und man wird, aber dazu muss man an dem Ereignis nah dran sein, den Staub, den ein Baukörper noch einmal aufwirbelt, schmecken.

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