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Tag der Befreiung Die NS-Gräuel niemals vergessen

„Wir waren Freiwild umringt von Feinden“: Überlebende sprechen auf dem Römerberg zum Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs.

Infostände auf dem Römerberg
An mehreren Ständen informierten Vereine über ihre Arbeit zum Thema NS-Zeit und Zweiter Weltkrieg. Foto: Christoph Boeckheler

Kaum jemand konnte am gestrigen 8. Mai, dem Tag der Befreiung, so treffend über das Thema sprechen wie Eva Szepesi. Die 85-Jährige war Gefangene im Konzentrationslager Auschwitz und wurde am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit. Nur wenig symbolisiert den Begriff des Freikommens so sehr wie ihre Geschichte. Gemeinsam mit der 90 Jahre alten Zeitzeugin Renata Harris sprach sie am gestrigen Gedenktag auf dem Römerberg.

Beide Frauen erzählten von ihren Erlebnissen mit den damaligen Kindertransporten. Harris verbrachte ihre Kindheit in Frankfurt. „Wir sind uns nie jüdisch vorgekommen“, erinnerte die 90-Jährige sich. Sie sprach von ihrer Wohnung im Westend, den Besuchen im Zoo, dem Weihnachtsbaumkauf auf dem Römerberg mit ihrer Großmutter und der Reichspogromnacht. 

„Danach war alles anders, wir waren Freiwild umringt von Feinden“, sagte Harris. Ihr Vater wurde nach Buchenwald gebracht, der Rest der Familie traute sich nicht mehr aus dem Haus. Ihr Vater kam auf Wirken der Mutter frei, floh nach England und auch Renata Harris gelangte mit dem letzten Kindertransport aus Frankfurt auf die Britischen Inseln – ihre Mutter gelang die Flucht nicht mehr. Sie wurde 1942 ermordet.

Harris sprach von schizophrenen Gefühlen gegenüber Frankfurt. Die schönen Erinnerungen ihrer Kindheit auf der einen Seite und das Leid, das ihr hier widerfuhr auf der anderen. Sie versteht bis heute nicht, wie aus normalen Menschen Mörder werden konnten. „Es ist einmal passiert, warum sollte es nicht wieder passieren. Die Menschheit ist saublöd“, mahnte sie und warb für die Bedeutung des Tags der Befreiung.

Auch Oberbürgermeister Peter Feldmann sagte, dass die Bemühungen, den 8. Mai zu einem bundesweiten Feiertag zu machen, ein richtiges Signal seien. Es dürfe nie wieder Faschismus und Ausgrenzung geben. „Die geistigen Brandstifter werden mir aktuell viel zu laut“, sagte Feldmann. Er warb dafür, dass die Bürger sich niemals einschüchtern ließen und keinen Fuß breit weichen dürften.

Zeitzeugin Eva Szepesi wuchs in Budapest auf. Sie berichtete von den Ausgrenzungen durch die anderen Kinder, die fast von einem Tag auf den anderen nicht mehr mit ihr spielen wollten. 1944 floh sie mit ihrer Tante in die Slowakei. Dort wurde sie von den Nationalsozialisten entdeckt und nach Auschwitz deportiert. Doch sie überlebte das Konzentrationslager und zog 1954 mit ihrem Mann nach Frankfurt. 

Bis 2016 hatte sie die Hoffnung, dass eines Tages ihre Mutter oder ihr Bruder wiederauftauchen würden. Erst bei einem Besuch in Auschwitz entdeckte ihre Enkelin die Namen ihrer Mutter und ihres Bruders in einer Namensliste von Ermordeten. „Erst von da an konnte ich trauern und weinen“, sagte Szepesi auf dem Podium des Römerbergs. Sowohl sie als auch Harris engagieren sich als Zeitzeugen in der Öffentlichkeit, damit die Gräuel von damals niemals vergessen werden.

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