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Trude Simonsohn „Sagt zum Unrecht sofort Nein“

Die 95-jährige Trude Simonsohn wird Ehrenbürgerin der Stadt Frankfurt. Die Holocaust-Überlebende widmete ihr Leben der Erinnerungsarbeit.

Trude Simonsohn in der Paulskirche im Gespräch mit dem Regisseur Adrian Oeser. Foto: Rolf Oeser

Zupackend und fragil zugleich wirken die Läufe, die Emil Mangelsdorff in der sonnenlichtdurchfluteten Paulskirche spielt. Den 91-jährigen Saxofonisten, als junger Musiker von den Nazis verfolgt, hatte sich Trude Simonsohn gewünscht als musikalischen Begleiter. Sehr spät, aber nicht zu spät, verleiht die Stadt Frankfurt das Ehrenbürgerrecht an die 95-Jährige. Die Holocaust-Überlebende, seit Jahrzehnten unermüdliche Mahnerin und Aufklärerin gegen Nationalsozialismus und neue Rechte, ist zum Glück noch vital – und unbeirrbar optimistisch. Ihre Botschaft an die junge Generation lautet am Sonntag: „Ihr seid die Zukunft – sagt zu jedem Unrecht sofort Nein!“

Schon als die frühere leidenschaftliche Leichtathletin mit zwei Walking-Stöcken in den Kuppelbau einzieht, erheben sich die rund 1000 Gäste zum langen Applaus. Des Öfteren an diesem Morgen scheint das Auditorium den Atem anzuhalten, wird es ganz still im Rund. Etwa als die frühere Ratsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt sich daran erinnert, wie sie „kahlgeschoren und nackt“ mit anderen jungen Frauen „durch den Kordon der SS-Leute“ im KZ Auschwitz laufen musste. „Zu allem spielte die Musik“, sagt sie noch. Auch der Lagerkommandant Rudolf Höß habe am Klavier gesessen und Beethoven geliebt: „Aber Kultur ohne Humanität ist nichts!“ Beifall brandet auf.

Nie in Hass und Bitterkeit verfallen

Der junge Regisseur Adrian Oeser, der über Simonsohn und ihre mittlerweile 100-jährige Freundin Irmgard Heydorn einen Film gedreht hat, führt ein behutsames Gespräch mit der neuen Ehrenbürgerin. Über ihre Kindheit im mährischen Olmütz, die glücklich gewesen sei: „Ich durfte meinem Vater widersprechen, ohne dass es mir übelgenommen wurde.“ Über die vielen Tage ab 1939, an denen Simonsohn der Tod drohte: die Einzelhaft, die Deportation der Jüdin zunächst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz. Bevor sie ins Todeslager verschleppt wird, hat sie noch die Liebe ihres Lebens geheiratet, den Sozialpädagogen und Juristen Berthold Simonsohn. Die beiden versprechen einander bei der Trennung, sich in Theresienstadt wieder zu treffen, sollten sie überleben.

Und tatsächlich: So geschieht es. Während ihre gesamte Familie ermordet wird, kommt die junge Frau davon. Von da an widmet sie ihr Leben der Erinnerungsarbeit: „Ich bin es den Toten schuldig“, sagt sie schlicht.

Das Geheimnis dieses langen Lebens ist vielleicht, dass Simonsohn nie in Hass und Bitterkeit verfiel, sondern sich als glücklichen Menschen sieht: Weil sie überlebte, mit ihrem Mann bis zu dessen Tod 1977 zusammen sein durfte. Berthold Simonsohn war Professor an der Frankfurter Universität, der Vater des heutigen Oberbürgermeisters Peter Feldmann war sein Assistent.

Der OB erinnert sich daran, wie er als junger Mann mit Simonsohn im Vorstand der Jüdischen Gemeinde gearbeitet habe: „Es war eine glückliche Zeit.“ Simonsohn hatte zunächst in der Schweiz vom Holocaust traumatisierte Waisenkinder betreut, dann kam das Ehepaar 1955 nach Frankfurt, und sie war im Frankfurter Gemeindevorstand für Sozialarbeit zuständig.

Unermüdlich in Schulen

Seit 1978 bis heute tritt sie unermüdlich in Schulen auf, berichtet von ihren Erlebnissen, diskutiert, appelliert an die Nachgeborenen wie auch an diesem Sonntag: „Ihr habt keine Schuld, aber Verantwortung.“

Und doch bleiben ihr Zweifel, was all diese Aufklärungsarbeit bewirkt: „Die Leute, die es dringend brauchen, holen mich nicht.“ Bevor sie die Urkunde als Ehrenbürgerin entgegennimmt, sagt sie zu Feldmann gewandt: „Wenn sein Vater und mein Mann uns aus dem Himmel zugucken, wären sie mit uns zufrieden.“

Das Frankfurter Ehrenbürgerrecht wird seit 221 Jahren verliehen, 26 Männer erhielten es – Simonsohn ist die erste Frau. Sie dankt den Frauen, die ihre Würdigung vorgeschlagen hatten: der früheren Bürgermeisterin Jutta Ebeling (Grüne) und der Journalistin Helga Dierichs.

Sie sei „vielleicht nicht in Deutschland, aber in Frankfurt zu Hause“, hat die Ehrenbürgerin einmal gesagt. Der OB nennt das „ein Glück für unsere Stadt“. Und dann greift Emil Mangelsdorff wieder zum Saxofon.

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