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TTIP-Protest in Frankfurt Zehntausende gegen TTIP

In Frankfurt demonstrieren Zehntausende gegen TTIP und Ceta. Es ist ein friedlicher Protest durch die Innenstadt. Die Demo hat sogar Volksfestcharakter.

Landwirte demonstrieren mit ihren Trekern. Foto: Rolf Oeser

Es ist kurz nach Mittag, als Moritz, der Bio-Bauer, den ersten Szenenapplaus erhält. Moritz ist heute saufrüh aufgestanden und mit dem Trekker von seinem Vogelsberger Acker in die Großstadt gefahren, um den Tausenden auf dem Opernplatz, die gerade im Begriff sind, zu Abertausenden zu werden, etwas zuzurufen: „Bleibt auf dem Lande und wehret euch täglich!“ Die Menschen jubeln. Auch wenn sie die erste Moritzsche Aufforderung zumindest heute nicht befolgt haben: Bei der zweiten, da sind sie dabei.

50000, werden später die Veranstalter sagen, sind an diesem Samstag auf den Opernplatz gekommen, um gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA zu demonstrieren. Die Polizei wird von 25000 sprechen, und die Wahrheit wie so oft dazwischen liegen. Rund um den Opernplatz haben so ziemlich alle Mitglieder der Gerechtigkeitsliga ihre Basislager aufgebaut: SPD, Die Linke, ÖDP, die Piraten, Greenpeace, Medico international, die Naturfreunde-Jugend und sogar die Katholische Arbeitnehmer Bewegung. Viele Institutionen, eine Meinung, zumindest was die ungeliebtenFreihandelsabkommen angeht.

Natürliche Feinde muss der TTIP-Kritiker am Samstag in der Innenstadt nicht fürchten. Dass es die überhaupt gibt, beweist lediglich der Blick ins Smartphone. Der Kreisverband der FDP jammert per Mail, man habe ihm nicht erlaubt, „in der Nähe der Frankfurter Großdemonstration einen Diskussionsstand anzubieten, bei dem Demonstranten auch über die Vorteile von Freihandel diskutieren können“. Im Liveblog des HR kann man lesen, dass Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, es jammerschade fände, wenn es nicht gelänge, via TTIP den „Welthandel fairer und besser zu machen“.

Und die Polizei warnt per Twitter, dass die ersten Taschendiebe das immer dichtere Gewühle vor der Alten Oper für ihre dunklen Zwecke nutzten. Im virtuellen Angesicht einer dann doch irgendwie ganz homogenen Querfront von Arbeitgebern, Taschendieben und Freidemokraten fühlt sich der gemeine Demonstrant in seinen ohnehin festen Überzeugungen nachhaltig bestärkt und wirkt ermuntert.

Der Protest ist bunt. Er ist friedlich. Und mitunter ziemlich lustig. „Ceta & Mordio“, steht auf der Mütze eines Demonstranten. „Ich bin fünf Teilnehmer“, behauptet eine Demonstrantin wahrheitswidrig auf ihrem Transparent. Ein anderer hat ein Schild dabei, auf dem steht: „Ich bin so wütend, ich hab sogar ein Schild dabei!“ Wieder ein anderer trägt ein riesiges Pokèmon huckepack. „Pikachu gegen TTIP“, ist auf dem zu lesen. Und die Polizei ist nicht mit Pokèbällen ausgerüstet.

Aber viel zu tun hat sie ohnehin nicht. Von Anfang an ähnelt die Atmosphäre eher einem Volksfest als einer Demo. Szenekundige Beobachter haben das schon früh erkannt: an Thomas Occupy, einer friedlichen, aber meist gut informierten Lokalgröße der gleichnamigen Bewegung. Trägt Thomas Occupy einen Fahrradhelm, sollte Vorsicht die Mutter der Porzellankiste sein. Aber heute trägt Thomas Occupy bloß ein Lächeln im Gesicht. Auch die Krawallgeschwister vom Schwarzen Block sind angereist, spielen aber ausnahmsweise mal im weiteren Verlauf der Veranstaltung keine Rolle mehr.

Auch Rechte sucht man ziemlich vergebens. Ein alter Mann korrigiert noch vor Ort sein Plakat, auf dem er gegen „Umvolkung, Lügenpresse, Politiker“ schimpft. Die „Umvolkung“ versucht er per Kugelschreiber eher vergebens unkenntlich zu machen. Zumindest hat er erkannt, dass mit dem Thema „Umvolkung“ hier und heute kein Staat zu machen ist.

Dass die Innenstadt an diesem Samstag ziemlich nationalsozialsmusbefreite Zone ist, ist nicht zuletzt auch das Verdienst der Polizei. Elf mutmaßliche Neonazis, die Reichskriegsflagge und Pfefferspray mit sich führen, nimmt sie am Baseler Platz fest, acht Gesinnungskameraden mit Schlagstöcken am Eschenheimer Turm. Kurz und schmerzlos wird auch die wohl spektakulärste Aktion der Rechten beendet: Vier Ruderer in zwei Booten hissen auf dem Main eine einschlägige Flagge mit Hammer und Schwert und zünden Bengalos an. Dass hier vermutlich rechte Zündler am Werk sind, erschließt sich nur den wenigsten.

Voll des Lobes

Eine Sprecherin der Polizei ist gegen Ende der Veranstaltung voll des Lobes über die Demonstranten und ihren Marsch durch die Innenstadt. Am meisten, sagt sie, seien viele Beamte damit beschäftigt gewesen, älteren Mitläufern eine Abkürzung oder einfach nur den Rückweg zur Alten Oper zu erläutern.

Und der Rückweg lohnt sich, denn am Nachmittag gibt es von der Bühne vor der Alten Oper noch ein rhetorisches Schmankerl. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ist von Haus aus nicht gerade ein Jahrhundertredner, aber vor diesem Publikum hat er ein Heimspiel – und geriert sich recht überzeugend als sozialromantischer Brausekopf.

Feldmann zeichnet eine düstere Zukunftsvision, in der Hedgefonds aus Übersee Frankfurts Rettungsdienste, Wasserwerke und Krabbelstuben kapern. Er zeichnet eine düstere Gegenwartsvision von England, das sein Löwenhaupt vor dem freien Markt gebeugt habe und wo jetzt zur Strafe die U-Bahnen aus den Gleisen hüpften und sich Coca-Cola an der Londoner Trinkwasserversorgung dumm und dämlich verdiene. „Das wollen wir hier nicht!“, ruft Feldmann. Niemand an der Alten Oper will das. Es gehe hier „nicht nur um ein Abkommen“, es gehe um „soziale Gerechtigkeit“. Alle an der Alten Oper wollen die. Und darum stehe und rede er hier, luthert Feldmann, auch wenn manche ihn dafür kritisierten. Und er sei stolz darauf.

Und die Menschen jubeln Peter, dem Oberbürgermeister, zu, wie sie zuvor Moritz, dem Bio-Bauern, zugejubelt haben. Und ein bisschen bejubeln sie sich wohl auch selbst. Es sei „die größte politische Demonstration in Frankfurt seit langer Zeit“ gewesen, ruft einer Veranstalter am Ende euphorisch ins Mikro. Das mag so sein. Sie war aber auch die friedlichste, freundlichste und damit vermutlich mächtigste seit vielen Jahren.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier TTIP und Ceta

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