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Tiere in der Stadt Die Wildschweine kommen

Warme Winter und viel Futter sorgen für ständige Fortpflanzung bei den Wildschweinen. Zehn Forstbedienstete sind im Stadtwald ständig auf Jagd, um die Schweine in Schach zu halten. Doch die Population steigt. Auf Spurensuche im Frankfurter Stadtwald.

Eine Bache mit Frischlingen darf nicht gejagt werden, ein Keiler schon. Foto: dapd

Tina Baumann wühlt. Tiefdunkle Erde kommt unter ihren Fingern zum Vorschein, für Laien ist sie kaum von der trockenen helleren Kruste zu unterscheiden. Nur die Jägerin weiß: Zwei Tage ist es mindestens her, dass ein Schweinerüssel in den Krumen nach Regenwürmern, Wurzeln oder Schnecken suchte. Auf der Wildwiese im Frankfurter Stadtwald, irgendwo im westlichen Bereich des vierten Reviers waren es viele. Die Lichtung, eingesäumt von niedrigen Gehölz und hohen Bäumen, sieht aus, als wäre ein Bulldozer Schlangenlinien gefahren. Aufgeworfene Grasnarbe und mindestens zwanzig Zentimeter tiefe Furchen, so weit das Auge reicht. Unter den Apfelbäumen, deren Früchte längst in Wildschweinbäuchen verschwunden sind, ist das Gras komplett zerwühlt. Hier fühlen sich die Tiere wohl, hier sollen sie es auch.

Nur knapp einen Kilometer weiter nördlich sind sie unerwünscht: in den Häusern und Gärten in Goldstein im Stadtteil Schwanheim, der Siedlung in Frankfurt, in denen die Tiere dem Menschen unangenehm nahe kommen. Zum Beispiel entlang der Straßenbahnlinie nahe dem Waldfriedhof Goldstein. Zwischen Gleisen und Radweg ist der Grünstreifen auf einer Länge von eineinhalb Kilometern durchpflügt. Passanten sehen die scheuen Tiere nicht. „Sie kommen nur nachts“, sagt Baumann.

Trotzdem hilft nur Abschießen gegen ihren Vormarsch in die Siedlung. Zehn Forstbedienstete sind im etwa 6000 Hektar großen Stadtwald ständig auf Jagd, um die Schweine in Schach zu halten, jährlich 150 bis 200 Wildschweine werden erlegt. Wie viele Frischlinge, Keiler und Bachen durch den von Spaziergängern, Joggern und Radfahrern intensiv genutzten Wald streifen, weiß keiner. Doch eines ist klar: „Die Population steigt“, sagt Tina Baumann, die nicht nur Wildschweine erlegt, sondern als promovierte Forstwissenschaftlerin und stellvertretende Abteilungsleiterin im Stadtforst Frankfurt auch mit besorgten Anrufen der Bürger beschäftigt ist.

Zwei erfahrene Schützen jagen Wildschweine

Der stetig wachsende Wildschweinbestand macht bundesweit Schlagzeilen: warme Winter, viel Futter, keine Feinde. Auf die optimalen Lebensbedingungen reagieren die Tiere mit permanenter Fortpflanzung. Eine Sau, die im Februar zur Welt kam, kann im Herbst schon Junge werfen. In dieser Saison hat Baumann das Problem, das sich in stadtnahen Wäldern verschärft, im Griff, nur ein Alarm vor drei Wochen: ein Wildschwein hatte in Goldstein einen Garten durchwühlt. „Wir reagieren sofort“, sagt die Försterin. Sowas ist ein Fall für Stadtjäger. Zwei erfahrene Schützen sind seit der schlimmen Wildschweinschwemme vor vier Jahren in Goldstein und Schwanheim unterwegs. Sie lauern am Waldrand, streifen manchmal auch durch Straßen und Grünflächen. 2009 wurden 50 Tiere im Stadtgebiet erlegt, in diesem Jahr waren es erst sechs. Das klingt wenig. Dass die Erfolgsquote der Stadtjäger niedrig ist, liegt an den schwierigen Bedingungen. Weil sie im Gegensatz zur Pirsch im Wald nicht nur vom Hochsitz, sondern auch vom Boden aus schießen, dürfen sie nur abdrücken, wenn ein Kugelfang wie etwa eine Straßenböschung Querschläger verhindert.

Am besten ist es, wenn in der Stadt erst gar keine Schüsse fallen müssen. Im Frankfurter Stadtwald versuchen die Förster, den Bestand niedrig zu halten. Die Jagd wird nicht verpachtet, jeder Revierförster jagt selbst – allein oder in Gruppen auf Ansitzjagd. „Wir wollen die Kontrolle über die Wildpopulation selbst in der Hand halten“, sagt Tina Baumann. Ein Jagdpächter könnte der Versuchung erliegen, den Bestand an Frischlingen außer Acht zu lassen und lieber stattliche Keiler zu schießen, die als Trophäen mehr hermachen. Oder er könnte der Vermehrung tatenlos zusehen, weil eine hohe Wilddichte die Chance auf Treffer und damit den Jagdspaß erhöht.

Am effektivsten sind große Jagden, sogenannte Drückjagden, bei denen Treiber das Gelände durchkämmen und die Tiere den Jägern vor die Flinte scheuchen. Sie schreien und lärmen allerdings nicht, wie das bei einer Treibjagd üblich sei, betont Baumann. Bei solchen Ereignissen brauchen die Frankfurter Förster Schützenhilfe, etwa 30 Jäger werden beim nächsten Termin Ende November losziehen. Die Beute kann dann bis zu 20 Wildschweine betragen, dazu Reh- und Dammwild. Schießwütige, Knaller und Kandidaten mit schlechter Trefferquote hätten im Stadtwald keine Chance, sagt Baumann. „Wir haben nur zuverlässige Jäger und kennen alle persönlich.“

Neben dem Jagdschein wird auch ein Nachweis verlangt, dass die Teilnehmer im Schießstand bewegliche Ziele treffen können. Was geschossen werden darf, wird nicht nur durch Schonzeiten genau festgelegt. Die Leitbachen, sagt Baumann würden auf großen Jagden immer verschont, weil eine führungslose Rotte schnell Probleme machen könne. Nur in Ausnahmefällen sei es vertretbar, ein altes Tier zu schießen, damit sie mit ihren Tricks nicht die Jüngeren beschützt. Wildschweine sind kluge Tiere und lernen schnell, etwa im Dickicht abzuwarten, bis Treiber vorbeigezogen sind. Oder todbringende Futterplätze zu meiden – auf die Wildwiese mit den einladenden Äpfelbäumen im freien Schussfeld des Hochsitzes würde eine erfahrene Anführerin ihre Schar wohl irgendwann nicht mehr führen.

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