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AfE-Turm Tod im Fahrstuhlschacht

Die angekündigte Sprengung des AfE-Turms in Bockenheim rührt in einigen Familien heftige Gefühle auf. Lukardis Gräfin zu Erbach-Fürstenau stürzte im August 2005 in den Tod, als sie sich aus einem steckengebliebenen Aufzug befreien wollte. Das Unglück ist immer noch nicht verarbeitet.

Reif zur Sprengung: an diesem Sonntag fällt der Turm. Foto: Christoph Boeckheler

Dieser Turm ist ein Mahnmal. Er mahnt an den Tod von Lukardis. Dieser Tod am Vormittag des 9. August 2005 im Fahrstuhlschacht ist nicht verarbeitet.

Die angekündigte Sprengung des Turms rührt in einigen Familien heftige Gefühle auf. Das gilt nicht nur für die Kinder der in dem Betonklotz an jenem Morgen zu Tode Gestürzten, nicht nur für ihren Lebensgefährten. Es gilt genauso für die Seite des Turmpförtners, welcher Lukardis, die seit vielen Jahren als Sekretärin dort arbeitete, auf ihren Hilferuf hin aus dem hängengebliebenen Fahrkorb helfen wollte. Es gilt für die Kolleginnen und Studentinnen im Fachbereich Erziehungswissenschaften, die versuchen mussten, „ohne sie, aber in ihrem Sinne weiter zu wirken“.

Es mag auch auf den damaligen Uni-Präsidenten Rudolf Steinberg zutreffen. Laut Protokoll hat er dem Senat am 18. August 2005 nach einer Schweigeminute „zu den Umständen, die zu dem Unfall geführt haben“, Bericht erstattet: Die letzte Hauptuntersuchung des Aufzugs sei erst zwei Wochen vor dem Unglück erfolgt, dabei seien „keine Mängel feststellbar gewesen“.

Eineinhalb Jahre später, im Januar 2007, hat die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Frankfurt das „Ermittlungsverfahren zum Nachteil von Lukardis Elisabeth Helene Gräfin zu Erbach-Fürstenau wegen fahrlässiger Tötung“ eingestellt. Ein Fremdverschulden könne nicht festgestellt werden: „Die Verstorbene befand sich zunächst in dem verschlossenen Aufzug, der zwischen zwei Stockwerken stehengeblieben war, und war hierbei nicht gefährdet. Es kam dann der Pförtner des Gebäudes hinzu, dessen Aufgabe es auch war, bei Problemen mit den Aufzügen einzugreifen. Er öffnete Außen- und Innentür des Aufzugs und erklärte der Verstorbenen, sie solle im Aufzug bleiben, bis er den Aufzug auf Stockwerkhöhe gebracht habe. Die Verstorbene hat dann nach den Angaben des Zeugen versucht, den Aufzug durch eine zwischen Stockwerksdecke und Aufzugboden verbliebene Öffnung zu verlassen, obwohl der Zeuge sie aufforderte, dieses zu unterlassen. Dabei geriet die Verstorbene in die unter dem Aufzugboden befindliche Öffnung und stürzte in den Schacht“, schreibt die Staatsanwaltschaft. Und schließt: „Dass diese sich selbst gefährdete und zu Schaden kam, hat sie sich selbst zuzuschreiben.“

„Sie war sofort tot,“ berichtete dieser Tage Peter Hovestadt, der Lebensgefährte von Lukardis. Er fügt im Gespräch an: „zum Glück“. Es war 11.25 Uhr, als Lukardis starb. Laut Schriftsatz des von den Angehörigen beauftragten Anwaltsbüros ging der erste Notruf aus dem Fahrstuhl beim Pförtner um 10.15 Uhr ein. Die Frau sei also „über eine Stunde eingeschlossen“ gewesen, referiert Rechtsanwalt H.-Jürgen Borowsky; „sie befand sich in Panik“.

Auch nach Einstellung des Verfahrens gingen die Beschuldigungen und Beschwerden, die Ermittlungen und Klageschriften, die Stellungnahmen und Gutachten jahrelang weiter hin und her. Man wollte die Universität vor Gericht bringen, weil sie technische Standards nicht eingehalten habe; angeklagt wurde im Juni 2010 der wegen der Geschichte ohnehin angeschlagene frühere Pförtner, das letzte Glied der Kette. „Ein Bauernopfer“ für den Lebensgefährten Peter Hovestadt, Sozius von Rechtsanwalt Borowsky. Sechs Mal 250 Euro musste der Vorruheständler zahlen, dann wurde das Verfahren wegen geringer Schuld eingestellt.

Angehörige, Freunde und Kollegen werden nicht fertig mit ihrer Trauer. Die Fragen, was wirklich passiert ist, enden nicht. Wenn vor der Sprengung des Turms in der Stadt Nostalgiegefühle aufkommen, fordern Beteiligte die Erinnerung ein – an „eine Frau, die die Mängel in dem Gebäude mit ihrem Leben bezahlt hat“. So schrieb es die Lehramtsstudentin Annette Bruckmann an die FR: „Heute wäre sie 60 Jahre alt und würde im PEG-Gebäude im Westend arbeiten.“ 2013 sind die Erziehungswissenschaftler endlich umgezogen und der 41 Jahre alte AfE-Turm wurde geräumt.

In den Turm wollte keiner Geld stecken

Bei der Beerdigung von Lukardis auf dem Bornheimer Friedhof am 17. August 2005 erzählte der Freund und Mitstreiter Rainer Roth, wie oft sie ihre Furcht geäußert habe, „im abrissreifen Hochhausturm umzukommen, der ihre Arbeitsstelle war“. Dass die stets von Studentenmassen belagerten sieben Aufzüge in dem 39-Stockwerke-Institut jede Woche mehrmals steckenblieben, war stadtbekannt, also akzeptiert. In den Turm habe man kein Geld mehr stecken wollen.

Roth erkannte eine „geheime Botschaft der Verantwortlichen“ dahinter: „Seht zu, wie ihr klarkommt.“ Sonst hätte die Gräfin und Mutter dreier erwachsener Kinder, die in der Uni nur mit dem Vornamen angesprochen werden wollte, „kaum versucht, den Aufzug zu verlassen“.

Eine „Jetzt-langts-mir-aber“-Haltung, meint der Freund, werde Auslöser der tödlichen Kletterpartie gewesen sein.

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