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Welt-Aids-Tag in Frankfurt „Ich will mich nicht verstellen“

Eine Frankfurter Erzieherin weiß seit einigen Monaten, dass sie HIV-positiv ist. Sie hofft, dass die Gesellschaft lernt, besser mit der Krankheit umzugehen.

Aidshilfe
Die rote Schleife als Symbol der Solidarität mit HIV-Positiven und Aids-Kranken. Foto: Arne Dedert (dpa)

Heute ist Welt-Aids-Tag. Aber immer noch ist die Krankheit für viele ein Tabuthema. Mehr noch, viele ahnen jahrelang gar nicht, dass sie das HI-Virus in sich tragen. Wie eine Erzieherin aus Frankfurt.

„Seit diesem Frühjahr weiß ich, dass ich HIV-positiv bin. Ich bin Mitte 40 und erst seit einem Jahr mit meiner Erzieherschule fertig. Infiziert habe ich mich aber vor wesentlich längerer Zeit. Ich kann froh sein, dass ich jetzt noch da bin. Meine Ärztin sagt, es muss elf bis dreizehn Jahre her sein, dass ich mich angesteckt habe.

Ich habe seit Jahren HNO-Probleme, was sehr viele Erzieherinnen im Kindergarten haben. Es wurde aber immer schlimmer. Irgendwann fragten mich die Ärzte, ob ich schon mal einen HIV-Test gemacht habe. Ich sagte: „Warum soll ich einen HIV-Test machen?“ Ich bin niemand, der dauernd seine Beziehungen wechselt, ich gehöre in keine Risikogruppe und habe ein ganz normales Liebesleben wie jeder andere auch. In den vergangenen 13 Jahren hatte ich drei Beziehungen. Viele Frauen in meinem Alter, die immer in Beziehungen waren, denken nicht darüber nach und lassen sich so auch nicht testen.

Der Arzt nahm mich in den Arm

Ich ließ den Test ohne schlechtes Gefühl machen. Als der Chefarzt mir sagte, dass ich HIV-positiv bin, bin ich in Schockstarre verfallen. Er nahm mich in den Arm. Das ist genau das, was man in dem Moment braucht. Denn der erste Gedanke ist: „Oh Gott, mich kann keiner mehr anfassen.“ Das ist natürlich völliger Quatsch, aber in diesem Moment denkt man eben nicht logisch. Die Angst ist vorherrschend. Der Arzt hat mich sofort beruhigt, dass man heute dank der Medikamente nicht mehr stirbt und so alt werden kann wie jeder andere. Meine Eltern waren natürlich total geschockt, aber zuerst stand da die große Sorge um mich.

Sofort hatte ich einen Termin im Infektiologikum. Alle Medikamente, die es heute gibt, wurden mir da vorgestellt. Die Nebenwirkungen sind viel weniger geworden. Ich habe nur etwas zugenommen.

Meine Familie riet mir, um meiner beruflichen Karriere nicht zu schaden, es niemandem zu erzählen. Aber ich bin nicht der Typ, der sich dauerhaft verstellen kann. Ich muss mich öffnen, oder ich kriege eine Macke. Meine Leitung weiß es. Sie haben es super aufgenommen. Ich darf weiter dort arbeiten. Der Erzieher-Beruf ist da besonders sensibel. Man hat viele Eltern, die, auch wenn es irrational ist, besorgt sind um ihre Kinder. Dabei bin ich durch die Medikamente unter der Virusgrenze und so nicht ansteckend. Am liebsten würde ich es ihnen sagen.

Momentan kann ich leider nicht arbeiten, weil mein Immunsystem wegen der vielen Jahre der Nicht-Behandlung noch nicht stabil ist. Von wem ich mich angesteckt habe, weiß ich nicht ganz genau. Es stehen zwei Ex-Freunde zur Auswahl. Das große Glück war, dass ich meine letzte Beziehung nicht angesteckt habe. Der vorletzte Freund wollte sofort den Test machen. Aber er hat sich dann nicht mehr gemeldet. Ich vermute, dass er auch HIV hat.

Ob ich ihn angesteckt habe oder er mich, weiß ich nicht. So was wie Rachegefühle habe ich nie gehabt, weil ich fest davon ausgehe, dass keiner der beiden Männer das mit Absicht gemacht hat. Momentan date ich niemanden. Ich werde es auf jeden Fall demjenigen sagen, wenn es so weit ist.

Ich habe leider das Gefühl, dass die Krankheit nicht mehr so stark in den Köpfen der Jugendlichen ist. Dazu wäre es wichtig, dass das Thema auch Teil der Erzieherausbildung ist. Wir sind schließlich diejenigen, die der nächsten Generation eine Normalität mit dieser Krankheit zeigen sollten, ohne sie dabei zu verharmlosen.

In meinem Leben ist vieles nicht so toll gelaufen, und jetzt, als ich mit meiner Erzieherausbildung fertig war, dachte ich: „Jetzt geht es los. Jetzt suche ich mir einen Freund und mache, was ich will.“ Dann diese Diagnose. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen. Jetzt erst recht nicht.

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