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Tiere Weltberühmte Möwen allein zu Haus

Mitten in Frankfurt brütet eine einzigartige Seevogel-Kolonie. Doch die Besitzer des Grundstücks, auf dem die Tiere sich niedergelassen haben, sperren Vogelschützer aus.

Fotos früherer Besuche: Franziska Hillig, Ornithologin und Landschaftsökologin, mit einem jungen Hybriden aus Mantel- und Mittelmeermöwe, wie es sie bislang nur in Frankfurt gibt. Foto: I. Rösler/F. Hillig

Für die Möwen wird es jetzt langsam eng. Anfang Mai bis Ende Juni, das war in den vergangenen Jahren immer die Kernzeit, in der Vogelfreunde aus Frankfurt und Umgebung manch Beschwernis auf sich nahmen. Sie erklommen Gebäude westlich des Hauptbahnhofs, um ein ganz seltenes Phänomen zu begleiten und zu fördern: Großmöwen mitten in der Großstadt. Aber damit scheint es nun vorbei zu sein. Wer auch immer in den verworrenen Besitzverhältnissen im Bereich Hafenstraße/Adam-Riese-Straße das Sagen hat, er will nicht mehr, dass die Möwenfreunde seine Gebäude betreten.

„Da kommt eine“, sagt Ingo Rösler. „Und da drüben, da sitzt auch schon eine.“ Früher Abend in der Innenstadt – besser gesagt: hoch über der Innenstadt. Auf dem Dach des Maintowers, 200 Meter überm Bankenviertel, hat Rösler sein Spektiv aufgestellt. Nebenan moderiert Thomas Ranft gerade live die „Alle Wetter“-Sendung des Hessischen Rundfunks. Wir aber interessieren uns für das Dach ein paar Hundert Meter weiter im Südwesten. Tatsächlich: Auf dem ehemaligen Posthof, auch Betriebsgelände West genannt, flattert jetzt eine Möwe nach der anderen ein. Was nicht sonderlich bemerkenswert wäre, wenn es sich um Lachmöwen handelte. Von denen gibt es viele, an den Flussläufen entlang, in Frankfurt, Wiesbaden, Mainz. In harten Frankfurter Kältewintern allein 7000, heißt es.

Aber diese Vögel dort, auf dem Posthof an der Hafenstraße, das sind keine Lachmöwen. Das sind Großmöwen. Mittelmeermöwen. Heringsmöwen. Mitunter sogar Silber- und Steppenmöwen. Und die brüten in Frankfurt. Regelmäßig. Das ist nicht normal für eine Großstadt auf dem Festland. „So eine Kolonie gab es bisher in ganz Hessen noch nicht“, sagt Ingo Rösler, „und schon gar nicht auf einem Gebäude.“

Der Wind pfeift auf dem Maintower. Selbst in dem leistungsstarken Fernrohr sind die Möwen winzig. Schön wäre es, wenn wir näher ran könnten, zum Beispiel auf das Hochhaus mit dem Commerzbank-Emblem direkt neben dem seit Jahren leerstehenden Posthof. Bis 2013 war das möglich, und mehr: Die Gruppe um Rösler, meist sechs bis zehn Personen, manche in Vereinen wie der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) organisiert, sie durfte sogar zu den Möwennestern aufs Dach, um alles zu dokumentieren. Dafür nahmen sich die Leute viel Zeit. Immer arbeitsteilig, berichtet Rösler: „Einer fängt die Möwe ein und hält sie fest, der zweite beringt sie am Fuß, der dritte schreibt auf.“ Muss ja schließlich alles dokumentiert werden.

Erstaunlich, was sich da entwickelt hat. 2003 gab die Post das Gebäude als Umschlagplatz für Güter von der Schiene auf. Drei Jahre später ließen sich die ersten Großmöwen auf dem Grasdach blicken – Vögel, die bis Mitte des vorigen Jahrhunderts nur am Mittelmeer vorkamen. Rösler, gelernter Zimmermann, Hobby-Ornithologe, verfolgte das mit großem Interesse. „Eines Tages bin ich einer Möwe aus der Gutleutstraße einfach gefolgt und habe geschaut, wo die hinfliegt.“

Er suchte sich einen guten Beobachtungsplatz. Vom Gleis 18 des Hauptbahnhofs aus konnte er zumindest verfolgen, wer da heranfliegt und ins sichere Quartier für die Nacht will. 2007 waren das drei oder vier Brutpaare, 2008 schon etwa ein Dutzend Mittelmeermöwen. Und ein Jahr später erhielten die Vogelfreunde die Erlaubnis, vom Commerzbank-Hochhaus die komplette Brutsaison zu beobachten. Sogar eine Mantelmöwe war dabei: „Die gibt es sonst nur am Atlantik oder an der Ostsee.“ Diese Mantelmöwe züchtet nun seit 2008 jährlich an derselben Stelle mitten in Frankfurt mit demselben Mittelmeermöwenweibchen, wie die farbmarkierten Fußringe beweisen – es ist weltweit das erste und einzige bekannte Mischpaar dieser Arten. Ihre Nachkommen bringen Ornithologen bei der Artbestimmung ins Schwitzen, egal wo sie auftauchen, ob im bayerischen Niedermotzing oder in Wintzenbach (Frankreich). „Dank der Farbmarkierung konnten die verwirrten Ornis aber aufgeklärt werden“, sagt Rösler.

Jedes Jahr verfolgte die Gruppe nun die Bruterfolge der Tiere, befestigte Ringe in verschiedenen Farben an den Vogelfüßen, um verfolgen zu können, wo sie überall auftauchen, wo sie hinziehen – denn es gibt überall Gleichgesinnte, die Bescheid geben, wenn ein gekennzeichnetes Tier auftaucht, sogar im Ausland. Bei Sönke Martens in Itzehoe laufen die Meldungen zusammen: Der Arzt verwaltet Zehntausende beringte Möwen an Nord- und Ostsee, und er hat schon fast 1000 Meldungen zu den Frankfurter Posthof-Möwen gesammelt. Sie wurden an der Küste der Westsahara gesehen, in Tunesien, auf Mülldeponien in Madrid, an der Themse in London, in Paris, Berlin, Südschweden, Norditalien…

Eigentümer unbekannt

Im April 2013, also sieben Jahre nach der Sichtung der ersten Brutpaare, kamen mehr als 150 Großmöwen an den Schlafplatz auf dem Dach in der Frankfurter Innenstadt. Einhundertfünfzig. Es gibt ein eigenes Kapitel im Brutvogelatlas über diese florierende Kolonie. „Was wir da sehen, ist nicht nur von lokalem Interesse“, sagt Ingo Rösler. Die Staatliche Vogelschutzwarte sammelt die Daten. Die Universität Kiel und das Max-Planck-Institut in Radolfzell am Bodensee wollen schon seit geraumer Zeit diese besonderen Vögel mit Sendern ausstatten.

Aber dafür müssten sie ran an die Nester. Und ausgerechnet jetzt geht das nicht mehr. In diesem Frühjahr erfuhr Ingo Rösler von dem Mann, der ihn sonst immer aufs Dach ließ, dass der Eigentümer sein Einverständnis verweigere.

Wer ist der Eigentümer? Die Post? „Das Gebäude gehört schon lang nicht mehr uns“, sagt der Post-Pressesprecher. Wem sonst? Unbekannt. Aufwendige Recherchen führen zu einer Gramolinda Vermietungsgesellschaft mbH. Ruft man dort an, landet man freilich bei der Commerz Real AG, einer 100-prozentigen Tochter der Commerzbank. Die Investmentgesellschaft sei Eigentümerin sowohl des Posthofs als auch des benachbarten Hochhauses, bestätigt Projektleiterin Cornelia Zieber.

Das Posthof-Gebäude werde derzeit nicht genutzt, und es gebe auch auf absehbare Zeit keine Pläne dafür, sagt Zieber. Sie hat noch mehr gute Worte, die Vogelfreunde optimistisch stimmen: „Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, dass auf dem Dach ein Vogelschutzprojekt betreut wird. Ich bin immer dafür, dass man solche Tiere beobachtet und ihnen hilft.“

Wunderbar. Dann steht der Erlaubnis für Rösler und seine Freunde ja nichts mehr im Wege, oder? Wie man’s nimmt. Unlängst erhielt er von Cornelia Zieber die Nachricht, der frühere Posthof dürfe aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten werden; nach der Brutzeit stünden zudem Sanierungsarbeiten auf dem Gebäude an. Und auch das benachbarte Hochhaus sei leider für die Vogelbeobachter nicht mehr zugänglich. Seltsam: Dort soll nun laut Commerz Real plötzlich wieder die Post der Ornithologie einen Riegel vorgeschoben haben – jene Post, der das Gebäude nach eigenen Angaben gar nicht mehr gehört.

Die Möwen würden darüber sicher nur die Köpfe schütteln – wenn jemand zu ihnen dürfte, um es ihnen zu erzählen. Derweil kam vom Max-Planck-Institut am Bodensee die Mitteilung, es könne jetzt losgehen mit der lange vorbereiten Ausstattung der Möwen mit Sendern, alle Formalitäten seien erledigt.

Schön wär’s. Es kann der Gutmütigste nicht in Frieden Vögel beobachten, wenn es dem reichen Nachbarn nicht gefällt.

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