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WM am Flughafen Public Viewing der anderen Art

Am Frankfurter Flughafen gibt es einen speziellen Service für Fans - so können sie auch in ihrer Warteschlange Fußballspiele schauen. Nur gegen Zitterpartien gibt es keine Hilfe.

27.06.2018 19:07
Public Viewing
Public Viewing der etwas anderen Art. Promoter Usama Chema ermöglicht es Fußballfans am Flughafen, in ihrer Warteschlange ein Fußballspiel zu sehen. Foto: dpa

Sobald sich Usama Chema nähert, verlieren die südkoreanischen Studenten jegliches Interesse an den Formalitäten vor dem Rückflug nach Seoul. Denn der bärtige junge Fraport-Mitarbeiter mit dem freundlichen Lächeln trägt einen Bildschirm mit Übertragung der WM-Begegnung von Deutschland und Südkorea um die Brust. Zusammen mit zwei weiteren Kollegen ist er im Terminal unterwegs, um fußballfiebernden Reisenden nicht nur die Wartezeit zu verkürzen, sondern auch zwischen Check-In und Sicherheitskontrolle einen Blick auf das WM-Geschehen zu ermöglichen.

Flughafenbetreiber Fraport bietet diesen Service während der aktuellen Fußballweltmeisterschaft an. „Wir haben das bei allen deutschen Spielen gemacht - und mit Beginn der Achtelfinale gibt es den Service zu jedem Spiel“, sagt eine Fraport-Mitarbeiterin.

Sofort bildet sich eine aufgeregte Menschentraube um Chema. Auch wenn auf dem Spielfeld - jedenfalls zu diesem Zeitpunkt - nichts Aufregendes passiert. Kim, einer der koreanischen Studenten, macht ein leicht besorgtes Gesicht. „Schön, dass es zur Halbzeit null zu null steht“, sagt er. „Aber Deutschland wird sicherlich gewinnen. Das ist für uns schon sehr traurig. Aber gegen den Weltmeister kann man ja verlieren.“ Später dürfte er sich über den Endstand gefreut haben.

Chema selbst kann das Match gewissermaßen nur auf dem Kopf stehend beobachten. „Ich drücke natürlich Deutschland die Daumen“, versichert er. Ein Reisender hastet vorbei, ohne die Schlange mit den Augen auf das Spiel gerichtet zu bemerken. Den Blick hat er fest auf sein Tablet gerichtet, wo natürlich das WM-Spiel übertragen wird. Manche Passagiere streben im Deutschland-Trikot der Sicherheitskontrolle zu, den Rollkoffer hinter sich herziehend.

An der Passkontrolle in die Non-Schengen-Zone des Flughafens klingen leise Fußballgeräusche aus dem Schalter der Bundespolizisten. Ganz ohne Übertragung des WM-Verlaufs hält es an diesem fußballschicksalsträchtigen Tag kaum jemand aus - auch nicht die Flughafenmitarbeiter.

Glück hat, wer an diesem Mittwochnachmittag auf den Lufthansa-Flug nach Calgary wartet oder dort am Abfertigungsschalter arbeitet. Dort haben Reisende und Mitarbeiter nämlich den perfekten Blick auf die gewölbte Großleinwand am sogenannten Erlebnisgate mit einer Breite von 21 Metern und einer Höhe von 1,60 Metern. Ein paar erschöpfte Passagiere schlummern allerdings ihren Jetlag weg.

In einer der „Movie Boxen“, in denen wartende Fernreisende sonst Videos in kleinen Gruppen schauen können, beobachten auch Emiliano, Matías und Reynaldo aus Buenos Aires das Match. Die drei - Großvater, Sohn und Enkel - sind ziemlich erschöpft vom Familienausflug zur WM. Ein blau-weißer Fanschal in den argentinischen Farben fällt lasch von Matías Schultern.

„Gestern war die Hölle, vor allem diese letzten Minuten“, sagt der vollbärtige „Gauchos“-Fan. „Ich hatte keine Stimme mehr.“ Deutsche Fans können das Gefühl seit Mittwochabend nachempfinden, wenn auch ohne Happy End. Und auch die Argentinier ahnen noch nichts von dem bevorstehenden Drama der Titelverteidiger. „Ich sehe Deutschland auf Platz fünf, vielleicht sogar vier“, prophezeit der Argentinier. Und das eigene Land? Die Augen des 16-jährigen Emiliano leuchten. „Seit gestern glaube ich wieder an das Team. Vielleicht sogar bis zum Finale? Das sehen wir dann aber in Argentinien.“

Die einen fliegen ab, die anderen fliegen raus. Dass es das eigene Team sein würde, hätten die Fans aus Deutschland, die im öffentlichen Bereich des Flughafens vor einer großen TV-Wand zusammen hoffen und zittern, aber nicht gedacht. Sprachlosigkeit und betretene Gesichter breiten sich aus. Einer bringt die allgemeine Stimmung mit einem Wort zum Ausdruck: „Scheiße.“ (dpa)

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