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Trauerfall Der mit den Geschichten - Wolfgang Deichsel ist tot

Der Mundartautor ist am Montagabend gestorben. Wolfgang Deichsel wäre der Hausschreiber des neuen Theaters geworden. Mit ihm sind auch erste Ideen für eine Uraufführung zur Eröffnung des Paradieshofs dahingegangen.

März 2009: Fest für Wolfgang Deichsel in der Deutschen Nationalbibliothek.

Der Bau einer neuen Volksbühne im Frankfurter Paradieshof ist beschlossen, es ist gerade mal zwölf Tage her. Aber Wolfgang Deichsel ist tot, der Mundartautor ist am Montagabend gestorben. Wolfgang Deichsel wäre der Hausschreiber des neuen Theaters geworden. Mit ihm sind auch erste Ideen für eine Uraufführung zur Eröffnung des Paradieshofs dahingegangen. „Er war ein Fixstern für meine Arbeit“, sagte der Volksschauspieler Michael Quast am Dienstag. Der künftige Paradieshof-Prinzipal glaubt: „Das Projekt hat ihn unheimlich beflügelt, das hat ihn weiter am Leben gehalten.“

Denn Deichsel war schon lange krank. Als Freunde und Kollegen im März 2009 im Saal der Nationalbibliothek seinen 70. Geburtstag mit ihm feierten, saß er im Rollstuhl dabei. Gemeinsam hatten sie ihn zu dem Fest überredet, lange schien unklar, ob er überhaupt kommen würde. Dann, erinnert sich Quast, „hat er sich total gefreut, dass er das noch erleben durfte“. Eigentlich sei dieser Autor ja „keiner gewesen, der auf Partys ging“. Im privaten Umfeld dagegen habe man ihn als sehr gesellig erlebt, da sei er „immer das Zentrum gewesen, mit seinen ganzen Geschichten“.

1971 hatte er begonnen, Komödien von Molière ins Hessische zu übertragen

Michael Quast, der die neue Bühne im Paradieshof aufbaut, wird seit Jahren in den Rollen gefeiert, die ihm Deichsel auf den Leib geschrieben hat. Mehr noch als der Tausendsassa Quast ist also Wolfgang Deichsel als der „Hessische Molière“ anzusehen. Denn bereits 1971 hatte dieser Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller begonnen, die Komödien des französischen Barockdichters ins Hessische zu übertragen. Mit „Schule der Frauen“ fing es an, das war in den bewegten Jahren am Theater am Turm (TAT). Wolfgang Deichsel war damals Mitglied des Direktoriums. Das Publikum kannte ihn bereits als Rezitator von Mundart-Possen; „mit kräftigen Prisen schwarzen Humors und Elementen absurden Theaters angereichert“, wie die FR urteilte. Hilmar Hoffmann, seinerzeit Kulturdezernent, erinnert an „die vergeblichen Versuche“ jenes Leitungsteams, „das von Krisen gebeutelte TAT wieder zum führenden Experimentiertheater zu machen“.

1974 endete für Deichsel das Bemühen, ein Theater zu leiten. Ein Jahrzehnt später gehörte er zum Ensemble von Schauspiel Frankfurt. Unterdessen hatte er bereits Molières „Tartüff“ und dessen „Menschenfeind“ eine hessische Fassung übergezogen. Lauter Rollen, in denen das Volk seit acht Jahren bei „Barock am Main“ Michael Quast umschwärmt. Dieses jährliche Sommerfestival in Höchst, das sie zusammen auf die Beine gestellt haben, garantiert seit 2004 Deichsel- Stücke in Serie. Fast alle sind im Frankfurter Verlag der Autoren erschienen, der sein Gründungsmitglied gestern als „einen unserer produktivsten Autoren“ würdigte.

"Er war unheimlich zäh"

„Er war unheimlich zäh“, beschreibt Michael Quast den Freund, der lange schon in Oberwesel am Rhein lebte. Und stark war er: „Der hat ja auch Häuser gebaut“, konnte „schreinern, mauern und solche Sachen“. Auch das Schreiben sei etwas Handwerkliches für Wolfgang Deichsel gewesen; „weil er immer in die Schreibmaschine hämmern musste, hat er sich eigens eine bauen lassen“. Buchstaben für Buchstaben habe er seine Texte dann „ausgeschnitten und aufgeklebt“. Ein Schrift-Steller eben; „wenn’s ans Schreiben ging, hat er sich erst mal ein Pult zurecht gezimmert“. Mal zum Stehen, mal zum Sitzen.

So muss das fast bis zuletzt gewesen sein. Für das Stück zur Eröffnung des Paradieshofs habe Wolfgang Deichsel „unheimlich viel Material gesammelt“, berichtet Quast. Noch sei ihm nicht klar, um welchen Stoff es ging, das habe man immer erst erfahren, wenn das Signal kam: „O.K., das könnt Ihr nehmen.“ Quast tippt auf den „Geizigen“, vielleicht war es auch „Der Bauer als Edelmann“ – „ich weiß nicht, was man da findet“. Jedenfalls „machen wir das ohne ihn fertig“. Die neue Volksbühne – „das wird das Haus, wo wir ihn lebendig halten“.

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