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Terrorismus Der vergessene Anschlag

Vor 30 Jahren sterben bei einer Explosion am Flughafen drei Menschen. Ein Ermittler erinnert sich an Schnappschüsse mit Geschichte, falsche Fährten und Kinder mit Vorahnung.

Die Abflughalle nach dem Anschlag. Foto: dpa

Es ist der 19. Juni 1985, 14:42 Uhr, als in der Abflughalle des Terminal B am Frankfurter Flughafen eine Bombe explodiert. Drei Menschen sterben, 42 weitere werden zum Teil schwer verletzt. Der Bereich um eine Sitzgruppe in der Abflughalle gleicht einem Trümmerfeld. 30 Jahre später sitzt Thomas Krug (Name von der Redaktion geändert) in seinem Wohnzimmer im Frankfurter Umland und blättert versonnen in einem selbstgefertigten Buch. Krugs Blick bleibt auf einem Foto haften. Es zeigt die Sitzgruppe zehn Minuten vor der Explosion. Ein Tourist hat es zufällig aufgenommen. Krug blickt auf eine Familie im Bildhintergrund. „Wenn ich an ihre Geschichte denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut.“ Dann beginnt er zu zählen.

Einen Tag nach der verheerenden Explosion wird Krug aus dem Urlaub zurückgerufen. Der junge Oberkommissar im Staatsschutz wird der Sonderkommission zugeteilt, die den bis heute schwersten Anschlag auf den Frankfurter Flughafen aufklären soll. 111 Beamte gehören der Soko zunächst an. Am Ende ihrer Ermittlungen werden sie 1126 Zeugenbefragungen durchgeführt und 1060 Spuren und Hinweisen nachgegangen sein.

22 Bekenner

Unter den Hinweisen die eingehen, gehören auch 22 Bekenneranrufe oder –schreiben, ein bis heute unübertroffener Rekord. „Das hat uns damals ganz schön auf Trab gehalten“, so Krug. Denn Internet und Mailverkehr gibt es noch nicht, jede Bekennung muss aufwendig auf ihre mögliche Authentizität überprüft werden. Bereits zehn Minuten nach dem Anschlag geht bei der Telefonzentrale der Frankfurter Rundschau der erste Bekenneranruf ein.

Einen Tag später trifft bei einer Dependance der Nachrichtenagentur Reuters in Beirut die erste schriftliche Bekennung ein. Das Spektrum derjenigen, die auf Rhein-Main gebombt haben wollen, reicht von ganz links bis ganz rechts, von der Tamilischen Befreiungsfront bis zu einer Gruppe von Umweltschützern, die sich „Peace Conquerors“ nennt. Die Bekennung der Friedenseroberer wird von den Ermittlern noch am glaubwürdigsten eingestuft, doch am Ende erweisen sich alle Bekenntnisse als falsche Fährte.

Kriminaltechniker wollen derweil herausgefunden haben, dass die Bombe in einer beigefarbenen Leinentasche verstaut war, sie wurde durch die Explosion völlig zerfetzt. Die Ermittler bitten die Firma Goldpfeil in Offenbach, eine solche Tasche anzufertigen, um sie der Öffentlichkeit präsentieren zu können.. In der ZDF-Fernsehsendung Aktenzeichen ..xy ungelöst wird einige Monate nach der Tat der Bombenanschlag thematisiert. In dem Fall gehen drei ernstzunehmende Hinweise ein. Alle drei beziehen sich auf die Tasche. „Die Tasche wurde von einem Familienbetrieb in einem Hinterhof in Taipeh gefertigt“, so Krug. Weltweit wurden 15 000 davon produziert.

Die Spur der Tasche am Frankfurter Flughafen führt schließlich nach Australien. Die Ermittler stutzen. Unter den Toten waren auch zwei australische Kinder. Der Vater der Kinder arbeitet bei der Eisenbahn und hat Zugang zu Sprengstoff.
Krug fliegt nach Australien und ermittelt dort fünfeinhalb Wochen. Die Sache ist ziemlich delikat. Unter den Opfern, die schwerverletzt überlebt haben, ist auch die Schwiegermutter des Tatverdächtigen und Oma der zwei getöteten Kinder. „Der Körper der Frau war noch Monate nach dem Anschlag eine einzige Wunde“, erinnert sich Krug.

Der Ermittler muss die schwer gezeichnete Frau durch die Blume fragen, ob ihr Schwiegersohn für die Tat verantwortlich sein könnte. „Da haben sich wahre Dramen abgespielt“, erinnert sich Krug. Aber die Ermittlungen vor Ort führen nicht weiter. Die Bombe war 40-fach mit Alufolie umwickelt um die Sprengkraft zu erhöhen. Doch die Alufolie stammt definitiv nicht aus Australien. Am Ende stellt sich heraus: Der Sprengstoff war nicht in der Leinentasche drin.

Doch mittlerweile gibt es eine neue Spur. Ein halbes Jahr nach dem Anschlag in Frankfurt gibt es zeitgleich zwei Terroranschläge auf den Flughäfen Wien-Schwechat und Rom-Fiumicino. Im Zuge der dortigen Ermittlungen geht den Fahndern ein Mann ins Netz, der angibt, er könne Angaben zu dem Anschlag in Frankfurt machen. Er gehört zur Abu-Nidal-Organisation (ANO), einer terroristischen Abspaltung der PLO.

Eine Spur führt nach Australien

Der Mann sagt aus, er hätte ursprünglich zu dem Frankfurter Kommando gehören sollen. Der Anschlag habe eigentlich dem Abflugschalter der US-amerikanischen Fluggesellschaft TWA gegolten. Die Bombe sei in einem Aktenkoffer mit Handzündung versteckt gewesen. Auch auf den Zünder gibt er einen Hinweis. Der Zünder der Bombe sei zuvor unter einer Grabplatte auf einem Friedhof in Paris-Montparnasse versteckt gewesen. Die Ermittler finden auf dem Friedhof sogar noch einen Zünder, baugleich zu dem, der in Frankfurt verwendet wurde.

Augenzeugen hatten berichtet, kurz vor der Explosion hätte eine Gruppe arabisch aussehender Männer in der Nähe lautstark diskutiert. Offenbar hatten sie dabei den Koffer aus Versehen scharf gemacht und dann das Weite gesucht, obwohl der Koffer 200 Meter vom eigentlichen Anschlagsziel entfernt stand. Die Ermittler fordern von Dienststellen aus der ganzen Welt Fotos von Mitgliedern der ANO an und legen sie dann Augenzeugen vor. In Maintal-Dörnigheim werden die Ermittler fündig. Eine Stewardess, die an diesem Tag an einem der Schalter arbeitete, hat ein fotografisches Gedächtnis und erkennt auch noch ein Jahr nach der Tat einen der Männer wieder: Alaaeedin Fouzi. Geflohen sein sollen die Männer in einem Mercedes, weiß die Eidetikerin noch. Die Ermittler bestellen einen Hypnotiseur. Vielleicht kann sich die Flugbegleiterin noch an das Nummernschild erinnern. Doch nach fünf Minuten wird die Hypnose abgebrochen, die Frau hat das Nummernschild nie gesehen.

Mit Hilfe des Schnappschusses des Touristen versuchen die Ermittler, die Personen auf dem Foto ausfindig zu machen. Einige haben überlebt, weil sie kurz vor der Explosion die Sitzgruppe verließen. Das Foto prangt auf einem Fahndungsplakat und wird weltweit 88000 Mal verteilt. Alle Personen auf dem Foto können schließlich identifiziert werden, als letzter wird ein Mann aus Südafrika im Bildvordergrund gefunden.

Auch die Identifizierung der weiteren Tatverdächtigen gelingt. Zweieinhalb Jahre nach dem Anschlag liegt der Abschlussbericht vor. „Das war ermittlungstechnisch eine Spitzenleistung“, so Krug. Als Drahtzieher des Anschlags gilt neben Abu Nidal noch Khaled Ibrahim Mahmood. Nidal wurde 2002 unter nicht geklärten Umständen tot in seiner Wohnung aufgefunden. Mahmood wurde für den Anschlag in Rom zu einer langen Haftstrafe verurteilt.

Neben Fouzi gelten noch Ali Sinrin Ghassan und ein gewisser „Hisham“ als Attentäter von Frankfurt. Geschnappt wurden sie nie. Die Generalbundesanwaltschaft hält sich zu dem Fall auch 30 Jahre später noch bedeckt. „Zu einem laufenden Ermittlungsverfahren machen wir keine Angaben“, sagt ein Sprecher nur. Krug verrät: „Die drei Haftbefehle werden jedes Jahr erneuert“. Der Ermittler selbst ist mittlerweile im Ruhestand. Rund drei Jahrzehnte war er beim Staatsschutz. In dem selbst angefertigten Buch sind seine spannendsten Fälle dokumentiert. Von denen gab es viele, ob RAF, Startbahn West oder die Anschläge des 11. September. Aber der Anschlag auf den Frankfurter Flughafen sei ermittlungstechnisch „ein absolutes Highlight“ gewesen.

Nicht zuletzt wegen der Familie auf dem Foto, deren Schicksal Krug so bewegt hat. Der Vater war ein Ingenieur, der für Bayer zuvor in Teheran gearbeitet hatte. „Da es ihm dort für seine Familie zu unruhig wurde, hat er das Land verlassen, das muss man sich mal vorstellen“, erinnert sich Krug. Kurz vor der Explosion verlässt der dreijährige Sohn die Sitzgruppe, um irgendwo zu spielen. Als die fünfjährige Tochter folgt, verlassen auch die Eltern die Sitzgruppe. Die Familie hat überlebt, weil die Kinder ausgebüxt waren.

Doch vier Menschen haben nicht überlebt. Neben den drei unmittelbar bei der Explosion getöteten, verstarb einige Tage später noch ein Mann, der bei der Explosion einen Herzstillstand erlitten hatte. Damit hat der Anschlag vom 19. Juni 1985 mehr Menschenleben und Verletzte gefordert als der Anschlag der Rote Armee Fraktion (RAF) knapp zwei Monate später auf die Rhein-Main Air Base. In Erinnerung geblieben ist den meisten Menschen aber eher der Anschlag auf die Rhein-Main Air Base. Krug kann sich vorstellen, warum „sein“ Fall eher in Vergessenheit geriet:„Die RAF war Mitte der 80er Jahre einfach eine viel größere Nummer als irgendwelche Islamisten.“

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