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"The Nest Home" Wohltätigkeit für ein Lächeln

Er war Kinderarzt, sie Lehrerin. Seit Thomas und Irene Berger pensioniert sind, kümmern sie sich im "Nest" um Kranke und um verlassene Kinder in Kenia. Ziel ist es, Kinder in ihre Familien zurückzubringen, Kindern und ihren Müttern eine zweite Chance zu geben.

Als "Mix aus Spaß und Wohltätigkeit" bezeichnet Thomas Berger seine Arbeit mit Kindern in Nairobi. Foto: Miriam Keilbach

Jonathan liegt in seinem Bett, mit seinem dünnen Ärmchen versucht er das Stofftier zu greifen, das über ihm hängt. Er fängt an zu weinen. Ehe Jonathan die beiden Babys weckt, die ein Zimmer mit ihm teilen, nimmt Irene Berger ihn aus seinem Bett. Sie redet auf Deutsch auf ihn ein, er schmiegt sich an sie, sein Weinen verstummt. Sie hebt ihn hoch, weit über ihren Kopf. Jonathan zappelt und lacht. Es ist ein warmes Kinderlachen, die Augen strahlen, während die letzten Tränen im Gesicht trocknen.

Als Jonathan vier Wochen zuvor ins Kinderheim „The Nest Home“ in der kenianischen Hauptstadt Nairobi kam, war seine Mutter gerade inhaftiert worden, weil sie Essen klaute. Jonathan war 18 Monate alt und wog knapp über fünf Kilo. Er kann weder sitzen noch laufen, seine Muskeln sind zu schwach, um seinen Körper zu halten. Sie päppeln ihn auf, langsam. Jonathan weiß nicht, wie es ist, einen vollen Magen zu haben. Tag für Tag bekommt er nun ein bisschen mehr zu essen.

Ein bisschen Freude im tristen Alltag

Eine Woche später sitzt Irene Berger in ihrem Wohnzimmer im Frankfurter Nordend. Um sie herum afrikanische Deko: Tierfiguren, Masken, kenianische Statuen. Ihr Handy piept, eine WhatsApp-Nachricht aus Nairobi. Eine Kinderpflegerin hat ein Foto von Jonathan geschickt. Sie schreibt, dass Jonathan in der Zeit im Nest 800 Gramm zugenommen hat. Irene Berger lächelt. „Er liegt mir besonders am Herzen“, sagt sie.

Jonathan ist ein Extremfall. Aber Extremfälle gibt es viele im Nest. Carol zum Beispiel, die sie im Müll gefunden haben. 1,8 Kilo wog sie. Wann sie geboren ist, weiß niemand. Oder Margaret, die im vergangenen Jahr ins Nest kam. Sie war drei Jahre alt, mehrfach vom Stiefvater vergewaltigt, ihr Schenkel durch den Gewaltakt gebrochen.

Irene Berger kennt diese Geschichten und sie weiß um ihre Mittel. Sie kann die Seelen nicht heilen, nur etwas Linderung schaffen, für ein bisschen Freude im tristen Alltag sorgen. Sie will ihnen eine Chance, ein bisschen Hoffnung geben. Seit drei Jahren hört sie diese Geschichten, seit drei Jahren päppelt sie fast verhungerte Kinder auf, streichelt und knuddelt, wickelt, füttert und spielt, putzt und räumt auf, klebt Pflaster auf kleine und Liebe auf große Wunden. „Wir versuchen, das Elend zu reduzieren“, sagt die 66-Jährige.

Es war vor drei Jahren, als ihr Mann Thomas Berger sie ins Nest mitnahm. Berger hatte eine Kinderarztpraxis im Nordend und engagierte sich schon längst in Kenia. Schon in den 80ern war er mit den „German Doctors“ insgesamt drei Monate dort. „Als das Praxisende nahte, habe ich mir überlegt, was sinnvoll ist“, sagt er.

2009 nahm ihn ein befreundeter Arzt mit nach Kianjogu nördlich von Nairobi, ins Cargo Human Care Medical Center. Jeden Tag versorgt dort ein deutscher Arzt jene Kenianer, die sich eine Behandlung selbst nicht leisten können. Für einen Euro werden sie behandelt, bekommen Medizin oder Überweisungen ins Krankenhaus. Werden längere Klinikaufenthalte oder teure Operationen notwendig, sammelt der gemeinnützige Verein Cargo Human Care (CHC), eine private Initiative, die von Cargo-Mitarbeitern gegründet wurde, das Geld dafür.

In Kenia helfen, heißt Allrounder zu sein

Seit Berger vor vier Jahren seine Praxis aufgegeben hat, ist er alle sechs Wochen in Kenia, im Sommer auch mal dreieinhalb Monate. Der 65-Jährige ist so was wie der Leiter des Medical Centers, er untersucht, macht Dienstpläne, arbeitet eng mit den Schwestern und Behörden vor Ort zusammen. Er knüpft Kontakte, sucht Kooperationspartner.

Und dann gibt es noch die anderen Projekte von CHC, das Waisenhaus Mothers’ Mercy Home, in dem 120 Aidswaisen leben, und das Jugendzentrum John Kaheni Residence, wo jugendliche Waisen auf das Arbeitsleben vorbereitet werden. Als der Verein im Frühjahr mit dem Bau des Jugendzentrums in Kiambu bei Nairobi begann, hat sich Berger um die Biogasanlage gekümmert. Das hat mit seinem Job zwar nichts zu tun, „aber man muss auch über den Tellerrand schauen“, sagt er. In Kenia helfen, heißt Allrounder zu sein. Im Hausflur der Bergers steht ein Koffer. „30 Kilo“, sagt er. Morgen geht es wieder los. Fünf Tage war er in Frankfurt. „Die Klamotten hat er da gelassen, es sind nur Sachen für die Kinder und für die Praxis drin“, sagt Irene Berger.

2012 begleitete sie ihren Mann zum ersten Mal nach Kenia. Sie war zu diesem Zeitpunkt pensioniert, hatte ihre Arbeit am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium aufgegeben und wollte Kenia als Touristin kennenlernen. Dann begleitete sie ihren Mann ins Nest, denn die Ärzte des Medical Centers versorgen auch diese Säuglinge. Im Medical Center konnte sie nicht sinnvoll helfen, aber im Nest, diesem Projekt der Auswanderin Irene Baumgartner, war Hilfe bitter nötig. „Die Szene vor Ort und auch Irene haben mir imponiert“, sagt die 66-Jährige. Sie fragte, ob sie helfen könne – und sie blieb gleich für drei Wochen.

„Die meisten der Kinder haben die typische Heimkarriere vor sich“, sagt Berger fast resignierend. Vor allem seit es nur noch Kenianern erlaubt ist, kenianische Kinder zu adoptieren. Früher lebten nordamerikanische und europäische Familien während des Adoptionsprozesses, der schon mal neun Monate dauern kann, in Häusern auf dem Gelände vom Nest. Über die Miete finanzierte Baumgartner ihr Projekt. Nun fehlt den Kindern nicht nur die Perspektive, sondern dem Hilfsprojekt auch Geld. Nur selten finden sich noch Adoptiveltern. Aber dann gibt es auch wieder diese schönen Nachrichten: Carol wird fast täglich von der Frau besucht, die sie bald Mama nennen wird.

Das Ziel vom Nest ist, Kinder in ihre Familien zurückzubringen. Margaret etwa wurde von ihrer Tante aufgenommen, als die äußerlichen Wunden verheilt waren. Oft sind die Verhältnisse auch nicht derart kriminell und lieblos wie in im Falle von Margaret. Irene Baumgartner möchte den Kindern und ihren Müttern eine zweite Chance geben. Denn fast alle Mütter sitzen oder saßen im Gefängnis. Viele klauen, weil sie sich das Essen für sich und ihre Kinder nicht leisten können. Können sie die Strafe nicht bezahlen, werden sie inhaftiert. Die Babys landen bei Baumgartner, die Kinder im Waisenhaus. Wenn sie Glück haben. Und wenn sie noch mehr Glück haben, kümmert sich ihre Mutter später wieder um sie.

Rund 20 Frauen, die aus dem Gefängnis entlassen wurden, leben mit ihren Babys im Halfway Haus, das zum Nest gehört. Dort lernen sie in einem Friseur- und Kosmetikraum einen neuen Job, sie bekommen Bildung und Unterstützung mit den Kindern. Schaffen sie es, die Mütter zu resozialisieren, sie durch einen Beruf aus der Armut zu holen, profitieren davon auch die Kinder.

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Manchmal sind es 13-, 14-jährige Mädchen, die Baumgartner überlassen werden. Sie weiß dann nicht, wer eigentlich Hilfe braucht: die durch Vergewaltigung schwanger gewordenen Mädchen, die zusätzlich durch den Gefängnisaufenthalt traumatisiert sind, oder die Babys, die wegen Überforderung, Armut oder auch Desinteresse nicht von ihren Müttern versorgt werden.

Irene Berger hat kleine Ziele: Es den Kindern etwas leichter zu machen im Leben, Ansprechpartner sein, für ein Lächeln sorgen. In guten Zeiten ist eine Pflegerin für zwei Kinder zuständig. Im Moment sind es sechs Kinder pro Pflegerin. Immer noch Luxus für die Kinder aus dem Slum, die sich oft selbst überlassen sind.

Im Frankfurter Nordend wohnt das Ehepaar Berger in einem Haus. Wenn die Bergers in Nairobi sind, beherbergt sie eine kenianische Familie. Kariuki ist ein Freund einer Mitarbeiterin im Waisenhaus. Wann immer Bergers in Nairobi sind, wohnen sie in seinem kleinen Gästehaus. Das spart Kosten, gibt einen Einblick in die Kultur und bei anstrengenden Behördengängen begleitet Kariuki den deutschen Freund. Das habe schon so manche Tür geöffnet, sagt Thomas Berger. Ärger mit den Behörden gibt es dennoch immer wieder. Will er medizinisches Gerät, das hierzulande gespendet wurde, nach Nairobi bringen, muss er 16 Prozent Mehrwertsteuer auf einen Fantasiewert zahlen, den die Behörde willkürlich festlegt. „Wir zahlen also für eine Spende, für ein Geschenk an das Land“, sagt Berger.

Möglichkeiten sind begrenzt

Es ist Nachmittag in Kianjogu, die Sonne brennt und Thomas Berger macht seine Runde durch das Center. Gut 100 Menschen warten auf den Fluren, in den Wartezimmern, auf Bänken vor dem Haus. Einige liegen auf Decken auf dem Gras, Wasserflaschen wandern von Hand zu Hand. Kinder von Patienten spielen mit Waisenkinder aus dem Mothers’ Mercy Home, das auf dem gleichen Gelände liegt. Berger kontrolliert Geräte, spricht mit Patienten, die er seit Jahren kennt.

7000 Menschen werden hier jährlich von insgesamt 32 deutschen Ärzten behandelt, die jeweils drei bis fünf Tage im Einsatz sind. 21 000 Untersuchungen sind das im Jahr. Das größte Problem: Diabetes. 400 Patienten leiden an Typ 2. Früher gab es kaum Nahrung. Es wird gegessen, was man sich gerade leisten kann. Gibt es etwas, werden die Teller vollgeladen.

Die Armut, sagt Berger, sei ein Faktor gegen die Therapie. Ein 13-jähriges Mädchen gehört zu Bergers Stammpatienten. Er war glücklich, weil er sie so schnell medikamentös einstellen konnte – „bis ich einen Hausbesuch machte. Sie lebte in einem Holzverschlag und hatte nichts zu essen“. Inzwischen lebt das Kind im Waisenhaus, bekommt Sonderkost. Die kenianische Variante.

„Wenn es nicht besser wird, ist sie in zehn Jahren blind und bekommt Niereninsuffizienz“, konstatiert er. Unterernährte Kinder sind ein großes Problem. Für Kinder zwischen sechs und 24 Monaten gibt es keine Ergänzungsnahrung. „Wir haben keine Möglichkeit, sie durch diese kritische Phase zu bringen.“

Ohnehin sind die Möglichkeiten begrenzt. „Ich bin in dem Fall hilflos. In Deutschland kriegen Betroffene Ernährungsberatung, Diätassistenten, Schulungsprogramme. Hier geht es um Elementares wie den Zugang zur Nahrung.“ Das Geld für richtige Ernährung fehlt, es wird gegessen, was es gibt und davon so viel wie möglich“, sagt Berger. Immerhin konnten sie inzwischen Selbsthilfegruppen zum Thema Ernährung etablieren.

Ein Mix aus Spaß und Wohltätigkeit

Geht es so weiter, wird Diabetes im Jahr 2020 die Infektionskrankheiten in der Anzahl der Erkrankten überholt haben. Rund um Nairobi gibt es keine Malaria – außer sie wurde aus den Küstengebieten oder aus dem Westen importiert. Auch die HIV-Rate liegt in der Region des Medical Centers deutlich unter dem kenianischen Schnitt: 6,5 Prozent. „Die Kollegen im Slum nebenan haben schon 20 Prozent“, sagt Berger.

In einem der zehn Behandlungszimmer versucht Melanie Bödemann eine ältere Frau von der Notwendigkeit einer Brille zu überzeugen. Die Frankfurterin arbeitet als Augenärztin im Main-Kinzig-Kreis, seit drei Jahren ist sie in ihrem Urlaub für CHC unterwegs. Sie trifft auf Kinder, die minus zehn Dioptrien haben, also nahezu blind sind – und Eltern, die bestellte Brillen doch nicht abholen. „Wir versuchen, den Kindern zu erklären, wie wichtig es ist, aber tragen müssen sie die Brillen selbst“, sagt sie, während eine Schwester die Erklärungen von Dr. Melanie, wie sie hier genannt wird, in Kikuyu übersetzt. „Viele Eltern bemühen sich, unsere Ratschläge zu befolgen.“

Die Deutschen, die in Kiambu und Nairobi anpacken, sind sich dennoch einig: Die Arbeit bringt auch Spaß. Ein passender Mix aus Spaß und Wohltätigkeit, sagt Thomas Berger, das sei für ihn ausschlaggebend. Und er fand schade, dass er ausgerechnet jetzt am Ende der Karriere, wo er die meiste Erfahrung hat, diese nicht hätte weitergeben können. „Das ist eine Vergeudung von Ressourcen.“

In Kenia kann er das Wissen weitergeben – und viel Neues lernen. „Ich kenne viele Hintergründe nicht, die Haut ist anders, es gibt andere Krankheiten, das Gesundheitssystem funktioniert anders“, sagt Berger, „vieles habe ich noch nicht gesehen.“ Die Neugierde treibe ihn, so der 65-Jährige.

Viel Geld, Zeit und Mühe haben die Bergers investiert, um anderen ein besseres Leben zu ermöglichen. Während er dieser Tage in Kenia ein Weihnachtsessen organisierte, wuselte Irene Berger in Frankfurt herum. Mehrere Tage in der Woche arbeitet sie ehrenamtlich für die Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen. Doch ihre Gedanken sind in Kenia. Ein neues WhatsApp-Foto. Jonathan sitzt lächelnd unter einem Spielbogen. Acht Wochen ist er nun im Nest. Sieben Kilo wiegt er. Nun lernt er das Krabbeln

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