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Westend-Verlag Bücher kämpfen gegen Kapitalismus

Der Westend-Verlag legt Wert auf eine kritische Betrachtung der Realität. Verlegt werden kritische Sachbücher zu brisanten Themen aus Politik, Wirtschaft und Ökologie.

Markus J. Karsten vom Westend-Verlag. Foto: Alex Kraus

Manchmal kommen Verleger unerwartet zu ihren Büchern. Markus J. Karsten traf den tibetanischen Feldarbeiter Lobsang Dawa zufällig im Zug von München nach Dortmund: „Der Mann sprach kein Wort Deutsch. Zuerst haben wir uns mit Händen und Füßen verständigt, dann mithilfe des Wörterbuchs im Handy.“ So erfuhr der Westend-Verleger, dass der Mann aus Tibet über den Himalaya nach Europa geflüchtet war.

Karsten berührte das Schicksal des Flüchtlings, und noch bevor er ausstieg, spürte er, dass seine Geschichte ein Buch werden könnte. Wenig später schickte er einen Übersetzer nach Dortmund und machte aus Dawas Bericht über seine Flucht aus Tibet und die Misshandlung und Demütigung in chinesischen Gefängnissen ein Buch. „Tod in Tibet“ erscheint im nächsten Frühjahr.

Auch wenn nicht alle Bücher des Westend-Verlags auf derart abenteuerliche Weise entstehen, Markus Karsten sucht als Verleger die Reibung mit der Realität. Mit ernster Miene kritisiert er, wie deutsche Medien ein einseitiges Meinungsbild prägen. „Die Ukraine-Krise ist ein aktuelles Beispiel dafür, wie viele Medien die interessengeleitete Geopolitik des Westens schützen.“

Sachbücher zu brisanten Themen

In ihrem Verlagsbüro mit Blick auf die Paulskirche, das Frankfurter Symbol für Freiheit und Demokratie, verlegen Karsten und sein Team kritische Sachbücher zu brisanten Themen aus Politik, Wirtschaft und Ökologie. Prägnante Titel dominieren das aktuelle Programm: „Mehr Süden wagen“ greift die innere Spaltung Europas durch die Euro-Krise auf, „Teilen, nicht töten“ formuliert eine Kritik an der Leistungsgesellschaft, und das Merkel-kritische Buch „Deutschland im Tiefschlaf“ von FR-Autor Stephan Hebel wendet sich gegen die „Weiter so“-Politik der Kanzlerin.

Westend-Bücher kämpfen gegen einen entfesselten Kapitalismus, für die Umverteilung von Wohlstand oder für die Legalisierung von Cannabis. Man könnte die Verleger als Meinungsmacher verstehen, sie selbst sehen das – natürlich – anders: „Wir wollen überhaupt erst die Grundlagen schaffen, damit sich Menschen eine unabhängige Meinung bilden können“, sagt Karsten. Das beste Marketing sei „ein klares, linkskritisches Profil jenseits des Medien-Mainstreams“. Nach einigen „Spiegel“-Bestsellern kann sich der Westend-Verlag seine kompromisslose Haltung leisten.

Gerne Frankfurter Autoren

Frankfurt als Börsenstandort mit ausgeprägtem Wirtschaftsleben bezeichnet Karsten als ein „interessantes Spannungsfeld“: „So mittendrin zu sein wie in Frankfurt, ist ein Ansporn, genauer hinzusehen.“ Der Westend-Verlag arbeitet auch gerne mit Frankfurter Autoren wie dem ehemaligen MMK-Direktor Jean-Christophe Ammann oder der Politikerin Jutta Ditfurth. Im Januar erscheint auch Petra Roths Streitschrift „Die Neuerfindung der Städte“, in der die ehemalige Oberbürgermeisterin für eine Stärkung der Metropolregionen in Deutschland wirbt.

Die fast elfjährige Verlagsgeschichte verlief trotz Wirtschaftskrise bilderbuchhaft. 2004 begann alles mit einem Titel. „50 einfache Dinge, die Sie tun können, um die Welt zu retten“ verkaufte sich so gut, dass Markus Karsten und Mitbegründer Michael Morganti schnell Lust auf mehr bekamen. Mittlerweile erscheinen rund 20 Bücher im Jahr. Doch ganz ohne Kompromisse kommen auch die Westend-Idealisten nicht aus. Ab 2015 gibt es erstmals Krimis im Programm. Natürlich „nichts Seichtes“. In „Die Termiten“ enthüllen Henning Venske und Günter Handlögten Mafia-Strukturen in einer „westdeutschen Großstadt“. Wer die Namen im Buch entschlüsselt und der Öffentlichkeit zugänglich macht, habe mit möglichen juristischen oder gar persönlichen Folgen zu rechnen, warnen die Autoren. lenz

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