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Wasserhäuschen Der Büdchen-Sammler

Hubert Gloss kennt sich mit Frankfurter Wasserhäuschen aus wie kaum jemand sonst. Er hat unzählige Postkarten, Fotos und Zeitungsausschnitte. Die Abstimmung über das Wasserhäuschen 2014 endet übrigens am 8. Oktober.

08.10.2014 13:47
Robyn Schmidt
Stadtteilhistoriker Hubert Gloss. Foto: christoph boeckheler*

Hubert Gloss blättert durch sein dickes Fotoalbum. Die Seiten sind gefüllt mit Bildern Frankfurter Wasserhäuschen, die er gemacht hat, teils noch schwarz-weiß, ein paar in Farbe. „Das Wasserhäuschen gibt’s heute nicht mehr“, sagt Gloss und zeigt auf ein Bild auf der aufgeschlagenen Seite. Er blättert. „Das auch nicht mehr.“ Blätter. „Das hier wurde abgerissen.“

Auf dem Tisch vor ihm stapeln sich Postkarten, Fotos und Zeitungsausschnitte. Viele der Wasserhäuschen auf den Bildern sind mittlerweile Geschichte. Abgerissen, umfunktioniert, abgebrannt. „Es gibt kaum noch mehr als 120 freistehende Wasserhäuschen in Frankfurt“, sagt Gloss. Als er vor 23 Jahren angefangen hat, sie zu fotografieren, seien es noch mehr als doppelt so viele gewesen.

Richtig begonnen hat Hubert Gloss’ Leidenschaft für Wasserhäuschen 1991. Er arbeitete in Frankfurt als Pressefotograf, als er von einem Postkartenverlag den Auftrag bekam, Wasserhäuschen als Motiv zu nehmen. Dann ging es schnell, Gloss kreierte eigene Postkarten, Poster und stellte seine Wasserhäuschen-Bilder aus. Sie hängen in Kiosken, in Büros, seine Postkarten seien in einer Apotheke überraschend zum Verkaufsschlager geworden, andere würden auf Ebay als Nostalgiestücke ersteigert, berichtet er.

Ein ehrlicher Ort, ein Babbeleck

Hat Gloss erst mal angefangen zu erzählen, ist er kaum aufzuhalten. Er sitzt in der Apfelweinwirtschaft Homburger Hof, richtet seinen roten Schlips und die Seemannskappe, so dass sie wieder lustig schief auf seinem Kopf sitzt. An den Wänden hängen seine Fotos, die der Wirt vor zwei Jahren gekauft hat. „Wasserhäuschen sind für mich auch Kindheitserinnerungen“, sagt er. Als kleiner Junge habe er sich dort schon Prickel-Pit-Brausetabletten und Nappo-Schokolade gekauft. Die Süßigkeiten gebe es sogar noch heute an einigen Kiosken.

„Am Wasserhäuschen findet Menschlichkeit statt“, sagt Gloss. Es sei ein ehrlicher Ort, ein Babbeleck. Die Tradition in den Kiosken bleibt erhalten, auch wenn die Besitzer wechseln. „Es ist erstaunlich, dass gerade Besitzer, die eigentlich aus einem anderen Land kommen, sehr viel für die Frankfurter Wasserhäuschen-Tradition machen.“ Manche würden beispielsweise den Häuschen ihre ursprünglichen Namen zurückgeben, die ihnen andere Besitzer zwischenzeitlich nahmen.

Ein Kiosk sei ein Treffpunkt für jeden, sagt Gloss. „Da kann man sowohl im Schlips als auch im Bademantel hingehen.“ Oft schon sei ihm ein Schoppen auch von Menschen ausgegeben worden, die deutlich weniger verdienen als er. Am Wasserhäuschen träfen sich Ärzte mit Arbeitslosen. Ein Kontrast, der sich auch in der Stadt spiegele. Auf der einen Seite die Bankenhochhäuser, auf der anderen die Wasserhäuschen. „Das alles ist Frankfurt.“

Um die Wasserhäuschen-Seite der Stadt den Leuten näherzubringen, bietet Gloss zusammen mit Oliver Kirst Führungen an. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad geht es von Kiosk zu Kiosk. Beim „Stadtlabor-unterwegs“-Projekt in den Wallanlagen diesen Sommer waren die beiden Experten auch dabei, und das sehr erfolgreich. „Zu einer Fahrradtour kamen 55 Leute“, sagt Gloss.

Hubert Gloss hat viele Bezeichnungen für sich selbst. Wortschöpfer („Hessisch Trinking“, „Bierathlon“), Minimalist, aber vor allem Jäger und Sammler, denn er sammelt Wasserhäuschen-Memorabilia aller Art. Begonnen hat alles mit einem Pfandgroschen von Jöst, der Firma, der lange Zeit ein Großteil der Frankfurter Wasserhäuschen gehörte. Mittlerweile besitzt Gloss alte Binding- und Henninger-Bierflaschen, Aschenbecher, Zahlteller, Bierdeckel, Schürzen, Schilder, alte Preislisten von Wasserhäuschen ... Hauptsächlich sind die Stücke aus den 60er und 70er Jahren. „Eine Epoche, in der es den Wasserhäuschen noch gutging.“ Letzthin sei er mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren, im Gepäck 43 Bierkrüge, die er für zwei Euro auf Ebay ersteigert hat und in Frankfurt abholen musste. „Davon ist unterwegs keiner zu Bruch gegangen.“

Die Zukunft der Wasserhäuschen sieht Hubert Gloss düster. Billige Supermärkte und Tankstellen schaffen große Konkurrenz. Dazu komme noch der schlechte Ruf, den die Buden bei manchen haben. Oft heiße es, da stünden nur Säufer herum. „Das stimmt nicht“, sagt Gloss. Außerdem sei das eine Doppelmoral. „Die, die das sagen, haben ja selbst oft den Whiskey in der Schublade liegen.“

Momentan sind Wasserhäuschen aber ein großes Thema. Die Menschen seien sich bewusst, dass es eine sterbende Alltagskultur ist. „Jetzt gerade gibt es einen ziemlich Hype“, sagt Gloss. „Aber die Frage ist: Wie lange noch?“

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