Lade Inhalte...

Verband Sinti und Roma „Es ist mir sehr wichtig, dass ich ein Sinto bin“

Adam Strauß engagiert sich seit mehr als 30 Jahren für Roma und Sinti. Ein Gespräch über den noch immer alltäglichen Rassismus gegen Angehörige der Minderheit.

Adam Strauß, gebürtiger Marburger, Gründungsmitglied des Zentralrats Deutscher Roma und Sinti. Foto: C. Boeckheler

Adam Strauß engagiert sich seit mehr als 30 Jahren für Roma und Sinti. Ein Gespräch über den noch immer alltäglichen Rassismus gegen Angehörige der Minderheit.

Seit Adam Strauß im April den hessischen Verdienstorden erhalten hat, hat die FR sich um ein Interview mit dem Landesvorsitzenden des Verbands deutscher Sinti und Roma bemüht. Als das Reporterteam schließlich an einem Sommertag zum verabredeten Gespräch bei ihm eintrifft, hat Strauß gerade erst eine Delegation des vietnamesischen Minderheitenministers verabschiedet, die sich bei ihm nach dem Umgang mit Minderheiten in Deutschland erkundigt hat. Nun steht er in den Darmstädter Büroräumen seines Verbands, die FR-Kaffeetasse in der Hand, und blickt geradewegs in die Kamera – ernst, ohne die Miene zu verziehen, fast bewegungslos. Der FR-Fotograf, auf der Suche nach Motiv und Eisbrecher bittet ihn, sich zu entspannen. „Ich bin nie entspannt“, entgegnet Adam Strauß und schneidet schon im Vorgespräch sofort das Thema an, das ihn wie kein anderes beschäftigt: Antiziganismus, also Rassismus gegen Roma und Sinti. Vom Kaffee, den er sich eingeschenkt hat, trinkt er nicht einen Schluck.

Herr Strauß, was bedeutet es Ihnen, wenn Sie für Ihr Engagement ausgezeichnet werden, wie zuletzt im Frühjahr mit dem hessischen Verdienstorden?
Das ist für mich eine Anerkennung der Arbeit, die wir machen. Es zeigt, dass erkannt worden ist, wie wichtig unsere Arbeit ist und dass man sie würdigt.

Bekommen Sie diese Form der Anerkennung, des Respekts, auch abseits offizieller Anlässe im Alltag entgegengebracht?
Nein! Nein, nein, nein. Im Alltag mache ich zu 80 Prozent nur negative Erfahrungen.

Inwiefern?
Wenn man mit seinen Mitmenschen Gespräche führt, merkt man, wie man von ihnen gesehen wird. Da wird ein Klischeebild auf einen übertragen, man wird nicht als gleichwertiger Mensch gesehen. 70 Jahre ist es her, dass die NS-Zeit vorbei ist und 68 Prozent der Menschen wollen laut einer Emnid-Umfrage mit uns keinen Kontakt haben. Wenn jemand sagt, „Ihr seid ja AUCH Menschen“, ist schon klar, an was für einer Stelle wir stehen. Die Klischeebilder, die vom Großvater bis zum Enkelkind immer weitergereicht wurden, bekommen wir sehr oft in der Woche zu spüren.

Was für Bilder sind das?
Bis vor zehn Jahren war noch in jedem Duden zu lesen, was das Wort „Zigeuner“ bedeutet: „rumzigeunern“, keinen festen Wohnsitz haben, keinen Respekt vor anderer Leute Eigentum, keine feste Arbeit. Aber unsere Großeltern und Eltern, die im Konzentrationslager waren und dort ihre Verwandten verloren haben, die sind zurück nach Hause gekommen an den Ort, von dem sie deportiert worden sind; sie leben hier in fünfter Generation. Da möchte ich die Menschen sehen, die noch mehr Heimatgefühl bewiesen haben. Die Deportierten, ihre Angehörigen und Nachkommen sind alle in ihren Heimatorten sesshaft geworden.

Im Falle Ihrer Familie ist das Marburg. Wie sind Sie dort aufgewachsen?
In Marburg sind meine Geschwister und ich in die Schule gegangen. Ich war auch im Fußballverein als Junge mit sechs, sieben Jahren. Aber wir haben früh zu spüren bekommen, dass wir Sinti sind, von unseren Mitschülern.

Weil Sie gehänselt wurden?
Immer. Wir haben in der Schule in der Pause alleine auf dem Hof gestanden, mit uns hat keiner gespielt, und die gleiche Situation erlebt heute meine Enkelin. Sie steht auch alleine auf dem Schulhof, mit ihr spielt keiner, sie isst ihr Pausenbrot alleine und sitzt in der Ecke, genau wie wir – mit uns hat sich auch keiner abgegeben. Das ist das Schlimmste, oder das, was mir am wehesten tut vom Herzen her: Wenn nach sechzig Jahren mein Enkelkind zu mir kommt und sagt, ich solle sie nicht mehr zur Schule fahren, denn wenn die Mitschüler mitbekommen, dass sie Sinteza ist, habe sie schlechte Karten. Da können Sie sich vorstellen, wie sich unsere Minderheit fühlt.

Wissen Menschen denn immer gleich, dass Sie Sinto sind? Sie haben das ja nicht auf der Stirn stehen.
Woher sie das wissen, weiß ich auch nicht. Es gibt auch viele Politiker oder große Fußballspieler und –trainer in unserer Minderheit, die wirklich bekannt sind, aber die outen sich nicht, aus Angst, dass sie durch ihre Zugehörigkeit Nachteile erleiden müssen, auch im beruflichen Bereich. Und die ist nicht unberechtigt, die Angst.

Aber könnten das nicht wichtige Vorbilder für die junge Generation der Sinti und Roma sein?
Ja, aber ich würde ihnen nicht dazu raten, sich zu outen. Es hilft ja nichts, wenn sie ihre Arbeit dadurch verlieren. Unsere Mehrheitsgesellschaft ist noch nicht so weit, um das zu akzeptieren, und danach zu handeln.

"Trotzdem möchte ich nie ein anderer sein"

Wie wichtig ist es Ihnen für Ihr Selbstverständnis, Ihre Identität, dass Sie dieser Minderheit angehören?
Es ist mir schon sehr wichtig, dass ich ein Sinto bin. Aber wenn man immer Nachteile dadurch hat, ist es nicht mehr so schön. Trotzdem möchte ich nie ein anderer sein. Denn was die Mehrheit nicht weiß: Wir Sinte haben gegenüber der Mehrheitsbevölkerung sehr viele Vorteile in unserer Kultur.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel erziehen wir unsere Kinder so, dass sie gegenüber alten Menschen immer wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Ältere Menschen sind für uns sehr wertvoll. Die Eltern sind das Höchste. Es geht bei uns nicht, wenn man 18 oder 21 ist, dass man dann macht und tut, was man will, sondern man bezieht die Eltern immer mit ein. Die Familie, Kinder, stehen für uns an erster Stelle. Das ist in der Mehrheitsbevölkerung anders, da gibt es kaum noch Kinder – mein Sohn wohnt in einem Block mit 18 Familien, da gibt es außer meinen Enkeln nicht ein Kind!

Sie engagieren sich nun schon über 30 Jahre für Sinti und Roma. Hat es in dieser Zeit Fortschritte im Zusammenleben von Minderheit und Mehrheitsgesellschaft gegeben?
Wir sind jetzt etwa 8000 bis 10 000 Personen in Hessen. Wenn man in allen Bereichen Nachteile oder Schwierigkeiten hat und die mit nur 2,5 Stellen bearbeiten muss, können Sie sich ja das Ergebnis vorstellen. Trotzdem schaffen wir einiges.


Zum Beispiel Bildungsprojekte an Schulen. Was machen Sie dort mit den Schülern?
Wir zeigen Zeitzeugenberichte oder schicken Zeitzeugen – solange es noch möglich ist – in die Schulen, um dort Vorträge zu halten. Das ist viel Arbeit, man müsste sehr viele Schulen besuchen. Wir haben auch mal alle Schulen angeschrieben, aber die Resonanz, die kam, war gleich Null. Es besteht kein Interesse, Aufklärung über unsere Minderheit in die Schulen zu bringen. Um das zu ändern, haben wir Material erstellt für die Schulen.

Sogenannte Medienboxen.
Genau. Darin sind Informationen über die Geschichte unserer Minderheit, mit denen kostenlos im Schulunterricht gearbeitet werden kann. Das ist wichtig, denn gerade im Schulbereich hat man noch die Chance, eine andere Denkweise zu erreichen, weil die Kinder und Jugendlichen noch nicht vergiftet sind. Bei älteren Leuten, die das Klischeebild im Kopf haben, kriegen Sie es auch nicht mehr raus. Aber bei den Kindern haben wir die größte Möglichkeit.

"Die Denkweise bleibt die gleiche"


Sie unterstützen Roma- und Sinti-Kinder in der Schule, klären andere Schüler aber auch über den Holocaust und seine Auswirkungen auf. Wird die Verfolgung und Ermordung der Roma und Sinti sonst nicht genügend thematisiert?
Nein, ganz wenig. Wenn wir unsere Ausstellungen in den Städten zeigen, merken wir schon, dass Interesse besteht. Aber das Interesse von den Pädagogen, das Thema selber in den Unterricht zu bringen, ist sehr gering. Und das ist auch Grund dafür, dass der Antiziganismus nicht so abgebaut wird, wie wir uns das wünschen würden.

Hängt denn der heutige Antiziganismus, wie Sie ihn beschrieben haben, noch unmittelbar mit dem Rassismus der Nazi-Zeit zusammen?
Die Denkweise bleibt die gleiche. Heute hat man zwar mehr Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, aber sie helfen einem trotzdem nicht, als gleichwertige Menschen angesehen zu werden. Man hört ja immer von den Menschen der Mehrheitsgesellschaft, sie könnten nichts mehr hören über Auschwitz, sie könnten nichts mehr über Verfolgung hören, über Rassismus gegen die Juden und die „Zigeuner“. Aber warum muss man denn immer wieder daran erinnern? Wenn heute wieder Übergriffe von Rechtsradikalen kommen, gegen die man seine Familie schützen muss, wenn in der heutigen Zeit Synagogen noch geschützt werden müssen durch die Polizei, sollen die sich doch nicht wundern, dass man das immer wieder sagen muss. Das liegt nicht an den Leuten, die das erfahren haben, sondern an denen, die nicht davon erfahren wollen. Deswegen ist unsere Arbeit lebenswichtig.

Sie selber sind nach dem Holocaust geboren, aber Ihre Eltern waren beide in Auschwitz. War das der maßgebliche Beweggrund, sich für Minderheitenrechte zu engagieren?
Nein, das war vor allem aufgrund der Nachteile, die ich als junger Mensch habe erfahren müssen. Dass meine Eltern in Auschwitz waren und meine Mutter früh verstorben ist, aufgrund von Doktor Mengeles Versuchen, ist aber auch ein großer Teil. Meine Mutter ist nach dem Aufenthalt im Konzentrationslager nie mehr gesund geworden.

Vor diesem Hintergrund ist es umso erschreckender, wie populistisch in den vergangenen Monaten über asylsuchende Roma und Sinti aus Serbien und Mazedonien und sogenannte „Armutseinwanderer“ aus Bulgarien und Rumänien diskutiert wurde. Wie wirken sich solche Debatten auf Ihre Arbeit aus?
Es verschlimmert die Situation, weil ganz falsche Argumente hochgespielt werden. Verurteilen müsste man, dass es Personen gibt in diesem Land, die für 300 Euro Matratzen vermieten an diese Personen und dass die Kommunen ihnen nicht den notwendigen Wohnraum zur Verfügung stellen. Diese Menschen kommen aus Ländern, wo sie am Rande der Gesellschaft leben müssen, ohne Strom, ohne Wasser, ohne sanitäre Anlagen, und kommen hier zu uns, weil sie denken, dass es besser ist. Das Recht hat jeder. Dass sie dann hier nicht so leben können, wie es notwendig wäre, um eine Veränderung zu erfahren, ist auch ein Grund für die Missstände, die dann auffallen.

Was für Missstände meinen Sie genau?
Dass sie mit zehn Mann in einer Wohnung leben müssen, dass der Müll nicht entsorgt werden kann, weil die Müllcontainer der Wohnung nur für zwei, drei, vier Personen gedacht sind. Dass es dann Missstände gibt, an denen sich die Bevölkerung stört, ist ganz normal.

Und das wirkt dann wieder auf die Bilder in den Köpfen zurück?
Ja, dann wird das Klischeebild wieder bestätigt. Aber warum solche Missstände entstehen, darum machen sich die meisten Menschen keine Gedanken. Es gibt keine Gruppe Menschen, die aus so einem Land zu uns kommt und sich gleich anpassen kann, wenn man ihnen die Möglichkeit gar nicht gibt.

Herr Strauß, das war jetzt ein sehr ernstes Gespräch. Haben Sie abschließend vielleicht noch ein hoffnungsvolles Beispiel, wo sich etwas zum Besseren bewegt?
Ja, durch unsere Arbeit natürlich. Ich hoffe auf unsere Dauerausstellung über Sinti und Roma, um die wir uns hier in Darmstadt seit zehn Jahren bemühen. Nur durch so eine Ausstellung, wo man Gruppen hereinführen kann: Schulklassen, Politiker, die Polizei, kann man mehr Wissen über unsere Minderheit zu der Mehrheit bringen. Das kann dazu führen, dass der Rassismus abgebaut wird, dass die Menschen mit uns Sinti in Kontakt kommen.

Damit in naher Zukunft nicht mehr eine Mehrheit der Deutschen sagt, sie wolle keine Sinti und Roma als Nachbarn haben.
Genau. Wenn Sie uns besser kennen lernen würden, könnten sie auch eine andere Denkweise bekommen.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum