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Wirtschafts-Knowhow Ohne Grenzen

Wie junge Frauen mit Hintergründen aus aller Welt ihre interkulturelle Kompetenz geschäftlich nutzen können, können sie in einem Netzwerk lernen.

26.12.2010 22:00
Alia von Werder, Annette Kirsch, Dorothea Winterling und Isinay Kemmler (v.l.). Foto: Chris Hartung

Alia von Werder ist Anwältin. Im April 2009 hat sie sich zusammen mit einer Geschäftspartnerin selbstständig gemacht und eine eigene Kanzlei gegründet. Ihre Eltern kamen aus Damaskus, um in Deutschland zu studieren. Von Werder kennt sich aus im Islam und nutzt diese Kenntnisse jetzt auch beruflich – zum Beispiel, indem sie Ärzte und Krankenhäuser im Umgang mit muslimischen Patienten berät. Wer mit einem muslimischen Patienten über das Sterben und Patientenverfügungen spricht, sollte wissen, dass „der Moslem keine Angst vor dem Tod hat, ihn häufig als einen Übergang in eine bessere Welt“ betrachtet.
Die 33-jährige Juristin trifft sich regelmäßig mit anderen Unternehmerinnen, die – jede auf ihre Art – multikulturelle Kompetenz in Geschäftsideen verwandeln. Dorothea Winterling (53) war mit einem Iraner verheiratet. Lange hat die studierte Linguistin in der Uni Mainz als Verwaltungsangestellte gearbeitet. Vor knapp vier Monaten hat sie sich selbstständig gemacht. „Jetzt tue ich, was ich immer tun wollte“, sagt sie und bietet Web Design, Programmieren und Übersetzen an. Zur Zeit baut sie eine Website für eine afghanische Unternehmerin auf, die in Frankfurt lebt. Dazu gehören Texte in deutscher, englischer Sprache und in Dari – einer der beiden Sprachen, die in Afghanistan gesprochen werden. Da Dari dem Persischen, das Winterling beherrscht, ähnlich ist, hat sie es sich selbst beigebracht. Außerdem lernt sie gerade arabisch.
Annette Kirsch steckt noch in der Planungsphase. Sie möchte sich als Social Entrepreneur selbstständig machen: „Es gibt ein unglaublich großes Potenzial von Leuten, die etwas verändern wollen. In diese Bewegung möchte ich mich einklinken.“ Die 41-Jährige ist schon einmal ihrem Herzen gefolgt, hat den Job als Programmleiterin in einem wissenschaftlichen Verlag sausen lassen, um in Frankfurt das Tibet-Haus aufzubauen und zu betreuen. Nach einer „sehr schönen katholischen Kindheit“ ist Kirsch Buddhistin geworden, weil ihr die „Antworten auf die großen Fragen“ wie der nach Gerechtigkeit besser gefielen.

Klein angefangen


Derzeit arbeitet sie noch als Lektorin für eine türkische Zeitung. Ihre Geschäftsidee: Sie möchte eine Internet-Plattform mit Geschichten über Leute einrichten, „die etwas bewegt haben“ und von denen man lernen kann. Als bekanntes Beispiel nennt Kirsch den bangladeschischen Wirtschaftswissenschaftler, Muhammad Yunus, der eine Bank gründete, die arme Leute mit Kleinkrediten versorgt. 2006 hat er dafür den Friedensnobelpreis bekommen. Kirsch denkt aber auch an andere, weniger prominente „Change Agents“ – etwa an jene Frau aus Süddeutschland, die ihre eigene Stromversorgung aufgebaut hat, weil sie keinen Atomstrom beziehen wollte.
Isinay Kemmler (42) hat nun schon fünf Jahre Erfahrung als selbstständige Marketing-Expertin. Sie berät mittelständige Unternehmen, die ins Ausland gehen wollen. „Die Globalisierung ist nicht mehr den großen Unternehmen vorbehalten“, sagt Kemmler, die Internationale Beziehungen in Istanbul, Politik, Wirtschaftswissenschaften und Medienwissenschaften in Deutschland studiert hat. Die 42-Jährige war es auch, die das Netzwerk interkultureller Unternehmerinnen ins Leben rief, dem alle vier Frauen angehören. Das Netzwerk möchte Frauen mit einem interkulturellen Selbstverständnis zusammenbringen. Unparteiisch, aber „sehr politisch“ wollen sich die Mitglieder auf der Basis von Offenheit, Neugier, Toleranz und Respekt austauschen. Sicher gehören auch praktische Tipps dazu, zum Beispiel, was die Finanzierung angeht.
Dorothea Winterling bekommt den Gründungszuschuss von der Agentur für Arbeit und steht sich nicht schlechter als vorher. „Mit einer halben Stelle und zwei Kindern ist man daran gewöhnt, bescheiden zu leben.“ Alia von Werder hat mit wenigen Bordmitteln angefangen: Laptop, Visitenkarten, Telefon, Faxgerät und Scanner. „Damit kann man viele Briefmarken sparen.“ Dazu kam viel Werbung im Freundes- und Bekanntenkreis. Immer wenn wieder etwas Geld in der Kasse war, wurde weiter investiert: „Wir mussten keinen Kredit aufnehmen.“

Weitere Informationen über das Netzwerk interkultureller Unternehmerinnen über www.iku-net.org

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