Lade Inhalte...

Tiere in Frankfurt Wildschweine auf dem Vormarsch

In Goldstein treiben es Wildschweine besonders schlimm. Die Bewohner des Frankfurter Stadtteils sind enttäuscht von der Stadtverwaltung.

Wühlarbeiten von Wildschweinen in Goldstein. Foto: Peter Jülich

Den Rasen hat es zerfetzt; zumindest zeugt davon das, was noch übrig ist. Mehr als zerwühlte Erde ist das allerdings auch nicht mehr. In der Landwirtschaft nennen sie solch einen Anblick Acker, obwohl der hier eigentlich nicht sein sollte inmitten der Häuser Am Heidebuckel in Goldstein – und schon gar nicht in diesem Ausmaß. „Das hier ist erst zwei Tage alt“, sagt Rouven Krause, Anwohner Am Heidebuckel, und deutet auf eine umgepflügte Fläche. Krause kennt sie alle. Wie Fremdkörper durchziehen diese aufgewühlten Reste von Erde seit Jahren die Wiesen, Gärten und Spielplätze des Stadtteils im Frankfurter Westen.

„Das ist alles von den Wildschweinen“, sagt Krause. Nacht für Nacht kämen die aus dem nahegelegenen Stadtwald heraus ins Wohngebiet auf der Suche nach Futter. Mühe scheuen sie dabei augenscheinlich keine, sehr zur Verärgerung von Krause und seinen Nachbarn. Für noch mehr Verärgerung aber sorgt, dass sich die Anwohner von der Stadt und der städtischen Wohnbaugesellschaft ABG, die bei vielen als Vermieter auftritt, nicht genügend unterstützt fühlen.

„Wir fordern hier ein klares Schutzkonzept“, sagt Krause. Er selbst sei schon des Nachts mit seinem Hund beim Spaziergang auf eine ausgewachsene Bache getroffen; bis zu 90 Kilogramm kann so ein Tier auf die Waage bringen, da hilft auch kein Hund mehr. Erst im vergangenen Februar mussten Wildschweine von einem Supermarkt an der Straßburger Straße von Polizisten in den Wald zurückgetrieben werden – mit Polizeiautos und Signalhorn, weil sich die Tiere vom bloßen Gestikulieren der Ordnungshüter wenig beeindruckt zeigten.

Eben wegen solcher Vorkommnisse beschäftigt sich auch der zuständige Ortsbeirat mit der Thematik. „Der Situation muss dringend durch die Stadt abgeholfen werden“, fordert Michael Wanka, stellvertretender Ortsvorsteher, der mit seiner Fraktion diesbezüglich einen Antrag an die Stadt in das Gremium eingebracht hat. Über einen Wildzaun um das Gebiet nachzudenken, wie es die SPD anregt, lehnt Thomas Schlimme (Grüne) ab. Ein Zaun sei immer nur so gut wie seine schwächste Stelle, sagt Schlimme, und da irgendwo auch Autos hindurchmüssten, gebe es offene Passagen.

Er glaubt, die Gefahr durch Wildschweine werde überschätzt; ihm sei kein Fall bekannt, bei dem ein Mensch durch ein Schwein Verletzungen erlitten habe; „durch Hunde kommt es zu viel mehr Unfällen“, erklärt Schlimme. Eine Einschätzung, die Frank Junker, Geschäftsführer der ABG, ähnlich vornimmt. „Fest steht, es gibt keine Gefährdung“, sagt Junker auf Nachfrage – obgleich das subjektive Empfinden der Anwohner ein gegenteiliges ist. Dass Wildschweine ins Wohngebiet drängten, lasse sich eben nicht vermeiden, wenn man direkt am Stadtwald wohne, lautet die knappe Einschätzung Junkers. Um geeignete Maßnahmen zu treffen, sei er im Gespräch mit dem Grünflächenamt.

Stadtjäger hat das Handtuch geworfen

Krause kennt die Sätze, mit denen er und die anderen Anwohner hingehalten werden, mit denen sich aber nichts zu ändern scheint. 4000 Fotos hat er auf seinem Laptop gespeichert. Sie zeigen Wildschweine in der Nacht wenige Zentimeter von seiner Hauswand entfernt. Sie zeigen Wildschweine auf einem Kinderspielplatz, der am nächsten Tag aussieht, als sei ein Auto steckengeblieben. Sie zeigen Videoaufnahmen einer Bache mit ihren sechs Frischlingen an einem Supermarktparkplatz in Goldstein. In Krauses Nachbarschaft befindet sich ein Seniorenwohnheim; dort treiben sich die Tiere in der Dunkelheit ebenfalls herum, wie der Blick auf die Wiese davor verrät. Auch suhlten sich die Tiere direkt am Wegesrand; aushilfsweise füllt das Grünflächenamt die Kuhlen mit Kies auf.

2008 gab es schon einmal Probleme mit Wildschweinen in Schwanheim. Damals stürmte eines der Tiere durch ein Fenster in eine Kindertagesstätte, verletzt wurde niemand. Dass die Wildschweine jetzt wieder vermehrt auftreten, habe verschiedene Gründe, sagt Tina Baumann, Abteilungsleiterin Stadtforst im Grünflächenamt. Zum einen trage der Klimawandel zu milden Wintern bei, wodurch wiederum die natürliche Mortalität unterbrochen werde, aber auch die Geburtsrate sich erhöhe, erklärt Baumann. Zudem würden Anwohner ihren Kompost und Lebensmittelreste über ihre Zäune werfen, „das lockt die Tiere an.“ Mit Flyern werde seitens des Grünflächenamtes versucht, die Leute aufzuklären.

Während das Grünflächenamt angibt, Büsche und somit Versteckmöglichkeiten zurückzuschneiden und verschlossene Mülleimer am Wegesrand aufzustellen, versucht Baumann, mit erhöhtem Abschuss Herr der Lage zu werden. 300 bis 350 Tiere würden jedes Jahr geschossen, vor sieben Jahren seien es noch 190 gewesen, sagt Baumann. Dadurch setze ein Lerneffekt bei den Tieren ein, die tatsächlich für eine gewisse Zeit die Fläche um die Abschussstelle herum meiden würden.

Die Zahlen allerdings beziehen sich nur auf den Waldbereich, dort, wo von den Anwohnern ohnehin kaum einer etwas von den Tieren mitbekommt. Im Wohngebiet und an dessen Rand hat von Anfang des Jahres bis Juni ein Stadtjäger insgesamt rund ein Dutzend Tiere erlegt. Dass besagter Stadtjäger nicht mehr schießt, liegt an seinem Rückzug aus dem Amt Mitte des Jahres. Krause ist darüber verärgert – schließlich sei der Mann zurückgetreten, weil die Stadt ihn nicht genügend unterstützt habe.

Anfragen nach Leuchtmitteln, um die Tiere überhaupt ausfindig machen zu können, und nach Schalldämpfern seien, was die Zuständigkeit betraf, bei der Unteren Jagdbehörde, die für die Befriedung im Wohngebiet Sorge trägt, hin- und hergeschoben worden. Auch das Grünflächenamt, so Krause, sei der Bitte des Jägers, das Gras zu kürzen, das über einen der neu aufgestellten Mülleimer gewachsen war, erst zwei Monate später nachgekommen – da hätte der Stadtjäger längst schon das Handtuch geworfen.

Die Untere Jagdbehörde war für eine Stellungnahme bezüglich der Abschusszahlen außerhalb des Walds und zur Thematik Leuchtmittel sowie Schalldämpfer bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

„Wir haben das Gefühl, seit Juni wurde hier nicht mehr geschossen“, sagt Krause; er wolle Klarheit, ob überhaupt etwas unternommen wird. Ein Nachbar, der gerade sein Haus verlässt, meint: „Die Stadt sollte das Problem auf keinen Fall unterschätzen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen