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Tag der Architektur Frankfurt In der Paradiesgasse

Das Können von Architekten erweist sich, wenn sie auch kleine Lücken elegant füllen oder schwierige Situationen meistern. In Sachsenhausen hat genau das gut funktioniert. Die schönsten Ergebnisse sind am Wochenende beim Tag der Architektur zu besichtigen.

Mini-Baulücke in Alt-Sachsenhausen, Paradiesgasse 13. Foto: Michael Schick

Das Können von Architekten erweist sich, wenn sie auch kleine Lücken elegant füllen oder schwierige Situationen meistern. In Sachsenhausen hat genau das gut funktioniert. Die schönsten Ergebnisse sind am Wochenende beim Tag der Architektur zu besichtigen.

Das Haus ist der Gipfel. Einmal, weil es seine spitzgiebeligen Nachbarn im Altstadtviertel von Sachsenhausen um Haupteslänge überragt. Zum Zweiten, weil jeder Zentimeter der 146 Quadratmeter großen Baulücke nun zu irgendetwas nutze ist. Zum Dritten, weil die Bewohner dort jede Menge Raum haben, obwohl es eigentlich überall an Platz fehlt.

Der Gipfel ist aber eigentlich, dass das Haus überhaupt da ist. Denn das komplizierte Grundstück galt als nicht bebaubar, zum Beispiel wegen der kreuz und quer verlaufenden Fluchtwege von drei Kneipen ringsum. Wenigstens lag der Grundstückspreis darum „etwas unter dem Bodenrichtwert“, teilt Architektin und Bewohnerin Marie-Theres Deutsch mit. Dann aber musste sich die Eigentümergemeinschaft, zu der auch Frankfurts renommierter Künstler Thomas Bayrle gehört, auf der Parzelle gegen Misstrauen und Missgunst behaupten. Erfindergeist kommt halt nicht überall gut an. Die Neu-Sachsenhäuser bekamen jedenfalls mehrere unerwartete Behörden-Auflagen und mussten einige Baustopps wegstecken. Doch jetzt steht das sechsstöckige, acht Meter breite Haus mit der vielversprechenden Adresse Paradiesgasse 13 – und an das erkämpfte Fundament dieser Existenz soll man, meinen die Bewohner, nun besser nicht mehr rühren.

Sei’s drum: Die Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen jedenfalls hat das von der Architektin nach allen Regeln der Kunst ausgetüftelte Raumwunder in das Programm zum diesjährigen Tag der Architektur aufgenommen. Am Samstag, 23. Juni, wie am Sonntag, 24. Juni, jeweils von 17 bis 19 Uhr, kann jeder gucken kommen. Von außen zeigt sich der Neubau als Erstes mit einem vorstehenden, eckigen Bauch: Die oberen Geschosse wachsen, um Wohnraum zu gewinnen, wie Erker „in den Luftraum“, beschreibt Deutsch die Erscheinung. Nur am Rande wird erwähnt, dass dieses „Luftrecht“ vom Straßenbauamt der Stadt erst erworben werden musste. Mit mächtigen Stahlkörben wurde der Vorbau über der Gasse unterfangen. Von innen gesehen, tun sich hinter den beeindruckend großen Scheiben des beinahe haushohen Erkers gepolsterte Sitznischen auf, in denen Übernachtungsgäste ihr Lager aufschlagen können.

Lauter fließende Räume

Die Ausbeute der Eroberung des Luftraums: Aus dem Mini-Grundstück sind drei 75-Quadratmeter-Wohnungen und zwei 50-Quadratmeter-Wohnungen rausgesprungen. Wer durch eine der Wohnungstüren eintritt, durchblickt die 14,5 Meter lange Raumflucht auf einer Sichtachse – von der Gasse, aus der man über die enge Treppe hochgestiegen ist, bis zum Innenhof, der sich zunächst durch das Licht aus dem rückwärtigen Fenster bemerkbar macht.

„Lauter fließende Räume“ wollte die Architektin schaffen. Gern platziert sie einen gemauerten Block in die Mitte der Raumflucht, da kann sich die eine Partei einen Kamin, eine andere Schrank und Innentreppe, sie selber ihr Bett („wie in Abrahams Schoß“) einbauen. Und von dort ab und zu im Liegen die Stadtsilhouette betrachten. Ein Panorama zwischen Deutschordenskirche und Domturm, in der Ferne ein paar Hochhäuser dazwischen. Von draußen tönt Gelärme aus den Gaststuben des Sachsenhäuser Kneipenviertels nach oben. Man fühlt sich also gleichermaßen geschützt und doch mittendrin.

Weil in diesem Neubau kein Raum zu verschenken war, sind Fahrräder im Durchmessergang des Erdgeschosses hinter einer schweren Gardine verschwunden, die zugleich eine der Fluchttüren vom Nachbargrundstück versteckt. Im Hof hat die Hausgemeinschaft die Mülleimer in der Versenkung verschwinden lassen, aus der sie bei Bedarf hochgerollt werden. Auch ein Aufzug konnte in den Neubau eingepasst werden; das kleinste Modell, das auf dem Markt ist.

Klein und groß, eng und weit, hoch und tief: Damit spielt diese Architektur. Im Sachsenhäuser Altstadtgefüge herrscht eine unglaubliche Dichte, da muss man sich das Gärtchen hinter dem Haus eher als grünes Zimmer vorstellen. Was da auf dem säckeweise ausgestreuten Mutterboden wächst, spielt sich im ehemaligen Keller eines Hinterhauses ab, das es nicht mehr gibt.

Schon werfen sich Rosenranken über eine der hohen Mauern zum Nachbargrundstück, nur eine Armlänge von Sitzplatz und Brunnentrog entfernt. An einer anderen Wand, einem weiteren Rest des Hinterhauses, haben Fassadenkletterer Blumenkästen mit Clematis verankert, die dabei sind, sich zu einem weiteren Nachbarn hochzuarbeiten. All diese Pflanzen wird man kaum mehr erreichen, „die müssen sehen, wie sie klarkommen“, meint die Architektin. Sie rechnet aber damit, dass die Anwohner jenseits der Mauern über kurz oder lang die eine oder andere vertrocknete Blüte von oben abzupfen. Auf gute Nachbarschaft, sozusagen.

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