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Urteil in Frankfurt erwartet Rätsel um Flughafen-Attentäter Arid U.

Heute fällt das Frankfurter Oberlandesgericht sein Urteil im Prozess gegen den „Flughafen-Attentäter“ Arid U, einem jungen Mann, bei dem man nicht weiß, ob er ein eiskalter Mörder oder doch nur ein Opfer seiner Selbst ist.

In einem Bus schoss Arid U. auf mehrere US-Soldaten. Foto: dapd (3)

Es war eine für den ganzen Prozess typische Szene, und sie passierte draußen, vor dem großen Saal des Oberlandesgerichts – kurz nachdem sich drinnen die wohl bewegendste Szene der ganzen Verhandlung abgespielt hatte. Zwei junge Zuhörer mit offenkundigem Migrationshintergrund suchten die Nähe des Pressepulks, der vor der Gerichtstür die Rauchpause nutzte.

„Was meinen Sie“, fragten die beiden die Journalisten recht freundlich, „wem soll man glauben? Wen soll man verurteilen?“ Als ob das je die Fragen gewesen wären.

Arid U. zeigt sich völlig desinteressiert

Folgendes war zuvor geschehen: Ein junger, braver US-Soldat hatte per Live-Schaltung seine Zeugenaussage gemacht. Erzählte von der Angst seiner Kinder, den Tränen seiner Eltern und dem Schmerz seiner Frau. Er redete militärisch knapp und gefasst, was die Wirkung seiner Worte nur verstärkte. Dem jungen Mann fehlt der halbe obere Kopf. Arid U. hat ihn weggeschossen – am 4. Juli 2011 am Frankfurter Flughafen, aus völlig idiotischen Gründen. Während der Sergeant seine Aussage machte, die so ziemlich jeden im Gerichtssaal bewegte, lümmelte sich der Täter desinteressiert auf der Anklagebank herum.

„Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad“

Dabei ist es nicht so, dass Arid U. durch Filme nicht zu beeindrucken wäre. Auslöser für seine Bluttat, so sagt er selbst, war ein Video im Internet, eine Szene aus einem US-Spielfilm, in dem amerikanische Soldaten muslimische Frauen vergewaltigen – was Arid U. für bare Münze genommen haben will. Das klingt so lächerlich wie das Lied, das Arid U. auf dem Weg zum Flughafen auf seinem MP3-Player hörte: „Mutter, bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad“ – gesungen ohne Musikbegleitung von einer zittrigen Knabenstimme im Schwörer-Idiom.

Viele, darunter die Bundesanwaltschaft, sehen in Arid U.s Tat den ersten in Deutschland ausgeführten islamistischen Anschlag. Das kann man so sehen. „Allahu akbar“ soll Arid U. mehrfach gebrüllt haben, als er im Bus auf dem Rollfeld das Massaker anrichtete. Im Internet war er in den einschlägigen islamistischen Foren unterwegs, postete unter seinem Alias-Namen „Abu Reyyan“. Der aus einer eher säkularen Familie kommende Arid U. betete fünfmal am Tag und gelangte zu der festen Überzeugung, dass sich seine Glaubensbrüder und –schwestern in einem permanenten globalen Krieg mit den USA befänden. Es fällt schwer, angesichts dieser Umstände keinen religiösen Hintergrund der Tat zu erkennen.

Arid U. ist selbst mit einem Amerikaner befreundet

Arid U. ist aber auch nicht der fanatische Killer aus dem Terroristen-Bilderbuch. Ein junger Mann von leicht überdurchschnittlicher Intelligenz, schüchtern, aber hilfsbereit. Kein Hansdampf in allen Gassen, aber dennoch bei seinen Freunden beliebt. Mit einem davon, einem US-Amerikaner, diskutierte er oft und gerne die Rolle, die dessen Heimatland in der Welt spielt. Arid U. fand die eher bedenklich. Sein Kumpel eher nicht. Ihrer Freundschaft tat das keinen Abbruch.

Seine ehemalige Chefin beim „Grünen Halbmond“, einer islamischen Hilfsorganisation, schildert Arid U. als vorbildlichen Mitarbeiter – einen, der sich wirklich um die Hilfebedürftigen kümmerte und im Gegensatz zu manchen Kollegen nie durch extreme Ansichten auffiel. Ähnlich schildern ihn auch seine Lehrer. Nichts, was sie sagen, passt zu dem Mann, der mehreren Menschen aus kürzester Distanz gezielt in den Kopf schoss – zwei starben, zwei überlebten schwer verletzt und werden für den Rest ihres Lebens gezeichnet sein.

In Arid U. sieht ohnehin jeder, was er sehen will

Arid U. hat die Tat ohne Wenn und Aber gestanden – es blieb ihm allerdings auch wenig anderes übrig. Er hat sich offiziell vom Dschihad losgesagt und distanziert sich von seinen damaligen Überzeugungen – das kann man auch als Taktik auslegen. Man kann ihm übelnehmen, dass er sich bei seinen Opfern nie entschuldigt hat – aber wie soll man sich auch bei jemandem entschuldigen, dessen Leben man ruiniert hat? Aus Gründen, die so bizarr sind, dass sie außerhalb des eigenen Kosmos niemand versteht.

Arid U. bleibt ein Rätsel. Er war es während des Prozesses, er wird es auch nach dem heutigen Urteil bleiben. In Arid U. sieht ohnehin jeder, was er sehen will. Die einen den islamistischen Terroristen. Die anderen einen jugendlichen Amokläufer. Manche denken, der Glaube habe Arid U. verkorkst. Andere glauben, es waren die Ballerspiele auf der Videokonsole. Ein paar glauben auch an Depressionen. Oder alles zusammen. Und es gibt sogar Menschen, etwa die beiden jungen Prozessbesucher, die offenbar Sympathien für Arid U.s krude Motive hegen. Im Internet ist er kurz nach der Tat in einigen Foren für diese Motive gefeiert worden.

Dschihad als Alternative zum Kiffen

Mitten im Prozess tauchte ein Journalist als Überraschungszeuge auf, der beweisen wollte, dass Arid U. vor der Tat ein terroristisches Ausbildungslager im Kosovo besucht hat. Diesen Beweis blieb er schuldig. Doch auch hier sahen sich Teilnehmer von Islamhasser-Foren auch ohne Fakten in der Meinung bestätigt, die sie ohnehin schon hatten.

Arid U. hat es nicht geschafft, sich seiner Umwelt zu erklären. Er hat es aber auch nicht wirklich ernsthaft versucht. Vor dem Frankfurter Oberlandesgericht standen schon viele islamistische Terror-Unterstützer. Einer nannte mal als Motivation, er habe mit dem Dschihad angefangen, weil er mit dem Kiffen aufgehört habe. Das war ein denkbar bescheuerter Grund, aber immerhin ein Grund. Bei Arid U. dagegen fehlt jeder.

Das macht hilflos und unsicher. So unsicher, dass Arid U.s Anwälte sich nicht entblödeten, kurz vor Prozessende einen Antrag zu stellen, dass ihr Mandant im Gefängnis doch bitte wieder seine geliebten Ballerspiele spielen dürfe.

Arid U. ist am Mittwoch 22 Jahre alt geworden. Sein Charakter zeigt noch viele kindliche Züge. Der Videospiel-Wunsch, das trotzig-teilnahmslose Prozessverhalten – das alles zeugt eher von Naivität als von Bösartigkeit.

Lebenslang wahrscheinlich

Die Tat aber war so eiskalt und brutal, wie man sie sich nur vorstellen kann. Egal, was man in Arid U. sieht – das Oberlandesgericht wird ihn heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilen. Es geht eigentlich nur noch um die besondere Schwere der Schuld. Sollte die festgestellt werden. würde sie eine vorzeitige Entlassung Arid U.s erschweren.

Es ist eine juristische und eine eher akademische Frage. Denn die Schuld, die Arid U. auf sich geladen hat, ist eine schwere, und er kann sie so wenig tilgen wie das Oberlandesgericht. Arid U. wird damit leben müssen – genau wie seine Opfer und deren Hinterbliebene.

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