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Wald in Frankfurt Frankfurts Stadtwald, die Klima-Maschine

Mit 5785 Hektar ist der Frankfurter einer der größten Stadtwälder Deutschlands. Tina Baumann und ihre Mitarbeiter kümmern sich darum, dass es ihm gut geht.

Tina Baumann hat als Leiterin des Stadtforsts insgesamt 50 Leute unter sich. Foto: Sascha Rheker

Holger Spahn schwitzt. Mitten im Winter. Mitten im Stadtwald. Steht mit einer Säge neben einem gefällten Baum und schwitzt. „Weil’s so warm ist“, sagt der Forstwirt. Seine Chefin steht daneben und nickt. Viel zu warm, dieser Winter, bestätigt Tina Baumann. Gar nicht gut für den Wald.

Aber was will man machen? Nichts kann man machen – weiter muss man machen. Den Wald schützen, den Wald pflegen. Wenn einer das Klima retten kann, dann ist es schließlich der Wald.

„Der Stadtwald ist eine Klima-Maschine“, sagt Tina Baumann. „Es ist wichtig, ihn zu erhalten.“ Die 35-Jährige ist maßgeblich daran beteiligt, dass das auch klappt: Seit Dezember ist sie offiziell Leiterin der Abteilung Stadtforst des Grünflächenamts. Früher hätte man Forstamtsleiterin gesagt, als es das Forstamt noch gab; ganz früher hätte man Oberförsterin gesagt. Aber da gab es selten Frauen in dieser Position. Ganz selten.

Der grüne Geländewagen biegt auf einen Waldweg in Gravenbruch ein – auch dieses Gebiet gehört zum Frankfurter Stadtwald, zum großen, fast 5800 Hektar großen Forst, der zu gut einem Drittel außerhalb der Stadtgrenzen liegt. „Stop!“ steht auf einem Schild. „Forstarbeiten! Lebensgefahr!“ Von hier an geht es nur mit Helm weiter, und nur für Befugte. Ein Absperrseil ist gespannt. Sägen jaulen. Es ist Holzerntezeit.

Hundert Meter weiter drinnen im Wald steht Holger Spahn neben einer Buche. Bedächtig wirkt er. Unerfahrene würden den Baum womöglich in einem Rutsch durchsägen, und das wäre dann wohl auch das letzte Mal gewesen, dass sie bei lebendigem Leib in der Natur gewesen wären. Nein, der Forstwirt sägt mit Bedacht an den richtigen Stellen, das dauert 20 Minuten, im Schnitt, bis der Baum fällt. Oder bis er umgeworfen wird.

Umwerfend ist heute Andreas Höhn an der Arbeit, ebenfalls Forstwirt, ebenfalls mit der stattlichen Buche beschäftigt. Nach Art der sogenannten Darmstädter Seilzugtechnik hat er ganz am Anfang der Fällarbeit ein Stahlseil mit einem Katapult hoch um den Stamm des Baumes geworfen. Dieses Seil ist mit einem Schlepper verbunden und steht unter Spannung, damit die Buche nicht in eine falsche Richtung umstürzt, während Holger Spahn an ihr sägt. Er hat zwar einen sauberen rechteckigen Kastenschnitt angelegt: „Dann ist schon mal die grundsätzliche Richtung klar.“

Doch in diesem Fall muss die Richtung auch bis ins Detail klar sein. Deshalb wird Andreas Höhn, wenn es soweit ist, per Fernbedienung die Seilwinde aktivieren, und dann wird der Schlepper den Baum unwiderstehlich zu sich hinziehen.

Tina Baumann hat das schon oft genug miterlebt. Sie ist ja nicht neu im Stadtforst; seit 2008 arbeitet sie im Frankfurter Wald, leitete das Servicezentrum und war auch Stellvertreterin des bisherigen Amtsleiters Reinhard Divisch. 2009 erhielt sie die Doktorwürde für ihre Forschungsarbeit über die Holzbereitstellungskette, genauer: über den Weg des Holzes vom Wald bis ins Werk, und darüber, wie man diesen Weg optimieren kann.

Klingt arg theoretisch. Aber die gebürtige Schwäbin, der man die Herkunft nicht im geringsten anhört, sagt umgänglich: „Ich bin Försterin.“ Mit allem, was dazugehört. Der Vater war Jäger, die Tochter, „ein Naturkind“, wie sie selbst sagt, wuchs im Wald und um den Wald herum auf, machte mit 16 den Jugendjagdschein – und auch Gebrauch davon.

"Wir sind der Ersatz für Wolf und Bär"

Dass die Jagd zur Försterei dazugehört, ist für Tina Baumann schlüssig. „Bei uns war das schon immer ein natürliches Verhältnis“, schildert sie: „Das Tier wird getötet und dient als Nahrung. Wir sind praktisch der Ersatz für Wolf und Bär. Diese Raubtiere gibt es bei uns nicht mehr, das übernimmt also der Jäger. Sonst würde es den Tieren nicht gut gehen. Und auch nicht dem Wald.“

Wie diese Jagd vor sich geht, das hat ihr der Vater beigebracht: „mit Würde und Anstand.“ Und mit Appetit. Supermarkt-Fleisch gibt es im Hause Baumann nicht. Wildbraten und Schinken produziert man dort selbst.

Holger Spahn geht um seine Buche herum und stößt einen Warnruf aus. Zwischen den einzelnen Fällungsteams im Wald muss immer mindestens eine Baumlänge Abstand sein; der Grund für die Vorsichtsmaßnahme dürfte sich jedem erschließen. Andreas Höhn gibt jetzt Druck auf die Doppeltrommel-Seilwinde. Es kracht, die Buche fällt, und auf dem Weg des Wipfels zum Boden nimmt der Stamm jede Menge Geäst der umstehenden Bäume mit. Die enge Nachbarschaft war ein Grund, diesen Baum zu fällen: Zwei Eichen nebenan hatten nicht genug Platz.

Ein Problem, „dass ich eine Frau bin? Nein.“

Eine Frau an der Spitze der Forstbehörde, Chefin über sechs Revierförster, 37 Waldarbeiter, Verwaltung, insgesamt 50 Leute, Koordinatorin für den Einschlag von 25.000 Festmetern Holz im Jahr, Oberaufseherin über die Verkehrssicherung in dem riesigen Gebiet – war das ein Problem?

„Dass ich eine Frau bin? Nein.“ In der Ausbildung hätten die Meister schon hin und wieder aufgepasst, dass sie nicht zu schwer heben musste. „Aber Nachteile habe ich nie gehabt. Die Vorurteile der Männer, wenn es sie überhaupt gab, haben sich längst gelegt.“

Und der Wald? Wie geht’s dem? „Dem geht’s gut“, sagt Tina Baumann. Die Sterbeszenarien von einst hätten sich nicht bewahrheitet. „Die Schadstoffreduzierung in vielen Bereichen hat gewirkt, vieles wurde auch zu schwarzgemalt.“

Aber Probleme gibt es trotzdem. Trockene Böden im Westen machen dem Stadtwald zu schaffen, fehlender Niederschlag, besonders die gestiegene Durchschnittstemperatur. „Eigentlich müssten wir längst eine Schneedecke haben“, sagt sie. „Ein Baum braucht die Kältephase zur Regeneration.“

Dieses Jahr ist ein gutes Jahr, um darauf aufmerksam zu machen. Denn in diesem Jahr ist Frankfurt die „Europäische Stadt der Bäume“, gewählt von den Sachverständigen im Europäischen Baumrat. „Das gibt uns Gelegenheit, der Bevölkerung zu zeigen, dass es nicht selbstverständlich ist, so viel Grünfläche zu haben und zu pflegen“, sagt Tina Baumann. „Wir wollen die Leute dafür sensibilisieren, wie wertvoll das ist.“

Eine Ausstellung dazu im Stadtwaldhaus ist schon in Planung. Und dieses Jahr wird auch das Jahr sein, in dem der Frankfurter Stadtwald das FSC-Umweltzertifikat erhält. Auch dafür laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Umweltschützern, Spechten, Käfern blutet das Herz

Die Buche in Gravenbruch wird es nicht mehr miterleben. Sie liegt auf dem Waldboden und lässt sich von den Forstwirten entasten. Das Baumfällen sei eine der gefährlichsten Arbeiten, sagt die Chefin. „Das sind zwei Tonnen Gewicht, die da umfallen.“ Und die Äste der Umgebung, die mit zu Boden rauschen: „Aus dieser Höhe ist das ein Effekt, als würde ein Pferd auf Sie draufstürzen.“ Vermutlich auch noch mit den Hufen zuerst.

Wäre der Waldboden nicht so weich wegen der relativen Wärme in diesem Winter, hätten es die Arbeiter leichter mit dem Abtransport des Holzes. Schwere Maschinen sinken jetzt ein. Das hat keinen Sinn.

Doch der Schlepper tut zuverlässig seinen Dienst. Andreas Höhn hat sogar eine „Totmann-Schaltung“ an Bord: Wenn er nicht regelmäßig einen Impuls aussendet, gibt das Gerät einen Notruf ab.

140 oder 150 Jahre stand die Buche im Wald. Umweltschützern, Spechten und Käfern blutet das Herz, wenn sie sie da liegen sehen. Und dann auch noch dieses Urteil: „Daraus wird eher kein Schrank. Zu astig.“

Das heißt, das Holz ist zu sehr durchwachsen, es taugt nur für geringwertige Produkte, etwa Verblendungen an Möbelstücken. Für Brennholz liegt der Preis im Stadtwald momentan bei 55 Euro, über Hochwertiges wird vor Ort mit dem Kunden verhandelt, der das Holz dann an Möbelproduzenten weiterverkauft.

Die Männer ziehen jetzt weiter zum nächsten Baum. Die Chefin fährt zurück in das Stadtwaldhaus. Bis März wird geerntet. Und danach wird wieder gewachsen.

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