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„Titanic“ Ein netter Plausch mit den Rechten

Das Satiremagazin „Titanic“ organisiert in Frankfurt einen Dialog mit (fast echten) Rechten. Die Passanten reagieren überraschend freundlich.

Mitglied der Identitären
Mitglied der Identitären: Der Forderung nach einem Dialog mit der Rechten ist die „Titanic“ nachgekommen. Foto: imago

Der Frankfurter Bürger ist tolerant, gutmütig, schätzt den demokratischen Diskurs – und zum Misstrauen neigt er nicht unbedingt. Das ist zumindest der Eindruck, den man am Montagmittag in der Frankfurter Innenstadt gewinnen kann. In der Neuen Kräme, in Sichtweite der Paulskirche, hat die Initiative „Mit Rechten reden“ einen weißen Camping-Pavillon aufgebaut. Und das ist sehr löblich, schließlich wurde zuletzt überall – im Bundestagswahlkampf, bei Pegida, auf der Buchmesse – gefordert, sich mit den Argumenten von ganz Rechts mal ohne Tabus auseinanderzusetzen.

Man führe endlich „den Dialog, den unser Land so dringend braucht“, heißt es entsprechend selbstbewusst auf den Zetteln, die die Mitglieder der Initiative an ihrem Stand verteilen. Und unter dem Campingpavillon geht es direkt zur Sache: Interessierte Passanten können wahlweise mit einer echten Reichsbürgerin, einem AfD-Abgeordneten oder einem Mitglied der völkischen „Identitären Bewegung“ plaudern. Dass das Ganze freilich eine Aktion der Satirezeitschrift „Titanic“ ist, könnte man spätestens an den Namen der angeblichen Sponsoren merken, die unter dem Logo der Initiative stehen: Die Bundeszentrale für politische Bildung und die Wochenzeitung „Die Zeit“ sind dort ebenso aufgeführt wie Thyssenkrupp und Jägermeister.

Aber wie gesagt, misstrauisch sind die Frankfurter nicht. Und so lässt sich ein freundlicher junger Mann mit Vollbart und hochgebundenen langen Haaren ausführlich von Else Schmitz vollquatschen, vorgeblich eine Anhängerin der „Reichsbürger“, einer Truppe von Verschwörungstheoretikern also, die glauben, dass die Bundesrepublik kein Staat sei und das Deutsche Reich von 1871 weiterexistiere.

Reichsbürgerin klagt ihr Leid

Die Deutschen würden von einer Firma regiert, klagt die Reichsbürgerin, das Grundgesetz sei ihnen aufgezwungen worden! Der junge Mann fragt höflich nach und gibt dann zu Protokoll, dass er das zwar alles nicht glaube, er aber auch „negative Auswucherungen“ in der Gesellschaft kritisch sehe. „Wir leben generell in einem Scheißsystem“, findet er, und da stimmt die Reichsbürgerin ihm gerne zu. Am Schluss ein nettes Händeschütteln, so einfach geht Demokratie!

Am Tisch nebenan unterhält sich der angebliche Aktivist der „Identitären Bewegung“, ein junger Mann mit Wintermantel und Wuschelfrisur, angeregt mit einem Passanten mit Daunenjacke und Dreitagebart. Er sehe sich eher als Weltbürger, sagt dieser, er könne dieses Versteifen auf das deutsche Volk nicht so recht nachvollziehen. Aber für den Rechtsradikalen hat er dennoch einen guten Tipp: Rechts, das klinge so negativ. „Wenn ihr nicht stigmatisiert werden wollt, vielleicht müsst ihr euch anders nennen?“ Auch dieser Dialog verläuft produktiv, und am Ende sprechen beide mehrfach einem bekannten Kräuterlikör zu, den, so erklärt es der Rechte, ein Sponsor der Aktion freundlicherweise kostenlos beisteuere.

Und so geht es munter weiter unter dem weißen Camping-Pavillon. „Ich habe solche Ansichten noch nie gehört“, sagt ein junger Mann, nachdem er eine Weile mit dem AfD-Abgeordneten und der Reichsbürgerin gesprochen hat. „Das sind Ansichtsweisen, die ich nicht teile, aber jetzt auch nicht verurteile.“ Es gebe ja bekanntermaßen einige Linksradikale in Frankfurt, da müsse es ja wohl auch Rechtsradikale geben. Und so lernt man an diesem Tag, dass die Streitkultur doch nicht so gefährdet ist, wie es oft behauptet wird. Alles in schönster Ordnung. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!

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