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Was ist schön? Ooka ooka ooka ooka

Der erste Ernstfall: Das noch junge Frankfurter Institut für empirische Ästhetik bat zur Studienperformance mit Schwitters’ Ursonate. Wir waren dabei.

Performancekünstler Michael Schmid, Meister der Ursonate. Foto: peter-juelich.com

Fümms bö wö tää zää Uu. Auf der Leinwand im Wartesaal ist schon ein kleiner Vorgeschmack dessen zu lesen, was die Testpersonen heute vor sich haben, beeeee bö. Es ist die „Ursonate“ von Kurt Schwitters, komponiert vor mehr als 90 Jahren, vertont in verschiedenen Versionen. Ein Jahrhundertgedicht, beeeee bö fümms bö wö tää. Oder eher ein Jahrhundertlied? Jedenfalls eine nicht enden wollende Abfolge von Lauten, die keinen erkennbaren Sinn ergeben.

Unmöglich, sollte man meinen, das in Gänze auswendig vorzutragen. Rrummpff tillff toooo? Aber Michael Schmid wird es heute in Gänze auswendig vortragen.

Gekommen sind zur ersten von zwei Veranstaltungen etwa 20 Zuhörer, ungefähr hälftig Frauen und Männer. Sie haben unterschrieben, dass sie Herzrate und Hautleitwert messen lassen, dass sie auch Performance-bezogene Fragen beantworten, denn sie sind nicht allein zum Spaß hier, sondern Teil einer Studie. Wie sie das finden, wenn Michael Schmid die Ursonate von Schwitters komplett auswendig vorträgt, das werden sie gleich den Forschern mitteilen, und zwar permanent.

Ausgedacht haben sich das die Leute vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik. Seit etwa zwei Jahren versuchen sie im Westend zu erforschen, was eigentlich nicht zu erforschen ist: was wir schön finden. Grimm glimm gnimm bimbimm. Und warum. Bemm bemm.

Sabine Baumgarten hat sich als Studienteilnehmerin angemeldet. „Ich will das so gern mal hören“, sagt sie. „Ich finde Dada faszinierend“ – Dada, die Kunst, die Konventionen überwindet und parodiert, um daraus Neues zu schaffen –, „und die Ursonate hat mich auch schon immer begeistert.“ Schwitters’ Stück: der Anreiz für die meisten Teilnehmer.

Drinnen im Konzertsaal des Instituts liegen Plastiktüten bereit mit den Instrumenten, die Herz und Haut überwachen sollen. Gedämpftes Licht, gedämpfte Akustik. Entspannte, angenehme Atmosphäre. Auf der Bühne erscheint ein Mann mit einer Frisur wie die Sonne, abstehende lange Strahlen rund um den Kopf, und beglückwünscht die Anwesenden zur „sehr seltenen Chance, die Ursonate live zu erleben“. Es ist Institutsdirektor Winfried Menninghaus, zuständig für Sprache und Literatur. „Sie können nichts falsch machen“, beruhigt er die Teilnehmer, wichtig sei nur: „Machen Sie es spontan, denken Sie nicht nach.“

Als Nächstes folgt die Präsentation des Beutelinhalts durch einen Mitarbeiter. Sie erinnert stark an das, was das Flugzeugpersonal vor Beginn einer Luftreise tut, um die Passagiere auf den Fall eines Absturzes vorzubereiten. Unterschied: Hier bei Max Planck müssen die vorgeführten Gegenstände sofort bei jedem Passagier funktionieren. Tut beispielsweise der Pulsmesser (Aufschrift: Nummer 25) nicht, wie ihm geheißen, muss er ersetzt werden durch einen anderen (hier: Nummer 17). Einerseits nur folgerichtig, weil die 17 die Lieblingszahl des Teilnehmers ist, wie sich herausstellt; andererseits auch erstaunlich, dass da letztlich doch noch zusammenkommt, was zusammengehört.

Aber hier geht es nicht um parapsychologische Phänomene, sondern um seriöse Forschung. „Das Schwierigste haben Sie schon geschafft“, sagt der Flugbegleiter, und schon wird es schwieriger. „Wie oft besuchen Sie Konzerte?“, fragt der Tabletcomputer die Studienteilnehmer. Sehr oft. „Wie gern lesen Sie Lautgedichte?“ Nun ja …

Aber da kommt Michael Schmid. Ruhe jetzt. Es geht los. Gruppe A muss im ersten Satz der Performance die Augen schließen. Na toll, denkt sich Gruppe A. Dabei möchte doch jeder sehen, wie er das macht, der Michael Schmid. Fümms bö wö tää zää Uu, pögiff, kwii Ee …

Hautwiderstand steigt

„Bei bestimmten Gedichten steigt der Hautwiderstand in kürzester Zeit auf das Dreifache“, sagt Literaturprofessor Menninghaus. „Uns interessiert, was wir über die Interaktion von Sprache und Musik lernen können. In der Literatur gibt es dazu noch gar nichts.“ Eine große Schwäche empirischer Studien sei nämlich die Frage: schön oder nicht schön? So sehr sie auch zur Ästhetik gehört – sie führt die Forscher allein nicht weiter, wenn nicht noch weitere Komponenten untersucht werden.

Deshalb stellt diese Studie mehr Fragen. Die Zuhörer geben nach jedem der vier Ursonate-Sätze Auskunft über ihre Emotionen beim Lauschen. Glücklich? Böse? Ärgerlich? Melancholisch? In fünf Abstufungen benennen sie, wie sehr das jeweils zutrifft. Ist der Vortrag rhythmisch? Überraschend? Langweilig? Aufregend? Wie aufregend? Eins bis fünf.

Gruppe A hält die Augen geschlossen und muss auf dem Tabletcomputer permanent mit einem Finger tasten, wie sie das findet, was sie hört. Finger ganz nach rechts: totale Begeisterung. Ganz nach links: völliger Mist. Im ersten Satz bleibt dem Publikum eigentlich gar nichts anderes übrig, als völlig aus dem Häuschen zu sein – unglaublich, was Schmid aus der Partitur macht, böwörötääzääUu pöggiff, fümmsböwötääzääUu pöggiff.

Wüsste man jetzt noch mit geschlossenen Augen, wo man gerade auf der Tablet-Skala ist, würde man alles geben. Die Frage ist nur: Der Mann in der nächsten Reihe, der permanent in die Vorstellung hineinhustet, soll man den mitbewerten? Geht das in die Gesamtzufriedenheit ein? Und: Wenn jemand unter einer schlimmen Infektion der Atemwege leidet, sollte der dringend zu einer Studie in einen Konzertsaal gehen und andere Studienteilnehmer bis aufs Blut nerven?

Zweiter Satz. Jetzt darf Gruppe A die Augen offen lassen, B schließt sie, und der Huster hustet weiter. Jetzt steht Schmid da und gibt überwiegend monotone Laute von sich. Da wäre der erste Satz sicher interessanter anzusehen gewesen. Dann bewerten, Fragen beantworten.

Dritter Satz. Wie – schon wieder Gruppe A mit geschlossenen Augen? Nee, oder? Danke, Trump! Stiller Protest. Da schummeln einige und schauen heimlich doch zu, wie Michael Schmid sich windet und biegt und die absurdesten Lautfolgen von sich gibt. Lanke trr gll. Pii pii pii pii pii. Züüka züüka züüka züüka. Anschließend wird man ja gefragt, ob man die Augen durchgehend geschlossen hatte. Da kann man auf Nein tippen und alles gestehen.

„Ein großer Teil heutiger Lyrikfreunde hört Gedichte und liest sie nicht. Das erklärt auch den Erfolg der Poetry Slams“, sagt Winfried Menninghaus. „Eine Frage, die wir uns stellen, ist: Gibt es über Verse und Sätze hinweg melodische Konturen, die einerseits nicht identisch sind mit einer musikalischen Melodie“, sie hat viel größere Spielräume in Tonhöhen und Tondauern, „andererseits aber durchaus gemessen werden können wie in der Musik?“

Um das zu ermitteln, hat das Institut einen professionellen Sprecher 40 Gedichte einsprechen lassen. Resultat: „Ja, es gibt eine poetische Sprachmelodie. Und das Coolste: Die Gedichte, die nach unserem Melodiemaß die höchsten Werte haben, sind auch die, die am ehesten vertont wurden.“

Wie merkt er sich das alles?

Letzter Satz. Fantastisch. Ooka ooka ooka ooka. Züüka züüka züüka züüka. Rmmp rnnf rmmp rnnf. Unglaublich. Wie macht Michael Schmid das? Wie merkt er sich das alles? Woher weiß er Tonlänge und Tonhöhe – das ist in der Partitur ja nicht angegeben? Es haben sich gewisse Konventionen im Vortrag der Ursonate eingebürgert in den vergangenen Jahrzehnten, sagt der Professor, Traditionen, aufgebaut auf die Interpretationen, die Kurt Schwitters und sein Sohn Ernst einst lieferten.

Fertig. Kabel ab, Pulsmesser ab, ein letztes Aufhusten von hinten, Riesenapplaus für den Musiker, Künstler und Lautpoeten Schmid. „Großartig“, sagt Sabine Baumgarten. „Der Rhythmus, den er hat, die Energie, die der Mann rübergebracht hat.“ Und dass er den Text komplett auswendig interpretiert, mit dem ganzen Körper – phänomenal.

„Herr Schmid hat eine ziemliche Akrobatik seiner artikulatorischen Organe in den Vortrag investiert“, lobt auch Menninghaus später. Er zieht eine positive Bilanz dieser allerersten öffentlich angekündigten Forschungsperformance im noch jungen Institut. „Das war unser erster Ernstfall im ArtLab. Ich bin positiv überrascht.“ Nun geht es an die Auswertung der Messergebnisse, die streng geheim und natürlich anonym sind. Die Frage, ob man womöglich die Resultate von Nummer 17 haben dürfe, läuft daher ins Leere.

Menninghaus lässt seine hartnäckigsten Fragensteller dennoch nicht ohne Mehrwert gehen. „Wir fangen erst an“, sagt er, aber eins stehe fest: „Kindern sollte viel mehr vorgelesen werden.“ Sie könnten heute oft von sich aus gar keinen Erzählduktus mehr aufbauen, weil ihnen die Vorbilder dafür fehlten. „Das ist eine der wichtigsten kognitiven Fähigkeiten: das Erzählen.“

Wenn er selbst in den Ruhestand trete, sagt der 63-Jährige, wolle er deshalb vorlesen, wann immer sich die Gelegenheit ergibt. Und vermutlich nicht die Ursonate. Zätt üpsiilon iks Wee fau Uu Tee äss ärr kuu Pee Oo änn ämm Ell kaa Ii haa Gee äff Ee dee zee beeee?

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