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Unterm Zeltdach Manege frei für Zirkus Charles Knie

98 Tiere und mehr als hundert Menschen aus 13 Nationen gehören zu der Zirkustruppe, die eine rund 200-jährige Geschichte hat. Nach drei Jahren sind sie erstmals wieder in Frankfurt. Die Kälte macht den Künstlern zu schaffen. (Mit FR-Video von den Proben)

22.02.2011 18:41
Maurice Farrouh
Laut Überlieferung soll Friedrich Knie sie von dort in einer stürmischen Nacht entführt haben. Noch im selben Jahr werden die beiden getraut.

Das größte Problem ist das Eis. „Bei der Kälte frieren uns immer mal wieder die Wasserleitungen ein“, sagt Sascha Grodotzki und lässt den Blick über die Wohnwagen und Anhänger auf dem Festplatz schweifen. Kiara sind die Wasserleitungen egal. Die Kälte auch. Mit schläfrigem Blick räkelt sich die Löwin in der Wintersonne und zupft mit den Krallen an den Gitterstäben ihres Außengeheges. Gelassen schaut sie hinüber zu Zirkusmitarbeiter Grodotzki, der in seiner schwarzen Winterjacke erbärmlich friert.

„Löwen sind Kälte gewöhnt – zumal unsere in der Schweiz geboren sind“, sagt Grodotzki. Aus dem rot-weiß gestreiften Zirkuszelt dringt Musik zum Löwengehege herüber, „I am still standing“ von Elton John. Im Innern steht Saulo Mendonca in Jogginghose und T-Shirt auf einer kleinen Plexiglasplatte und wiegt den Körper verträumt im Takt der Musik.

Neben ihm gähnt der Abgrund. Zwölf Meter ist die Zeltkuppel hoch, unter der das Hochtrapez montiert ist. Mendonca schaut kurz hinunter in die Manege, zwinkert einem kleinen Mädchen zu, das mit mäßigem Interesse das Geschehen unterm Zeltdach verfolgt. Dann beobachtet er wieder seinen Bruder Bento, der gerade mit dreifachem Salto zwischen den Trapezstangen umherfliegt und von Kollege Jonatas aufgefangen wird.

Üben in der Mittagspause

„Die Jungs nutzen die Mittagspause gern zum Üben. Denn dann ist das Zelt frei“, sagt Regisseur Louis Knie und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Ansonsten müssen die brasilianischen Trapez-Artisten der „Flying Mendoncas“ oft die Nachtstunden zum Trainieren benutzen. Denn kurz vor der Premiere wird beim Zirkus Charles Knie fast ständig von irgendwem geprobt – und das immer unter dem strengen Blick des Regisseurs.

Bei dem kleinen weißhaarigen Mann laufen alle Fäden zusammen. Mit Argusaugen achtet Louis Knie auf jedes Detail. Nicht nur bei den Zirkuskünstlern in der Manege muss jeder Handgriff sitzen. Auch Requisiteure, Beleuchter, Musiker und Assistenten müssen ihre Rollen perfekt spielen, damit der Regisseur zufrieden ist. „Man muss versuchen, alle Akteure zu einer funktionierenden Einheit zusammenzubringen“, sagt Knie. Keine leichte Aufgabe in einem der größten Zirkusse Europas: 98 Tiere und mehr als hundert Menschen aus 13 Nationen gehören zur Zirkustruppe. „Seit unserem letzten Besuch in Frankfurt vor drei Jahren sind wir fast doppelt so groß geworden“, erzählt Grodotzki, der als Popcornverkäufer anfing und heute im Büro des Zirkusses arbeitet.

Hunderte Hosen, Hemden, Jacken und Perücken in bunten und glitzernden Farben

Er öffnet die Tür zum Kostümwagen, in dem Hunderte Hosen, Hemden, Jacken und Perücken in bunten und glitzernden Farben aneinandergereiht sind. Zwei Balletttänzerinnen begutachten ihren schillernden Kopfschmuck. „Alles neu“, sagt Grodotzki. Mehrere zehntausend Euro hat der Zirkus investiert. Verantwortlich für das Wachstum des Unternehmens in den vergangenen Jahren ist Leiter Sascha Melnjak, der es 2007 von der Zirkusfamilie Knie übernommen hat. Trotz der Neuausrichtung will der Zirkus der Tradition verpflichtet bleiben. „Viele unserer Künstler stammen aus alten Zirkusfamilien“, sagt Regisseur Knie. So gehören mit den Artistenfamilien Sperlich und Stipka langjährige Zirkusdynastien zu der internationalen Truppe.

Zu kämpfen hat der Zirkus wie die ganze Branche mit dem Protest von Tierschützern. Auch in Frankfurt wurden etliche Plakate demoliert. „Wir können darauf nur mit Transparenz antworten“, sagt Grodotzki und verweist auf die strenge Prüfpraxis der Veterinärämter. Sechsmal in der Woche dürften Besucher sich selbst ein Bild machen. Zirkustiere seien zudem nicht mit wilden Artgenossen vergleichbar. „Die Tiere werden schon im Zirkus geboren. Sie kennen es nicht anders.“ Das gilt auch für viele menschliche Darsteller. „Der Zirkus ist eine Welt für sich“, sagt Grodotzki, der als einer von wenigen der Truppe erst mit 18 zum Zirkus kam. Dass sich seine Arbeit mit einem bürgerlichen Leben kaum vereinbaren lässt, stört ihn nicht. „Zirkus ist kein Beruf – sondern ein Lebensinhalt.“

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