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Vermisster Angehöriger Familie sucht verlorenen Sohn in Frankfurt

Eine israelische Familie hofft, ihren für tot gehaltenen jüngsten Sohn in Frankfurt zu finden. Offiziell starb der Junge bei der Geburt 1952 in Tel Aviv - doch die Familie zweifelt an dieser Version.

Tel Aviv
Wurde hier in Tel Aviv das Kind der Familie gestohlen? Foto: rtr

Vielleicht war die frappierende Ähnlichkeit nur ein Zufall. Vielleicht war es aber ihr für tot geglaubter Bruder, der an einem Tag im September 2017 in Frankfurt gesichtet wurde. Denkbar ist beides in dieser so unglaublich klingenden Geschichte, die den sechs Geschwistern N. aus Israel seit Monaten keine Ruhe lässt. Genauer, seitdem ein enger Freund bei Rav N. anrief, dem Ältesten in der Familie, und sagte, er sei eben jemandem in Frankfurt begegnet, der „genauso aussieht wie du“. Dieser Mensch sei Rav nicht nur „wie aus dem Gesicht geschnitten“, sondern habe auch den gleichen typischen Gang.

Die Schilderung hat in der Familie N. eine Menge Fragen ausgelöst, vor allem die eine: „Lebt unser Bruder womöglich noch?“ Nach offizieller Version starb er bei der Geburt am 22. Oktober 1952 in der Tel Aviver Hadassah-Klinik. Mit dieser Auskunft war Mutter Miriam nach der Niederkunft heimgekehrt. „Gott sei dank habe ich bereits sechs Kinder“, habe sie oft zum Trost gesagt, erinnert sich Avi N., ihr Zweitjüngster. Er ist heute 71 Jahre alt und so etwas wie der Sprecher der sephardisch-jüdischen Familie, die in Israel ein erfolgreiches Unternehmen führt.

Hoffnung auf Hilfe von Frankfurtern

Bei einer Verabredung in einem Jerusalemer Hotel vor wenigen Tagen hat Avi N. die FR gebeten, den vollen Namen zunächst unerwähnt zu lassen. Man wisse einfach nicht, ob man einem Phantom nachjage oder ob es tatsächlich noch einen unbekannten Bruder gebe. Aber man erhoffe sich Aufklärung mit Hilfe der Frankfurter Leser, die eventuell zu jenem Mann mit der auffälligen Ähnlichkeit führen könnten. „Wir Brüder gleichen uns äußerlich alle sehr“, sagt Avi N. und zückt ein Foto, das ihn und Rav N. zeigt. So in etwa könnte auch der Gesuchte aussehen, um die 65 Jahre alt, mit markanten Gesichtszügen und lichtem, weißgrau meliertem Haarschopf.

Die späten Zweifel der Familie an der Totgeburt des jüngsten Bruders rühren nicht von ungefähr. Von ihrem Kinderreichtum habe die aus Syrien stammende Mutter schon den Hebammen im Kreißsaal voller Stolz erzählt. Sie habe bereits fünf Söhne und eine Tochter gesund zur Welt gebracht, da werde sie auch ein siebtes Kind auf natürliche Weise gebären, soll sie den ärztlichen Rat zu einem Kaiserschnitt angesichts ihrer Leibesfülle ausgeschlagen haben. Das könnte das Krankenhauspersonal auf die Idee gebracht haben, das neu geborene Kind der Mutter wegzunehmen und in die Hände von Adoptiveltern zu geben, mutmaßt Avi N. Weil es in ihrem Fall auf eins mehr oder weniger nicht ankomme.

Auffällig viele Kinder wurden vermisst

Abwegig ist der Verdacht nicht. Damals sind viele Babys orientalischer Juden auf merkwürdige Weise verschwunden. An die 5000 Kleinkinder, vor allem aus armen jemenitischen, aber auch aus irakischen und syrischen Einwandererfamilien wie den N.s, wurden in den israelischen Gründerjahren zwischen 1948 und 1952 als vermisst gemeldet. Drei von der Regierung in Jerusalem eingesetzte Untersuchungsausschüsse haben sich bereits mit der Affäre befasst. Aufklärung gelang in den seltensten Fällen. Aber ganz ausräumen ließ sich der Vorwurf nie, dass im noch jungen Staate Israel ein Kinderhandel florierte. Der Dünkel der aschkenasischen, also europäisch geprägten Landeselite gegenüber den als „rückständig“ geltenden Sepharden, den Immigranten aus arabischen Staaten, war groß. „Man kann sich leicht vorstellen, dass manch einer dachte, ein sephardisches Kind sei in der Obhut aschkenasischer Adoptiveltern besser aufgehoben“, sagt Avi N. Zumal viele Holocaustüberlebende ihre Angehörigen verloren hatten und sich sehnlichst Nachwuchs wünschten.

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