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Umfrage Brexit Banker wählen Frankfurt

Die Stadt Frankfurt ist nach einer Umfrage unter Bankern die erste Alternative zum Finanzplatz London. Politik und Wirtschaft in der Stadt hoffen nach dem Brexit auf einen Boom.

Die Banker wählen Frankfurt. Foto: dpa

Nach dem Brexit ist der Finanzplatz Frankfurt die attraktivste Alternative zu London. Das ergibt eine Befragung unter rund 360 Entscheidern der Bankbranche, organisiert von der Boston Consulting Group (BCG). Über den Dächern von Frankfurt, im Messeturm, präsentieren die BCG-Analysten am Dienstagnachmittag das Papier. Und Oberbürgermeister Peter Feldman (SPD) macht deutlich, dass die Stadt mit aller Kraft um die Banker aus London werben will.

Der OB kündigt an, dass die Budgets der städtischen Wirtschaftsförderung und der Tourismus und Congress GmbH (TCF) jetzt nachhaltig erhöht werden. Feldmann setzt auch auf die Einnahmen aus der neuen Tourismusabgabe, die von der neuen Römer-Koalition vereinbart worden ist. „Das bringt immerhin eine einstellige Millioneneinnahme.“

Der Sozialdemokrat spricht als Konsequenz aus dem Brexit auch ganz offen wieder ein politisches Reizthema an, das in der Koalition von CDU, SPD und Grünen eigentlich tabu ist: den Bau eines neuen Stadtteils auf heutigen Äckern. Der Druck auf alle Parteien, ein solches Quartier auszuweisen, werde wachsen: Die Gegner bekämen es „mit der eigenen Bevölkerung zu tun“, erwartet der OB. Schließlich gebe es noch „25 Prozent agrarische Flächen“ in Frankfurt.

Und Feldmann will die Konversion von leerstehenden Büros in Wohnungen noch erheblich verstärken, wie er sagt. „Unser Leerstand liegt zurzeit bei 1,3 Millionen Quadratmetern.“

Tatsächlich weist Frankfurt aus Sicht der Banker einen zentralen Vorteil auf: die „wirtschaftliche Stabilität“ und das erstklassige Rating der Bundesrepublik. Auch beim vorhandenen Pool von qualifizierten Arbeitskräften schneidet Frankfurt sehr gut ab. Allerdings sehen die Befragten aus dem Banksektor auch vier Nachteile Frankfurts, mit denen sich die Politik auseinandersetzen muss.

Viele Banker befürchten eine „Sprachbarriere“

Erstens: Viele Banker befürchten eine „Sprachbarriere“ in Frankfurt, so Experte Wolfgang Dörner von der Boston Consulting Group, der die Befragung präsentiert. Sie glauben, dass in Frankfurt und in der Rhein-Main-Region zu wenig und zu schlecht Englisch gesprochen wird.

Bankier Lutz Raettig, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt, nennt diese Zweifel „überraschend und falsch“. Auch der Oberbürgermeister zeigt sich „sehr optimistisch“, dass es keine Sprachprobleme geben werde, wenn die Banker aus London nach Frankfurt kommen.

Der zweite Einwand der Finanzfachleute betrifft den Wohnraum. Viele bezweifeln, dass Frankfurt und die Region genügend Wohnungen für Bankangestellte aus London zur Verfügung stellen können. Oberbürgermeister Feldmann antwortet mit dem alten Hinweis, nur in Zusammenarbeit mit der Region lasse sich das Problem lösen: „Wir arbeiten Hand in Hand.“

Der dritte Kritikpunkt betrifft die „Attraktivität“ der Stadt und ihres kulturellen Angebots. Den Bankern erscheinen offenbar die kulturellen „Leuchttürme“, auf die die Kommunalpolitik so stolz ist, nicht strahlend genug. Frankfurt wird im Vergleich mit London als langweilig empfunden. Fazit der Experten von BCG: „Stadt und Region müssen die kulturelle Attraktivität für ein breiteres internationales Publikum erhöhen.“ Der Oberbürgermeister kontert bündig: „Die Behauptung, dass Frankfurt langweilig sei, ist Blödsinn!“

Ähnlich verfehlt empfinden die Frankfurter Vertreter aus Politik und Wirtschaft auch den vierten Kritikansatz der Befragten: Die angeblich zu hohe Straßenkriminalität und mangelnde Sicherheit in der Stadt.

Wilhelm Bender, der frühere Vorstandsvorsitzende der Flughafengesellschaft Fraport, lobt vor allem, dass Frankfurt eine Stadt „der kurzen Wege“ sei. Verglichen mit den unendlichen Strecken, die der Geschäftsmann in London von den Flughäfen in die City zurücklegen müsse, gehe es in Frankfurt sehr viel rascher.

Neun Standorte verglichen

Insgesamt neun Standorte wurden bei der Befragung verglichen: Neben Frankfurt waren das Amsterdam, Dublin, Luxemburg, Madrid, Paris, Hongkong, New York und Singapur. New York und die beiden asiatischen Städte kommen nach Ansicht der Fachleute der Boston Consulting Group dann ins Spiel, wenn amerikanische Banken in London sich dafür entscheiden würden, dem EU-Markt ganz den Rücken zu kehren.

Wegen der fehlenden Sprachbarriere genießt Dublin hohes Ansehen bei den Bankern aus Großbritannien und den USA, Luxemburg schneidet bei Deutschen und Franzosen gut ab.

Die Frankfurter Repräsentanten von Wirtschaft und Politik bemühen sich bei ihrem Auftritt im Messeturm, nicht zu starke Triumphgefühle erkennen zu lassen. Insgesamt sei die Abstimmung für den Brexit „ein schwerer Tag für Europa“ gewesen, urteilt der Oberbürgermeister geradezu zerknirscht. Als er vor wenigen Tagen gemeinsam mit dem Offenbacher Stadtoberhaupt Horst Schneider (SPD) im piekfeinen Union Club in Bockenheim vor Wirtschaftsvertretern auftrat, sind die beiden Sozialdemokraten dem Vernehmen nach schon mit dem Ruf begrüßt worden: „Da kommen die Brexit-Gewinner!“

Eric Menges, Geschäftsführer der Frankfurt-Rhein-Main GmbH International Marketing of the Region, berichtet aber stolz, dass die Internetseite der Gesellschaft, auf der sich Umzugsinteressenten melden können, schon 25 000-mal aufgerufen worden sei.

Von den befürchteten negativen Folgen, falls tatsächlich viele Arbeitsplätze im Finanzsektor von London nach Frankfurt abwandern sollten, ist bei diesem Termin von Politik und Wirtschaft nicht die Rede. Kein Wort fällt über höhere Preise und Mieten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Brexit

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