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Wohnen in Frankfurt Anders wohnen – nicht so einfach

Gebaut wird in Frankfurt immer noch, als lebten wir in den 50er Jahren, doch die Lebensweisen der Menschen verändern sich.

Auf der Infobörse wird hier ein Projekt des Roten Kreuzes für Senioren, Familien und Flüchtlinge in Harheim vorgestellt. Foto: Monika Müller

Alles ist im Wandel. Lebensstile, Geschlechterrollen, Arbeitsformen, Mobilität. Seit Jahrzehnten. „Aber gebaut wird weiterhin wie in den 70er Jahren“, bemängelt Birgit Kasper, Koordinatorin des Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen. Grundrisse würden für die Kleinfamilie gemacht. Drei, vier Zimmer. Mutter, Vater, Kinder. Dabei gibt eine Vielfalt an unterschiedlichen Lebensformen. Und so mancher hätte lieber eine Hausgemeinschaft, eine gemeinsame Dachterrasse statt eines eigenen Balkons. „Es ist Zeit, für einen Teil der Gesellschaft auch anderen Wohnraum zu schaffen.“

So wie für Margit Heller. Sie schiebt sich auf der Infobörse für gemeinschaftliches und genossenschaftliches Wohnen des Netzwerks Frankfurt und des Amts für Wohnungswesen am Samstag durch die Römerhallen. Vorbei an den Ständen von 40 Wohninitiativen und Wohnprojekten. „Man möchte doch im Alter nicht unbedingt alleine sein“, sagt die 60-Jährige. Deswegen ist sie auf der Suche. Nach einer Hausgemeinschaft, in der man sich gegenseitig unterstützt. Junge und Alte, Familien und Alleinstehende. „Wir können uns alle schließlich viel geben.“

Doch ein Wohnprojekt auf die Beine zu stellen, ist gar nicht so einfach. Seit zehn Jahren gibt es das Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen, seit zehn Jahren engagiert es sich für alternative Wohnprojekte. Doch auch 2016 ist das noch schwer zu realisieren.

„Viele Gruppen sind frustriert"

„Viele Gruppen sind frustriert, man braucht viel Ausdauer“, sagt Kasper. Denn an ein Grundstück zu kommen, ist auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt schwer. Die Liegenschaften werden zum Höchstpreis vergeben und die Wohnprojekte stehen dabei in Konkurrenz mit Investoren. Die haben mehr Geld.
Als ersten Erfolg des politischen Engagements des Netzwerks bezeichnet Kasper daher, dass die Stadtverordneten beschlossen, zehn bis 15 Prozent der Fläche von Neubaugebieten für Wohnprojekte vorzuhalten. Das war 2006. Umgesetzt wurde die Vorgabe nicht. „Es ist mir ein großes Rätsel, warum das in Frankfurt nicht gemacht wird“, sagt Kasper. „In anderen Städten wird das einfach praktiziert, da gehören innovative Wohnflächen immer dazu.“

Für den neuen Planungsdezernenten Mike Josef (SPD) auch. Zumindest sagt er das bei der Eröffnung der Infobörse. „Wir müssen gucken, dass das nicht eine theoretische Beschlusslage ist, sondern in die Tat umgesetzt wird.“ Deshalb will er künftig schon bei der Baulandentwicklung Areale für gemeinschaftliche und genossenschaftliche Wohnprojekte freihalten. Beim Innovationsquartier etwa, bei der Entwicklung von Bonames-Ost. „Das sind Gelegenheiten, die wir nutzen sollten.“ Auch Investoren müsse man sagen, dass es klare Vorgaben in der Stadt gebe. „Wohnprojekte sollen fester Bestandteil in der Wohnbauentwicklung sein.“

Denn gemeinschaftliche Wohnprojekte tragen für ihn dazu bei, dass Quartiere lebendig werden, dass sozialer Zusammenhalt gestärkt wird. Und vor allem auch genossenschaftliches Wohnen schaffe bezahlbaren Wohnraum. „Es folgt nicht den Gesetzen des Marktes, bezahlbare Mieten entstehen“, sagt Josef. In Frankfurt werde zwar viel gebaut, „aber wir müssen auch hinbekommen, dass das den Lebensrealitäten entspricht.“ 41 Prozent der Frankfurter hätten etwa einen Anrecht auf eine Sozialwohnung. „Das ist die Lebensrealität in unserer Stadt.“

„Stärker in die Pflicht nehmen“

Wohnungsbaugesellschaften wie die ABG will Josef daher künftig „stärker in die Pflicht nehmen“. Zudem vergibt die Stadt inzwischen auch Grundstücke nicht nach dem höchsten Preis, sondern nach dem besten Konzept. Zum Zuge kommen so Gruppen, die mit einem Engagement für die Nachbarschaft und mit ihrem Konzept für die Nutzung des Grundstücks überzeugen können. Dafür gibt es seit 2015 den Liegenschaftsfonds, der gemeinsam mit der halbstädtischen Entwicklungsgesellschaft KEG Grundstücke und Immobilien sucht, die für Wohnprojekte geeignet sind. So wie die zwei Häuser an der Niddastraße, die gerade als erste solche Liegenschaften an Gruppen übergeben wurden. Grundstücke an der Bolongarostraße und der Friedberger Landstraße „stehen in den Startlöchern“, sagt Kasper.

Allerdings bemängelt Josef, der Liegenschaftsfonds sei auf Grundstücke beschränkt, die „schwer auf den Markt zu bringen sind“. Problem-Immobilien also. Der Fonds müsse daher ausgeweitet und gestärkt werden, sagt Josef.

Für Kasper ist aber auch klar: „Der Stadt fehlt es nicht an Flächen.“ Sie seien zum Teil nur der Wahrnehmung entzogen. So gebe es immer noch sehr viel leerstehenden Büroraum. „Dass darauf dann nur 50 Prozent Grundsteuer gezahlt wird, ist ein falsches Signal.“ Kasper fordert daher eine Leerstandsabgabe.

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