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Wetter in Hessen Die wollen nur singen

Das verrückte Gezwitscher im Dezember ist kein Grund, sich Sorgen zu machen. Die Vögel mögen vielleicht Frühlingsgefühle haben, doch sie sind zu clever, um jetzt schon brüten zu wollen.

Rotkehlchen überwintern in immer größerer Zahl im Rhein-Main-Gebiet. Foto: Staatliche Vogelschutzwarte

Es ist doch wirklich nicht zu glauben. Wir öffnen am Morgen das Schlafzimmerfenster, und wo sonst um diese Jahreszeit spitze Eiszapfen in hüfthohe Schneehaufen stürzen – zwosch! –, sitzt jetzt der freundliche Herr Amsel auf dem Dach und singt, was der Schnabel hergibt. Tirili. Die Kollegen vom Meisen-Gesangverein stimmen mit ein. Zizizizi. Ein Konzert wie im schönsten Frühling. Warum tun die das?

„Jedenfalls nicht, um uns zu erfreuen“, sagt Ingolf Grabow, bester Freund der Gefiederten, Beauftragter der Vogelschutzwarte, und lacht. „Der Gesang außerhalb der Brutzeit dient der Reviersicherung.“ Mit anderen Worten, was der werte Herr Amsel sagen will, ist: „Hört mal zu, Leute, ihr befindet euch in meinem Hoheitsgebiet.“ Aber natürlich sei der Gesang auch teils Ausdruck eines Wohlempfindens, übersetzt Grabow. Der Vogel ist gut gelaunt, weil die Sonne scheint, weil es verhältnismäßig warm ist, er singt aus einer gewissen Vorfreude auf die Brutzeit heraus. Wird denn jetzt auch schon losgebrütet? Beziehungsweise: Geruht Frau Amsel, bereits das eine oder andere Ei zu legen? Auf die Gefahr hin, die Jungen an den ersten scharfen Frost zu verlieren?

Nein. Erfahrene Ornithologen wissen: Der Vogel ist keineswegs dumm – er orientiert sich nicht allein an den Temperaturen, sondern auch am Nahrungsangebot. Gibt es schon genug Insekten, um den Nachwuchs zu füttern? Gibt es nicht. Die paar altersschwachen Mücken und die Biene, die am Samstag schlaftrunken gegen die Balkontür dotzte (plonk – „tschulljung“) zählen nicht.

Knallharter Tipp

Vor allem aber dient die Tageslänge den Vögeln als Hilfe bei der Familienplanung. Und zurzeit ist es dafür noch viel zu lang viel zu dunkel.

Manchen Pflanzen ist das nicht so wichtig. Allenthalben wird ausgeschlagen, geblüht und geknospt, Weidenkätzchen lassen ihr Fell sprießen. Das sieht hübsch aus, kann aber, falls es doch noch mal richtig kalt wird, im wahren, echten Frühling zu Verlusten führen. Wer im Winter schon zu viel Energie in seine Schönheit investiert hat, kommt womöglich aus dem Rhythmus. „Da geht fürs Blühen jetzt mehr Energie raus, als durch Photosynthese wieder reinkommt“, warnte Palmengarten-Botanikerin Hilke Steinecke schon im November.

Vögel sind da vorsichtiger und warten noch mit der Fortpflanzung. Aber sie zwitschern – herrliches Konzert im Sonnenschein. Wen hören wir denn da zurzeit? Rotkehlchen (dib-dib-dib), zählt Grabow auf, besonders jene Rotkehlchen aus dem Baltikum und aus Nordeuropa, die in immer größerer Zahl bei uns überwintern, dann die Amsel (unerschöpfliches Repertoire), die Schwanzmeise mit ihren Kontaktrufen (prrt-prrt-prrt) bei der Futtersuche, weitere Wintergäste wie Zeisig (fiiiiii) und Stieglitz (didudit). Spatzen natürlich (tschilp). Und so mancher Zwergtaucher steckt den Kopf aus der Nidda (triller), um ein Liedchen zu trillern. „Sogar einige Kraniche (hup-hup) sind in diesem Jahr hiergeblieben“, sagt der Vogelkundler. Immer präsenter zeigen sich auch die grünen Halsbandsittiche (piu-piu) im Stadtbild – und natürlich die Nilgänse (Autohupe aus „Väter der Klamotte“), die im Gegensatz zu den anderen Vögeln unverdrossen das ganze Jahr über brüten, sogar im Winter bei Schnee.

Zur knallharten Nachricht auf Seite 1 gehört auch ein knallharter Tipp: Genießen wir das Gezwitscher einfach, selbst wenn es nicht zur Jahreszeit passt. Die Stille kommt noch früh genug. Am Samstag soll es im Taunus schneien. „Wenn es kühler wird, stellen die Vögel den Gesang wieder ein“, sagt Grabow. Dann bleiben uns bis März nur die rauen Stimmen der Raben- und Saatkrähen. Aber die gehören ja auch zu den Singvögeln.

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