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Tierschutz Möwen Frankfurt Möwen-Forscher ausgesperrt

Die einzigartige Frankfurter Vogelkolonie mitten in der Stadt muss in diesem Jahr wohl unerforscht bleiben: Die Eigentümer des Gebäudes wollen die Wissenschaftler nicht zu den Tieren lassen - mit seltsamen Begründungen.

So lief’s bisher: Franziska Hillig aus der Gruppe der Ornithologen beim Beringen einer der seltenen Möwen. Foto: I. Rösler

Morgens sieht man sie oft, die Möwen. Manchmal schwirren sie im riesengroßen Schwarm übers Büroland neben dem Bahnschienenstrom, der in den Hauptbahnhof fließt. Aber schon bald werden sie sich wieder rar machen, und dann wird ein ganzer Sommer verloren sein, ein Sommer für die Forschung – vertan.

Die Frankfurter Großmöwen auf dem Dach des früheren Post-Betriebshofes an der Ecke Hafenstraße/Adam-Riese-Straße sind ganz besondere Tiere. Seltene Arten für unsere Umgebung. Solche, die normalerweise am Mittelmeer leben, in Island, Großbritannien, am Schwarzen Meer, aber nicht hier. Die FR berichtete darüber – auch, dass die Vogelkundler sich nicht mehr um die Tiere kümmern dürfen, etwa um ihnen Fußringe zum Wiedererkennen anzupassen. Der Zugang ist den Menschen in diesem Jahr verwehrt, erstmals seit langer Zeit. Deshalb hat sich auch die Untere Naturschutzbehörde im Frankfurter Umweltamt schon im April für sie stark gemacht.

„Es gab ein freundliches Schreiben von uns“, sagt Behördenleiter Volker Rothenburger. „Wir haben auf die Situation der Möwen hingewiesen mit der Bitte, den Ornithologen die Möglichkeit zu geben, das Monitoring und die Beobachtung fortzusetzen.“ Reaktion: nichts. Keine Antwort. Auf ein Schreiben einer Frankfurter Behörde.

Schuld sind natürlich die anderen

Per Gesetz haben Hauseigentümer eine Duldungspflicht für Aktionen, die dem Naturschutz dienen. „Mit Ausnahme von Betriebsgebäuden“, sagt Rothenburger. Und bei dem alten Posthof handelt es sich um ein solches Betriebsgebäude, auch wenn es seit Jahren leer steht. Mit dem Gesetz wollte die Untere Naturschutzbehörde aber ohnehin nicht gleich ins Haus platzen. „Es ist uns immer lieber, wenn wir bei den Verwaltern und Besitzern ein Gespür für die Situation entwickeln können.“ Das klappt mitunter recht gut: Als der Henninger-Turm abgerissen wurde, war es gar kein Problem, den heimatlos gewordenen Falken ein Ersatzquartier auf dem benachbarten Ferrero-Haus anzubieten. Und die Commerzbank, nun bei den Möwen zumindest mittelbar beteiligt, erfreut sich seit Jahren öffentlichkeitswirksam an einem brütenden Wanderfalkenpaar auf ihrem Turm im 67. Stock.

Aber dass die Vogelschützer den kleineren Turm am Posthof betreten, um nach den Möwen zu schauen, ist nicht mehr erlaubt. Dort ist die Commerzbank teilweise Untermieterin der Post, die für beide Gebäude – den Posthof und das benachbarte Hochhaus – ihrerseits Leasingnehmerin ist. Eigentümerin ist die Investmentgesellschaft Commerz Real. In diesem Geflecht ist für Außenstehende inzwischen völlig undurchsichtig, wer den Vogelfreunden eigentlich den Zutritt verwehrt. Commerz Real sagt: die Post. Und die Post sagt: Commerz Real.

Forscher trauern der Chance nach

Leidtragende sind die Forscher. „Wir bedauern das natürlich außerordentlich, dass das Projekt nun wohl scheitert“, sagt Wolfgang Fiedler von der Vogelwarte Radolfzell des Max-Planck-Instituts: „Irgendetwas in der gemeinsamen Biologie der Großmöwenarten muss besonders günstig sein, um in Großstädten weit im Binnenland erfolgreich Fuß zu fassen. Es wäre unheimlich spannend gewesen, dem auf die Spur zu kommen. Was macht eine Tierart zum erfolgreichen Städter?“

Das Institut, beschreibt Fiedler, hätte nun mit modernster GPS-Technik die Bewegungen der einzelnen Vögel minutiös verfolgen wollen, die Frankfurter Beringer hätten die nötigen Daten geliefert. „Auch die rechtlichen Fragen in Sachen Tierschutz und Artenschutz waren geklärt – und nach all der Vorarbeit kommen wir nun nicht an die Nester dran“, ärgert sich der Vogelkundler. „Das ist nicht nur schade um die Chance, sondern durchaus auch eine beträchtliche Menge in den Sand gesetzter Zeit für Planung und Anträge.“

Einst war der Bereich um den Frankfurter Hauptbahnhof das größte zusammenhängende Postgelände Europas. Der Sturm der Zeit hat nicht nur die Besitzverhältnisse durcheinandergewirbelt, er hat auch dem Betriebshof so zugesetzt, dass „die Verkehrssicherheit nicht mehr gegeben ist“, sagt Commerz-Real-Sprecherin Karolina Müller. Deshalb dürften die Ornithologen nicht mehr drauf. „Aber entschieden hat das die Post“, betont Müller. „Auf schriftliche Anweisung der Commerz Real“, sagt Post-Sprecher Stefan Heß.

Kürzlich durften die Möwenfreunde ausnahmsweise doch noch einmal aufs benachbarte Hochhaus. Da war ein Kamerateam des Hessischen Rundfunks dabei. Das waren schöne Bilder. Geholfen hat es bisher nichts. Behördenchef Rothenburger will sich noch einmal an die Entscheidungsträger wenden. Im Guten.

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