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Thomas Richter, „Bewegung Morgenlicht“ Mehr zu sein als nur man selbst

Vor fünf Jahren verübte Thomas Richter als „Bewegung Morgenlicht“ Brandanschläge – nun ist er gestorben. Unser Autor hat ihn über zwei Jahre begleitet. Eine Art Nachruf.

Im September 2010 musste sich Thomas Richter vor dem Frankfurter Landgericht verantworten. Im Oktober wurde er zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Foto: Christoph Boeckheler

Es wird nicht wenige Leser geben, die sich über diesen Text echauffieren werden. Zumindest unter jenen, die sich nach ziemlich genau fünf Jahren noch erinnern können, was – oder besser gesagt wer – die „Bewegung Morgenlicht“ eigentlich gewesen ist. Manch einer wird empört sein, dass die FR an dieser Stelle eine Art Nachruf auf einen verurteilten Brandstifter abdruckt, einen Mann, der nicht nur immensen Sachschaden verursacht hat, sondern – um es gleich in aller Deutlichkeit zu sagen – auch andere Menschen gefährdet hat. Man ist solche Unterstellungen als Journalist gewohnt. Sie tauchen immer dann auf, wenn man versucht, Motive nachzuvollziehen, statt direkt zur Urteilsverkündung zu schreiten.

In diesem Text geht es in der Tat um einen Straftäter. Es geht um Thomas Richter. Einige Leser dürfte es nun aufregen, dass wir uns entschieden haben, seinen vollen Namen zu nennen und sein Gesicht zu zeigen. Als vor knapp einem Jahr im Magazin der FR ein Porträt von Thomas Richter erschien, haben wir auf beides verzichtet. Richter selbst wollte schon damals mit vollem Namen genannt werden, wollte aus der Anonymität, in die er vom öffentlichen Kurzzeitgedächtnis und seiner Krankheit verbannt worden war, heraustreten. Damals haben wir diesem Wunsch nicht entsprochen. Niemand wusste, wie lange Richter noch leben würde. Wir wollten sichergehen, dass ihm seine Vergangenheit als „Bewegung Morgenlicht“ nicht doch noch von irgendjemandem nachgetragen würde. Am 22. Dezember ist Thomas Richter nun gestorben. Es scheint mir angemessen, seinen Wunsch nun zu erfüllen.

Wahrscheinlich hätte ich den Namen auch schon vor einem Jahr ohne größere Konsequenzen öffentlich machen können. Thomas Richter klingt nicht gerade außergewöhnlich, ein Name, der kaum Assoziationen auslöst. „Bewegung Morgenlicht“ klang natürlich nach mehr. Nicht nur nach mehr als einer Person, sondern auch nach einer großen Geschichte, nach dem Versprechen eines Happy Ends. „Hoffnungsvoll“ sollte der Name klingen, hat Thomas Richter einmal gesagt. Dabei war seine Geschichte bei genauerer Betrachtung nicht besonders groß und schon gar nicht hoffnungsvoll.

Am Anfang stand ein Manifest. Im Oktober 2009 ins Netz gestellt. Ein Sammelsurium aus linkem Vokabular, durchmischt mit Sozialromantik bei gleichzeitiger Absage an linksextremistische Visionen. Die „Bewegung Morgenlicht“ war nicht im eigentlichen Sinne revolutionär. Letztlich forderte sie die Rückkehr zu einer sozialen Marktwirtschaft, wie sie (angeblich) bis Ende der 70er existiert hat. Kurze Zeit später brannte in der Freßgass die erste Bankfiliale. Und in den Redaktionsbüros diverser Medien trudelten die Bekennerschreiben ein.

Ich habe diese Schreiben damals nur in Kopie sehen können. Um den Fall kümmerten sich gestandene Redakteure. Es folgten weitere Brandanschläge, Drohungen, eine nicht zündfähige Rohrbombe, die es bis in das Vorzimmer des Hessischen Ministerpräsidenten schaffte. Einige Monate lang war die „Bewegung Morgenlicht“ eine ganz große Story. Die „Bild“-Zeitung widmete ihr eine ganze Artikelserie, in der sie vermeintliche Interna über die Struktur der „Terrorvereinigung“ schilderte. Andere Medien spekulierten über die „Rückkehr des Linksterrorismus“.

Thomas Richter hat das amüsiert. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl, aktiv mitzuspielen, statt als Spielfigur hin- und hergeschoben zu werden. Vor dem Morgenlicht kommt bekanntlich das Morgengrauen. Vielleicht wäre es angesichts des Schreckens, den die Bewegung zumindest stellenweise hervorrief, der passendere Name gewesen. Im Februar 2010 wurde Thomas Richter schließlich festgenommen. Und der Mythos von der Bewegung brach in sich zusammen.

Auf meiner Festplatte schlummern knapp sechs Stunden Gesprächsmitschnitte. Ein kleiner Ausschnitt aus den knapp zwei Jahren, die ich Thomas Richter mehr oder minder regelmäßig begleiten konnte. Bei den ersten Besuchen in der JVA Butzbach durfte ich nicht einmal Papier und Stift mitnehmen, geschweige denn ein Diktiergerät. Über seinen Anwalt hatte ich Kontakt aufgenommen. Als ich Thomas Richter Ende 2012 das erste Mal sah, hatte er knapp die Hälfte seiner Haftstrafe von vier Jahren und zehn Monaten verbüßt.

Sich so lange mit einem Menschen zu beschäftigen, bedeutet nicht zuletzt, auch einen Blick auf sich selbst zu werfen. Die Wut auf „das System“ kennt jeder. Doch was bringt einen Menschen dazu, „das System“ oder das, was er dafür hält, anzugreifen? Nicht mit Worten, Gesten, Protestaktionen, sondern mit Feuer? Was muss passieren, damit jemand „eine innere Kündigung“, wie Thomas Richter es formulierte, ausspricht und letztlich auch sein eigenes Leben innerhalb dieses Systems ad acta legt?

Richter hat versucht, auf solche Fragen möglichst abstrakt zu antworten. Wenn man sich auf seine Erzählung einließ, waren es eben die historischen Umstände, die Konfiguration des Systems unter den Bedingungen des Neoliberalismus, die quasi unausweichlich dazu geführt haben, dass die „Bewegung Morgenlicht“ entstand. „Diese Zeit hat auch Menschen wie mich hervorgebracht“, sagte er. Die vermeintliche Selbstverleugnung aber entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als Selbstüberhöhung.

Thomas Richter wollte Teil einer größeren Erzählung sein. Nicht länger der trotz aller Anstrengungen vom Pech verfolgte, arbeitslose BWLer, sondern eine für die Zeit symptomatische Figur. Ein Sinnbild vielleicht. Auf jeden Fall etwas, das über seine eigene Person hinausgeht. Ich als Reporter aber wollte seine persönliche Geschichte in allen Details. Was genau ich darin suchte, weiß ich nicht. Vielleicht nur die Antwort auf die Frage, warum ich selbst, trotz aller Wut, nie zu radikalen Mitteln gegriffen habe. Die sechs Stunden Mitschnitte sind die Protokolle eines Kampfs, der mit einem Unentschieden endete. Wir haben beide nicht ganz das bekommen, was wir wollten.

Die Reportage, die am Ende in der FR erschien, ist der Versuch, sich beiden Sichtweisen auf die Person Thomas Richter gleichermaßen anzunähern. Letztlich ist es die Geschichte eines Menschen, der an ein Versprechen geglaubt hat. Nämlich dass in diesem „System“ ein Platz für ihn sein würde – komme was wolle.

Als ich Thomas Richter das erste Mal in der JVA besuchte, konnte er noch selbst laufen, wenn auch nur eingeschränkt. Damals ging er noch von einer sich nicht verschlimmernden Rückenmarksverletzung aus. Beim nächsten Besuch, er benutzte inzwischen einen Rollator, kannte er die Diagnose bereits: Amyotrophe Lateralsklerose. „Die Stephen-Hawking-Krankheit“, erklärte er mir damals. Inzwischen ist die Erkrankung, bei der die für die Motorik zuständigen Nervenzellen absterben, bekannter – dank jener Internetvideos, in denen sich Prominente einen Kübel Eiswasser über den Kopf gießen.

Die Reportage, die ich über Thomas Richter schrieb, trug zeitweise den Arbeitstitel „Am Ende der Bewegung“. Zwei Jahre mit Richter, das hieß auch, ihm faktisch beim Sterben zuzusehen. Als er die JVA verließ, saß er bereits im Rollstuhl. Der Zufall wollte es, dass er in ein Pflegeheim in meinen Stadtteil kam. Ich aber arbeitete zu dieser Zeit in Berlin. Als ich ihn nach vier Monaten wiedersah, konnte er nicht einmal mehr alleine den Kopf heben. In dieser Zeit begannen wir die Gespräche aufzuzeichnen. Jeden Donnerstagnachmittag etwa eine Stunde. Er freute sich darauf.

Zuletzt habe ich Thomas Richter Anfang September im Hospiz gesehen. Wir saßen im Sonnenschein. Die Schmerzmittel waren inzwischen so stark, dass er nur noch sehr langsam sprechen und kaum mehr die Augen offen halten konnte. Die Wahrheit ist, dass ich mir immer wieder vorgenommen hatte, noch einmal vorbeizugehen. Die Wahrheit ist aber auch, dass es unangenehm ist, einem Menschen beim Sterben zuzusehen und man für jeden Grund, es nicht zu tun, dankbar ist. Sein Ende, so wurde mir geschildert, war schmerzfrei und friedlich. Immerhin.

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