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The Cure Die Ikone redet nicht

Robert Smith und The Cure treten in der Frankfurter Festhalle auf. Neunundzwanzig Songs spielt die britische Allzeit-Lieblingsband einer ganzen Generation.

Robert Smith, Sänger der britischen Band The Cure, hier in der St. Jakobshalle in Basel. Foto: dpa

Neunundzwanzig? Nicht möglich. Noch mal nachzählen – doch: Neunundzwanzig Lieder spielt die britische Allzeit-Lieblingsband einer ganzen Generation am Montagabend in der Frankfurter Festhalle, von „Shake Dog Shake“ bis „Why Can’t I Be You“. Wenn die Generation am Ende trotzdem ein bisschen unbefriedigt nach Hause geht, nach knapp zweieinhalb Stunden, irgendwie unfertig, dann liegt das womöglich an den fünfunddreißig.

„Gehst du zu Cure?“ Wer das vor fünfunddreißig Jahren gefragt wurde, draußen auf dem kleinen Pausenhof, wo die standen, die schon rauchten, der gehörte ab sofort zu den Coolen. Wer zurückfragte: „Wohin? In Kur?“, der gehörte ab sofort nicht mehr zu den Coolen. The Cure, das war das Maß der Dinge an der Schwelle der 70er zu den 80ern, an der Schwelle der Babyboomer zum Erwachsenwerden. Wenn du nicht wusstest, wer The Cure ist, warst du erledigt. Dann konntest du weiter Smokie hören und Vatermutterkind spielen.

In der Frankfurter Festhalle geht das Saallicht aus, da liegt die Bühne im diffusen Licht, umwabert von diffuser Musik, und dann geistern die Musiker auf die Bühne, angeführt von einer untersetzten Gestalt mit wirren Haaren und bleichem Gesicht im schwarzen Gewand, es könnte eine Hexe sein, es ist Robert Smith. Die Ikone redet nicht, die ersten Lieder fliegen aus nie vergessenen Zeiten heran. Die Bühne ist ein Traum aus Licht, unzählige Scheinwerfer, kein überflüssiger Videoschnickschnack.

Ein Funke springt über bei „Push“ vom 1985er Album „The Head On The Door“ – und erlischt wieder beim nächsten Lied, „In Between Days“. So geht’s weiter mit „Kyoto Song“ (sehr schön) und „A Night Like This“ (hingeschludert). Warum singt Robert nicht einfach die Originallinien? Wieso leiert er drunter durch? Erkältet? Lustlos?

Das Gegenteil eines Pop-Idols

Eigentlich ist Robert Smith das Gegenteil eines Pop-Idols. Sicher, er schrieb einige der größten Indie-Songs der Welt, „Boys Don’t Cry“, „Killing An Arab“, „10.15 Saturday Night“, „Three Imaginary Boys“, „A Forest“, „All Cats Are Grey“. Ein Genuss allein schon, die Titel zu nennen, seit Tagen, im Kreise der Gleichaltrigen. Sicher, Robert Smith sang und verkörperte den Soundtrack des Dramas, ein Teenager zu sein, unverstanden zu sein, unvollständig zu sein. Sicher, er spielte überdies auch noch die Gitarre bei Siouxsie and the Banshees, der anderen gottähnlich verehrten Band auf der Landstraße, die aus dem Punk hinausführte. Aber er sperrte sich auch stets, er hatte Angst vor Spinnen und vor dem Fliegen, er wollte kein Gothic-Held sein, auch wenn er so aussah. Auch wenn er so aussieht. Eigentlich ist Robert Smith am liebsten nur Robert Smith.

Die Konzertstunde bis halb zehn ist leider ernüchternd, ehe sie in „One Hundred Years“ mit Weltkriegsfotos und der minutenlangen Bühnenexplosion „Give Me It“ ein spektakuläres Ende findet. Die Band nimmt sich die erste von mehreren Pausen. Ein schöner Kniff ist es, im Bühnenhintergrund wie in einem großen Spiegel das Geschehen zu zeigen, die Band in der Tiefe, aber nicht von hinten, sondern ein zweites Mal von vorn.

„A Forest“, der Höhepunkt des Abends, der Wipfel sozusagen. Ein Wald auf der Bühne, grünes Licht. Am Ende die Doppeltöne von Bassist Simon Gallup, neben Smith der einzige Verbliebene aus ganz alten Zeiten und heute der einzige, der sich auf der Bühne bewegt, der hin und her galluppiert, unermüdlich. Und als er seine Doppeltöne spielt, begleitet nur vom Mitklatschen der Fans, da hört man, wie gut dieser Bass klingt. Für den Rest des Abends versinkt er in einem unsäglichen Morast von Festhallenklang.

Neunundzwanzig, wenn deine Lieblingsband aus pickligsten Zeiten neunundzwanzig Lieder spielt, welches sollst du vermissen? Wenn die Band nach jeweils fünf, sechs Songs eine Pause macht, wie sollst du wissen, wann du Zugabe rufen musst? The Cure kommt immer wieder, scheint’s, auch an diesem Abend in Frankfurt. Es ist ja nicht wirklich enttäuschend. Da, „Lullaby“, wie wunderbar, mit einem riesigen Spinnennetz im Saal. Es ist ja auch schön. Vor allem hilft es ungemein, wenn man in verzweifelten Momenten eine engagierte Anwältin der Band an seiner Seite weiß. Es ist nur … man hätte es vielleicht gern ein wenig emotionaler gehabt. Vielleicht ein bisschen mehr Ansprache als: „Jetzt spielen wir ein paar Lieder vom Album ,17 Seconds‘.“ Man hat sich doch seit hundert Jahren nicht mehr gesehen. Außerdem soll die Band anderswo satte drei Stunden gespielt haben, wie man so hört.

The Cure ist nicht mehr, was The Cure mal war. Wir sind auch nicht mehr, wer wir mal waren. Nichts ist mehr, was es mal war. Schade, aber gut so. Obwohl – Robert Smith ist, wer er war. Und hey: Boys don’t cry.

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