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Verkehr Mit dem Rad in den Main - plumps

Mit einer spektakulären Aktion macht der Radentscheid Frankfurt auf seine Forderungen aufmerksam.

Radler im Main
Nicht lang zögern - Lenker voran ins Wasser. Foto: Christoph Boeckheler

Heiko Nickel vom Radentscheid Frankfurt zieht einen Seesack mit Schlauchboot aus dem Transporter. „Da könnten Sie Platz nehmen“, sagt er zu den Reportern, die am Freitagnachmittag ans südliche Mainufer, an den Theodor-Stern-Kai, gekommen waren. In ein paar Minuten werden vier Radfahrer samt Velo und Kleidung in den Fluss springen. Das Motto der Aktion: „Radfahrende in Frankfurt gehen unter. Radentscheid rettet.“

Zahlreiche Reporter sind gekommen. Heiko Nickel muss grinsen. Dass der platte Symbolismus so viel Aufmerksamkeit erfährt, freut ihn. „Die Aktion ist lustig gemeint, aber es geht um eine ernste Sache“, sagt er. „Der Radverkehr sollte in der Stadt einen viel höheren Stellenwert haben. Dafür sammeln wir jetzt Unterschriften.“

Die Wasserschutzpolizei passt auf

Norbert Szep wird gleich ins Wasser springen. Gerade sperrt der Hausarzt aus dem Nordend einen Abschnitt des Mainuferwegs mit Band ab. Damit Passanten nicht in die Aktion hineinlaufen. Auf dem Fluss passt die Wasserschutzpolizei auf, dass niemand ertrinkt.

Am Morgen hatten Taucher die Stelle abgesucht. Damit die sprungbereiten Radfahrer nicht auf Einkaufswagen oder Sperrgitter stoßen, die am Grunde des Mains liegen. Der Fluss ist direkt am Mainkai nicht gerade tief.

Warum die Aktion? Um auf die Sache aufmerksam zu machen, sagt Szep.

Sieben Forderungen will der Radentscheid in Frankfurt umsetzen: baulich getrennte Radwege, fahrradfreundliche Nebenstraßen, eingefärbte Fahrradtrassen, sicherere Kreuzungen, mehr Fahrradparkplätze, mehr Mittel für Radverkehr, eine aktivere Radfahrkampagne der Stadt.

Im besten Falle sollen die Bürger über die sieben Forderungen abstimmen. Bei der hessischen Landtagswahl am 28. Oktober. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

An rund 100 Stellen sammelt der Radentscheid Frankfurt derzeit Unterschriften – mit Name, Adresse, Geburtsdatum. Die Sammelstellen finden sich auf einer Google-Maps-Karte auf der Internetseite www.radentscheid-frankfurt.de. Wenn drei Prozent der wahlberechtigen Frankfurter unterschreiben, ist die erste Hürde geschafft, das Bürgerbegehren. Der rechtliche Hintergrund dafür ist Paragraf 8b der Hessischen Gemeindeordnung. „Wir wollen rund 20 000 Unterschriften sammeln“, sagt Szep.

Falls der Radentscheid das schafft, lässt die Gemeindeordnung eine Volksabstimmung zu, Bürgerentscheid genannt. Wie 2015 bei der Galopprennbahn in Niederrad. Was bei der Rennbahn scheiterte, soll beim Radentscheid klappen. Falls rund 75 000 Wahlberechtigte, also 15 Prozent der Frankfurter Bürger, Ja ankreuzen, wird der Magistrat beauftragt, die sieben Forderungen umzusetzen.

Norbert Szep und die drei anderen sind so weit. „3, 2, 1“ - los! Sie radeln über die Kaimauer. Die Oberkörper kippen nach vorne, sie tauchen kopfüber in den Fluss. „Retten, retten“, rufen die Aktivisten. Ein Rettungsring fliegt ins Wasser. Die vier halten sich fest. Klettern über eine Treppe in der Kaimauer wieder an Land. Und, wie ist das Wasser? „Kalt“. Und die Strömung? „Nicht so stark.“ Die Räder waren an Seilen befestigt. Helfer wuchten sie aus dem Wasser.

Rund 30 Helfer seien mittlerweile im Kernteam des Radentscheids, sagt Heiko Nickel. Etwa 500 Interessierte würden die Mails über den Verteiler lesen. „Wir suchen noch nach Helfern, die uns beim Unterschriftensammeln unterstützen“, sagt er.

Den Radentscheid gibt es nicht nur in Frankfurt, sondern auch in anderen Städten, zum Beispiel Darmstadt, Stuttgart, Bamberg. In Berlin hat der Volksentscheid Fahrrad einen Erfolg verbucht: das Radfahrgesetz, das nun umgesetzt werden soll.

Ein solches Gesetz, die sieben Forderungen, will auch der Radentscheid Frankfurt erreichen, ebenfalls auf basisdemokratischem Weg. Noch bis zum 26. Juni können die Bürger ihre Unterschriften abgeben. „Einige Tausend Unterschriften haben wir schon“, meint Szep.

Jeder Radfahrer in Frankfurt kenne Stellen, die gefährlich seien, oder Radwege, die im Nirgendwo endeten, sagt er. Als seine beiden Kinder mit dem Rad in die Schule gefahren seien, habe er sich stets gefragt, ob etwas passieren werde. Anders als in Kopenhagen seien die Radwege in Frankfurt nicht baulich vom Autoverkehr getrennt. Gerade für Kinder sei die Fahrt neben den Fahrzeugen zu gefährlich.

Auch gebe es Orte, wo schlicht keine Radwege seien. Am Hauptbahnhof etwa. „Wir möchten, dass auch Kinder und Ältere sicher Rad fahren können“, sagt er. Falls die nötige Infrastruktur gebaut werde, trauten sich auch mehr Menschen aufs Rad.

„Frankfurt ist beim Radverkehr bislang nur Mittelmaß“, meint er, obwohl die Zahl der Radfahrer in der Stadt stetig wachse.

Zwar schätze er die Arbeit des städtischen Radfahrbüros, das vielerorts Schutzstreifen markiert und Fahrradbügel aufstellt. „Aber das reicht nicht“, betont Norbert Szep.

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