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Weylchem in Griesheim Im Dunstkreis des Industrieparks

Die Anwohner der Chemiefabriken wurden vom Alarm geweckt. Viele reagieren gelassen auf den neuerlichen Störfall - andere haben schon vor langer Zeit das Vertrauen in die Unternehmen verloren.

Chemieunfall in Frankfurter Industriepark
Die Werksfeuerwehr versucht den Austritt der Salzsäure zu stoppen und den lecken Container abzudichten. Foto: dpa

Marissa Ruoff sitzt mit Tochter Laura auf dem Balkon und raucht eine Zigarette. Die feuchte Witterung an diesem Dienstagmorgen lädt nicht unbedingt dazu ein, aber der Balkon mit Blumenampeln, dem Schildchen „Lieblingsmensch“ und einer kleinen Eintracht-Fahne wirkt dennoch recht gemütlich. So gemütlich, wie ein Balkon sein kann, der sich nur gut zehn Meter von der mit Stacheldraht gesicherten Mauer des Industrieparks Griesheim befindet. 

Die Anwohner der Haeusermannstraße sind so nah dran am Industriepark wie sonst niemand. Die Alarmsirene am Morgen gegen 4.30 Uhr hat Marissa Ruoff daher natürlich geweckt. „Ich habe die Fenster geschlossen, das Radio angemacht und im Internet geschaut, was los ist“, sagt Ruoff und klingt dabei recht unaufgeregt. „Keine Panik“, sagt sie und zieht an ihrer Zigarette. Ihr Mann habe selbst 30 Jahre im Industriepark Griesheim gearbeitet. Den Probealarm jeden ersten Mittwoch im Monat nehme sie schon gar nicht mehr wahr. 

Aber einfach rumdrehen und weiterschlafen konnte sie doch nicht. „Ich will dann schon wissen, was los ist“, sagt Ruoff, die den Link mit dem Gefahrenhinweis, wonach auf dem Gelände Salzsäure ausgetreten sein soll, auch an eine Freundin weiterleitete. Die wohnt etwa 200 Meter weiter in der Fabriciusstraße und damit auch in der von der Feuerwehr ausgewiesenen möglichen Gefahrenzone. „Sie hatte aber gar nichts davon mitbekommen und die Sirene nicht gehört“, so Ruoff.

Jutta Müller wohnt ebenfalls in der Fabriciusstraße und scheint einen leichteren Schlaf zu haben als Ruoffs Freundin. „Ich habe das gehört und gleich die 112 angerufen, das soll man ja eigentlich nicht machen“, gesteht Müller. Sie habe dann von dem Mitarbeiter der Notrufzentrale erfahren, dass Gas ausgetreten sei. „Mehr wollte er nicht sagen.“ Die Rentnerin wohnt seit 25 Jahren im Dunstkreis des Industrieparks. So richtig wohlgefühlt hat sie sich nie. „Es ist schon ein bisschen unheimlich, hier zu wohnen“, sagt Müller. 

Wie beim letzten Mal, als Salzsäure ausgetreten sei, habe sie ein leichtes Kratzen im Hals verspürt. „Ich bin da sehr empfindlich und glaube nicht, dass ich mir das einbilde.“ Auf die Straße getraut habe sie sich erst nach der Entwarnung der Feuerwehr. In die Unternehmen im Industriepark habe sie kein Vertrauen. „Denen glaube ich sowieso nichts, die tun immer so, als sei das ganz harmlos“, so Müller, die damals wegen des Jobs nach Griesheim gezogen war. Sie wundere sich manchmal auch über „die alten“ Griesheimer. „Die tun selbst immer so, als wäre nichts.“ Müller ist nachdenklich. „Irgendwie haben wir es nie wieder geschafft, hier wegzuziehen.“

Andere wohnen noch näher dran, sind aber ganz entspannt. In der Stroofstraße, keine 150 Meter vom Haupteingang des Industrieparks entfernt, geht gegen 9.30 Uhr ein Mann mit seinem Hund spazieren. Er wohne gleich zwei Häuser weiter. Von den Sirenen habe er nichts gehört, weder um halb fünf, noch um kurz vor sieben Uhr am Morgen. „Was ist denn passiert?“, fragt er alles andere als aufgeregt.

Auch vor den Werkstoren selbst geht es zur gleichen Zeit eher ruhig zu. Ein Mitarbeiter der Werksfeuerwehr macht gerade eine Zigarettenpause. Er sei am Morgen alarmiert worden. Da er aber aus dem Rheingau-Taunus-Kreis anreise, sei es gar nicht so einfach gewesen, zum Ort des Geschehens vorzudringen. „Die Schwanheimer Brücke war gesperrt und ich musste außen herum fahren.“ Bis er seinen Arbeitsplatz erreicht habe, sei er nicht mehr gebraucht worden.

Nur ein Einsatzfahrzeug steht noch an der Stelle, wo die Salzsäure Stunden vorher aus dem Container ausgetreten war. Die Werksfeuerwehr stufte den Vorfall als sogenannten D3-Fall ein. Unterschieden werden vier Einsatzstufen von D1 bis D4. Die erste Stufe ist für Vorfälle gedacht, die nach außen nicht sichtbar sind und keine Auswirkungen haben. D2 ist für Vorfälle gedacht, die nach außen sichtbar sind, aber keine Auswirkungen haben. „Das könnte etwa sein, wenn ein Stapel Paletten brennt“, erläutert Betriebsleiter Carsten Müller. Bei den ersten beiden Warnstufen werde nur innerhalb des Geländes alarmiert. Bei D3 und D4 dann auch außerhalb.

Manch ein Anwohner weiß aber gar nicht, was es mit den Sirenen auf sich hat. Zum Warnbereich gehörten am Dienstagmorgen wegen des Südwestwinds auch Teile von Nied. Im Nieder Kirchweg, der direkten Verlängerung der Stroofstraße, bringt ein Anwohner gerade den Müll raus. Die Sirene habe er gehört. „Was hat das eigentlich zu bedeuten?“ 

Weylchem-Betriebsleiter Müller ist auch verwundert darüber, dass mancher selbst in der Stroofstraße die Sirenen nicht gehört hat und verspricht, die Sirenenstandorte kritisch hinterfragen zu lassen. Auch eine Aufklärungskampagne scheint für manchen Anwohner ratsam, sollte wirklich einmal die Warnstufe D4 ausgerufen werden. Nicht jeder Anwohner ist bei Störfällen so erfahren wie Marissa Ruoff. 

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