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AfE-Turm 950 Kilo Sprengstoff bringen Turm zu Fall

Erst ein Skelettkollaps, dann eine Kernfaltung: Sprengmeister Eduard Reisch erklärt, wie die spektakuläre Sprengung des AfE-Turms in Frankfurt ablaufen wird. Sein Ehrgeiz: In den benachbarten Laboren soll nicht ein einziges Reagenzglas zu Bruch gehen.

Der AfE-Turm (benannt nach der Abteilung für Erziehungswissenschaften) wurde Anfang der 1970er Jahre im Stil des Brutalismus gebaut.

Das Restrisiko ist es, das viele Medienvertreter bei der Pressekonferenz zur Sprengung des AfE-Turms in Frankfurt besonders interessiert: Was, wenn bei der Aktion am 2. Februar etwas schiefgeht? Sprengmeister Eduard Reisch bleibt gelassen. Unbeabsichtigte Schäden könne er zu 99 Prozent, also "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit", ausschließen, wenn der Uni-Turm am Sonntagmorgen um 10 Uhr mit zwei gezielten Sprengungen zu Fall gebracht wird. Alles sei mehrfach gründlich von "namhaften Ingenieuren und Prüfstatikern" berechnet worden, sekundiert Ilmi Viqa, Chef der Abbruchfirma AWR.

Zwischen den beiden sitzt Frank Junker und nickt. Der Chef der städtischen Wohnungsbauholding ABG, die das Areal samt Turm im Sommer letzten Jahres übernommen hat, räumt ein: Den Turm zu sprengen, "das war für mich zunächst nicht vorstellbar." Dann aber habe er sich überzeugen lassen. Junker weiß: "Wir machen hier etwas völlig Außergewöhnliches. Das ist eine Herausforderung und ein Novum." Mit 116 Metern wird der 40 Jahre alte Universitätsturm das höchste Gebäude sein, das in Europa jemals gesprengt worden ist. Die Kosten beziffert Junker auf einen "nennenswerten siebenstelligen Betrag", konkreter will er nicht werden.

Sprengmeister Eduard Reisch schaut während der Pressekonferenz immer wieder aus dem Fenster und nimmt das nahe Bauwerk in den Blick, das er in zwölf Tagen mit zwei Handgriffen dem Erdboden gleichmachen will. Am Sprengtag wird er hier im Marriott-Hotel mit einigen Helfern auf einem Podest auf dem Dach stehen und auf die ersten Signale warten - ein langgezogener Ton, kurz darauf zwei kurze. Die folgende Systemprüfung dauert voraussichtlich ein paar Minuten, dann schaltet der Sprengmeister die Anlage scharf. Zwei weitere kurze Töne kündigen den Countdown an. Ist er heruntergezählt, betätigt Reisch die erste von zwei elektronischen Funkfernzündungen. Falls die ausfällt, kann der Sprengexperte auf eine zusätzliche installierte Datenleitung zurückgreifen.

Mit ihm werden wohl Zehntausende Zuschauer auf das spektakuläre Ereignis warten. Mit bis zu 40.000 Schaulustigen wird gerechnet. Sie können die Sprengung außerhalb der zweiten Sperrzone, die sich 250 Meter um den AfE-Turm erstreckt, beobachten. Die beste Sicht wird man an der Friedrich-Ebert-Anlage in Richtung Ludwig-Erhard-Anlage und auf der Senckenberganlage Richtung Bockenheimer Warte haben.


Mit dem ersten Knall sollen die Sprengladungen im ersten und zweiten Untergeschoss, im Erdgeschoss sowie im fünften und 21. Obergeschoss des Turms detonieren und die Stützen des Gebäudes vertikal zu Fall bringen - einen "Skelettkollaps" nennen das die Fachleute. Dreieinhalb Sekunden später zündet Reisch die Sprengpatronen im fünften und im 15. Obergeschoss - sie bringen, wenn alles klappt, den Kern des Turms zum Einsturz. Der AfE-Turm wird sich in zwei Richtungen zusammenfalten: Der größere obere Teil mit insgesamt 65 Metern Höhe fällt nach Süden in Richtung Marriott-Hotel, der untere Teil kippt zugleich nach Norden in Richtung Senckenbergmuseum. Eine "Kernfaltung" sei das, notiert Reisch den Journalisten in die Blöcke.

Große Furchen im Erdboden, so genannte Fallbetten, fangen den Schutt auf, bis zu sechs Meter hohe Erdwälle schützen die unmittelbare Nachbarschaft. Mehrere mit Wasser gefüllte 1000-Liter-Tanks werden mit in die Luft gehen, eine Fontäne von 20 bis 25 Metern Höhe und der feine Wassernebel mindern die Staubentwicklung, wenn 50.000 Tonnen Beton zu Boden krachen. Eine umlaufende Ringleitung auf den Erdwällen wirkt als "Hydroschild". Die Feuerwehr, die ebenso im Einsatz sein wird wie Polizei, THW und Bundeswehr, setzt zusätzlich Wasserkanonen ein.

Anwohner und Zuschauer werden von den Erschütterungen kaum etwas spüren, verspricht Eduard Reisch. "Man macht sich da oft falsche Vorstellungen", sagt der Sprengmeister mit Blick auf Bilder von Bombenexplosionen. Anders als bei Anschlägen sei der Sprengstoff hier auf viele kleine Portionen verteilt. Die stärkste Wucht haben die Sprengpatronen im Keller: 1,2 Kilogramm Sprengstoff pro Kubikmeter Stahlbeton werden unterirdisch detonieren, weiter oben am Turm sind es 400 Gramm. Reischs Ehrgeiz: In den Laboren der benachbarten Uni-Institute soll nicht ein einziges Reagenzglas zu Bruch gehen.

Trotzdem nutzt Reisch die Gelegenheit, um eine dringende Empfehlung an die Anwohner innerhalb der 250-Meter-Zone zu bekräftigen: Keinesfalls sollten sie sich auf Balkonen oder Dächern aufzuhalten, sondern unbedingt rückwärtige Räume aufsuchen. Nach der Sprengung prüfen die Sprengexperten das Areal inklusive der unterbrochenen U-Bahn-Strecke der Linie U4, suchen das Baufeld nach Blindgängern ab. Erst wenn sie sicher sind, dass keine Gefahr mehr droht, werden drei kurze Töne Entwarnung signalisieren. Dann können auch Anwohner in ihre Häuser in der inneren Sperrzone (135 Meter rund um den AfE-Turm) zurück.

Am 27. Januar, so der Plan, beginnen die Arbeiter damit, die insgesamt 950 Kilogramm Sprengstoff in knapp 1400 Bohrlöchern unterzubringen. Was sie tagsüber nicht verarbeiten, wird über Nacht in ein 30 Kilometer entferntes Sprengstofflager gebracht und am nächsten Tag wieder zur Baustelle gefahren. Bis zum 30. Januar soll alles für die Sprengung vorbereitet sein. Ein bewaffneter Wachdienst hält ein Auge darauf, dass das brisante Material an Ort und Stelle bleibt.

Ob er denn wirklich keine Angst habe, dass etwas schiefgeht, insistieren Reporter später noch einmal. Eduard Reisch lächelt - und gibt endlich die erwünschte Antwort: Ein bisschen "sozialer Stress" werde das schon für ihn sein, wenn er am 2. Februar um 10 Uhr auf die Knöpfchen drückt. Na also.

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