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Uniklinik Frankfurt Wie Moritz sprechen lernte

Im „Autismus Therapie- und Forschungszentrum“ der Uniklinik Frankfurt werden Menschen mit Autismus behandelt. Die Krankheit ist nicht heilbar, aber Therapien helfen den Betroffenen, sich im Alltag zu integrieren.

Ganz wichtig: Blickkontakt. Der sechsjährige Moritz mit seinen Therapeutinnen Janina Kitzerow (vorne) und Jessica Betsch. Foto: Peter Jülich

Tür zu“, ruft der sechsjährige Moritz. Die Tür fällt ins Schloss. Moritz ist zufrieden. Unterstützt von seiner Therapeutin Janina Kitzerow schenkt er sich ein Glas Fruchtsaft ein. Im Hintergrund steht die Co-Therapeutin Jessica Betsch und beobachtet die beiden. Auch die Mutter von Moritz, die Luftverkehrskauffrau Meike Weiler (43), ist im Raum. Später erzählt sie, wie viele Fortschritte ihr Sohn gemacht hat, seitdem er regelmäßig ins „Autismus Therapie- und Forschungszentrum“ (ATFZ) für Kinder und Jugendliche des Universitätsklinikums kommt.

Zwei Mal in der Woche für etwa eine Stunde sind Moritz und seine Mutter in der Deutschordenstraße 50. Bevor die Therapie begann, habe es zwischen ihr und Moritz keinen Blickkontakt gegeben, sagt die Mutter. Er habe damals seine „eigene Sprache“ gehabt und „ständig die Tür immer wieder auf- und zugemacht“.

Inzwischen kann Moritz mit seiner Mutter und der Therapeutin reden. Sein Verhalten ist viel unauffälliger geworden. Aber noch immer passiert es, dass der Sechsjährige ausflippt. „Da können Stühle fliegen“, sagt seine Mutter.

In solchen Situationen reagiere sie mit einer „spürbaren Umarmung“ – bis der Junge wieder ruhiger wird. Wie das werden soll, wenn der zierliche Moritz größer und stärker wird? Schon jetzt fühlt sich Meike Weiler immer wieder „verloren“. Etwa wenn sie mit ihrem „Straßenbahn-Freak“ in der Bahn sitzt und der plötzlich durchdreht. Autistische Kinder „haben keinen Filter“, sie würden etwa alle Töne hören, auch die, die wehtun, erklärt die Mutter. Im Autismus-Zentrum erhält auch sie Unterstützung. „Wir wollen die Ressourcen der Eltern stärken“, sagt die Leiterin der Einrichtung, Karoline Teufel, und bezeichnet den Alltag von Familien mit autisischen Kindern schlicht als „kräfteraubend“.

Etwa eines von 160 Kindern leidet an Autismus, dieser noch immer rätselhaften Krankheit, die von Teufel als „tiefgreifende Entwicklungsstörung mit einem sehr heterogenen Erscheinungsbild“ definiert wird. Je früher die Therapie einsetzt, desto besser, sagt die 33 Jahre alte Psychologin, die sich schon als Studentin mit Autismus beschäftigt hat.

Doch eine frühe Behandlung, deren Kosten in der Regel das Jugendamt trägt, ist aus mehreren Gründen nicht immer einfach zu realisieren: Zum einen wird diese Erkrankung von vielen Kinderärzten einfach übersehen – zum anderen fehlen Therapieplätze. Die Wartezeiten für einen Patienten im Kindergartenalter liegen zur Zeit bei einem Jahr.

Derzeit sind 70 Patienten zwischen zwei Jahren und dem Erwachsenenalter in Behandlung. Es könnten mehr Patienten aufgenommen werden, sagt Teufel, wenn die Räumlichkeiten nicht so beengt wären. Seit fast einem Jahr ist das Zentrum in Containern untergebracht. Der Umzug in andere Gebäude ist angedacht – es wäre der fünfte in zehn Jahren. Das Treppenhaus liegt draußen, an der frischen Luft. Der Eingang zum Therapiezentrum ist so unscheinbar, dass man ihn glatt übersieht. Dahinter ein langer, dunkler Flur. Alle Beteiligten sind sich einig, dass diese Optik eher furchteinflößend wirkt. Dabei hätten die Kinder, die hier betreut werden, wirklich ein freundliches Ambiente verdient.

Der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, Jürgen Graf, kennt diese Zustände. Auch im hessischen Wissenschaftsministerium wisse man, „dass es so nicht bleiben kann.“ Es werde „fieberhaft“ nach einer Lösung gesucht. Doch wann die gefunden werden kann und wie sie aussehen wird, ist ungewiss. Eine Reihe von Fragen müssten vorab geklärt werden, etwa ob die Kinder- und Jugendpsychiatrie und die Erwachsenenpsychiatrie näher zusammenrücken sollen – auch eine Sanierung oder ein Umzug der Erwachsenenpsychiatrie ist überfällig, räumt der Ärztliche Direktor im Gespräch mit der FR ein.

Teufel und ihre Mitarbeiterinnen tun alles, um die räumliche Misere auszugleichen. So werden die Therapieräume für jede Stunde ganz individuell hergerichtet, etwa mit Spielzeug, das die Kinder mögen. Häufig hängt eine Schaukel an der Decke, „unser Universalwerkzeug“, so Teufel. Wenn das Kind in der Schaukel sitzt, kann die Therapeutin es zu sich heranziehen und so den entscheidenden Blickkontakt herstellen. Gleichzeitig ist die Schaukel eine gute Übung für den Spielplatz. Die Kinder sollen das, was sie im Zentrum lernen, mit hinaus, in den Alltag nehmen.

„Wir versuchen, die Kinder durch Motivation zum Lernen zu bringen, ihnen zu zeigen, dass es Freude macht, wenn man mit anderen interagiert.“ 80 Therapieziele haben Teufel und ihr Team formuliert. Sie schauen, was fehlt dem Kind, über welche Kompetenzen verfügt es, entwickeln so ein ganz persönliches Programm – und „das funktioniert wirklich gut“.

In einer der beiden wöchentlichen Therapiestunden werden zwei autistische Kinder zusammen behandelt. Hier wird geübt, wie sie sich verhalten können, wenn beide etwa dasselbe Spielzeug wollen. Warten, Tauschen und sich Abwechseln – solche Fähigkeiten können überall von Nutzen sein. Viele Kinder lernen wie Moritz während der Behandlung, zu sprechen und auf andere Kinder zuzugehen.

Autismus ist nicht heilbar, aber die Chancen für eine soziale Integration haben sich verbessert, sagt Teufel. Für Ärzte und Erzieher bietet das Zentrum Schulungen an – damit die Krankheit möglichst früh erkannt und entsprechend reagiert werden kann. Etwa die Hälfte der Patienten hat auch einen deutlich geringeren IQ als die durchschnittliche Bevölkerung. Während Menschen, bei denen ein Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde, in bestimmten Bereichen wie der Computerbranche durchaus berufstätig werden können, müssten viele erwachsene Autisten in Werkstätten arbeiten. Die Versorgung mit solchen Einrichtungen, auch mit geeigneten Wohnungen sei in Frankfurt gut, sagt Teufel.

Die Mutter von Moritz hat den Schulbesuch ihres Jungen um ein Jahr verschoben. Vielleicht kann er eine Regelschule mit entsprechender Förderung besuchen. Gerade kommt er mit einem kleinen Einkaufswagen den Gang entlang: „Wir waren einkaufen“, erklärt die Therapeutin.

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