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Urban Farming Gemüse für alle - aus eigener Hand

Ein Urban-Farming-Projekt in Frankfurt will 30.000 Menschen gesund ernähren. Wer dabei sein will, kann sich jetzt anmelden.

Urban Farming
Silas Müller (links) und Christoph Graul haben die "Die Kooperative - Stadt.Land.Wirtschaft" gegründet. Foto: Renate Hoyer

Auf den Äckern wächst sogar schon was, bei dieser Kälte. Kleine Salate strecken ihre Blätter in die Sonne. Die Pflänzchen stehen sinnbildlich für etwas ganz Großes, das die Gärtner planen. „Am 1. April sind wir so weit“, sagen sie. „Dann gibt es bei uns Gemüse, Obst und Eier.“ Und in 20 Jahren wollen Silas Müller und Christoph Graul 30 000 Menschen ernähren.

Nein, kein Aprilscherz. Die beiden Neu-Frankfurter führen die FR am Donnerstag über die Oberräder Felder, die sie bewirtschaften. Drei bis fünf Hektar haben sie sich vorgenommen, vieles davon pachten sie bereits, hinzu kommen Betriebe rund um Frankfurt, ein Netzwerk der ökologisch verantwortlichen Lebensmittelproduktion – und alles demokratisch geführt, alles gemeinsam mit den Genossenschaftsmitgliedern entschieden.

„Die Kooperative“ heißt das Projekt, das alle ansprechen soll, den Querschnitt der Bevölkerung, Untertitel: „Stadt. Land. Wirtschaft“. Es läuft unter dem Schlagwort Urban Farming, also praktisch Urban Gardening, nur viel größer. Das Prinzip ist dasselbe: Der Mensch holt sich die Hoheit über seine gesunde Ernährung zurück, er nimmt die Herstellung selbst in die Hand.

Müller (31) und Graul (34) sind ausgebildete Gärtner, haben Ökologische Landwirtschaft und Produktionsgartenbau studiert und entdeckten Frankfurt buchstäblich im Vorbeifahren aus dem ICE heraus als idealen Standort. Die brachliegenden Felder von Oberrad mit Blick auf die Skyline faszinierten sie. Inzwischen haben die zwei Vollbartträger sich mit den Gärtnereien der Umgebung bekanntgemacht und eine Wohnung an der Offenbacher Landstraße als Hauptquartier bezogen.

„Unser Ziel ist es, die Menschen an einen Tisch bringen“, schildert Christoph Graul. „Sie sollen gemeinsam erleben und genießen.“ Essbare Landschaft, Mitgliedercafés schweben ihnen vor, Erntefeste, Workshops zur Schafschur, Lämmerwanderungen – „Freiräume“. Wer will, darf auch beim Anbau mitarbeiten, aber das ist kein Dogma. Für einen Beitrag von 150 Euro an aufwärts lassen sich Kooperativeanteile erwerben, die zur Mitbestimmung berechtigen; auf der zweiten Schiene kann man auch einfach nur Ernteanteile kaufen.

Der Clou: „In den Stadtteilen, in denen wir viele Mitglieder haben, werden wir Quartiersläden eröffnen“, sagt Silas Müller. „Da geht man dann rein und nimmt seine Produkte mit, ohne zu bezahlen.“ Oder man lässt sie sich nach Hause liefern: mit den Lastenfahrrädern der Firma „Sachen auf Rädern“, einer von vielen Kooperationspartnerinnen.

Die Eier werden aus Hühnermobilen kommen, für die die Kooperative eine Genehmigung bei der Stadt beantragt hat. Später in diesem Jahr soll es dann auch Brot geben, Fleisch, Käse, Milch, Saft, Wein von einem Winzer an der Bergstraße und Bier in Zusammenarbeit mit Bernd Klinger, bekannt vom Erzeugermarkt an der Konstablerwache. „Es wird ein Pale Ale“, kündigt Müller an. „Und das ist gut“, verspricht Graul. 

Es sind Männer der Tat, die da loslegen. „Wir wollen jetzt rausgehen, an die Leute ran, die Stadt erobern“, sagt Graul. Unterstützung gibt es etwa von der Bürger AG, die beim nachhaltigen Wirtschaften hilft. In der nächsten Woche kommt sogar die Umweltdezernentin. Die zwei Bärtigen sind aber auch Ernährungsphilosophen. „Wir wollen ein Design, ein Narrativ entwickeln, in dem sich die Menschen als Gemeinschaft wiederfinden“, solche Sachen sagen sie. Dass die industrielle Produktion und der Handel die Menschen und die Betriebe auseinandergebracht habe. Und auf die Frage, wo sie den Mut hernähmen, eine mittlere fünfstellige Summe vorab zu investieren, ohne die maroden Gewächshäuser, die noch viel Zuwendung brauchen: „Wir sind jung. Wir haben die Zeit.“

Zeit, die wichtige Währung der Zukunft. Und Solidarität: Die Mitglieder geben, was sie können, darauf fußt die Finanzierung. Mit anderen Initiativen und den Gärtnereien der Nachbarschaft will die Kooperative zusammenarbeiten, immer mit der bestmöglichen Tier- und Pflanzenhaltung und aus der Perspektive der Bürger: „Was brauchen die Leute?“ Die Preise sollen denen des Biohandels ähneln. 

 

 

 

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