Lade Inhalte...

Stolpersteine in Frankfurt Stolperstein für Ex-Eintracht-Spieler

In Frankfurt werden 80 neue Stolpersteine verlegt. Der Erste gilt dem ehemaligen Eintracht-Spieler Max Girgulski und seiner Familie.

Die Familie Girgulski. Foto: Michael Schick

Es ist an diesem Donnerstagmittag kaum Platz vor dem Haus in der Albusstraße 24, unweit der Konstablerwache: Eine Schulklasse filmt mit ihren Smartphones, ein Musiker spielt ein trauriges Stück auf der Oboe, mehrere Lastwagen fahren vorbei. Man muss schon nahe herangehen, um hören zu können, was Susana Baron über ihren Vater Max Girgulski erzählt.

Er war am 12. November 1913 als Frankfurter Jude geboren und bis 1933 Eintracht-Spieler. Für ihn und vier seiner Familienmitglieder werden Stolpersteine verlegt. Es ist der Auftakt der Verlegung von rund 80 neuen Stolpersteinen in Frankfurt, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

Max Girgulskis Tochter Susana und Enkel Gabriel Baron sind extra aus Chile angereist. Vor 78 Jahren muss Max Girgulski seine Eltern, sein Zuhause verlassen. Er flüchtet nach Buenos Aires und bleibt dort bis zu seinem Tod 1983. Er kehrt nie wieder in diese Straße, nach Frankfurt, nach Deutschland zurück. Wahrscheinlich waren die Erinnerungen und Enttäuschungen zu schmerzhaft.

Er habe nie erklärt, warum er nicht zurückkam, erzählt seine Tochter später. In ihrer Rede sagt sie: „In dieser Straße sehe ich meinen Vater, wie er hinter einem Ball läuft, mit kaputten Schuhen und Hosen, die seine Mutter heimlich versucht zu flicken, damit der Junge von seinem Vater nicht bestraft wird.“ Susana Baron ist sichtlich bewegt und wischt sich Tränen weg. „Ich hätte mir niemals so einen rührenden und bedeutsamen Moment wie diesen erträumt in meinem Leben.“ Auch Stefan Minden vom Eintracht-Präsidium und Alon Meyer, Präsident von TUS Makkabi sind gekommen. Wie lange Girgulski bei der Eintracht spielte, ist nicht bekannt, aber kurz nach der Machtübernahme muss er seinen Verein verlassen. „Das hat ihn sehr enttäuscht und gekränkt“, erzählt seine Tochter. Fußball spielte er aber weiterhin.

1934 schloss er sich dem jüdischen Verein Bar Kochba an. 1936 wird er mit seinem neuen Verein Frankfurtmeister der Makkabi-Reichsmeisterschaften. 1938 ist er der beste Spieler der Frankfurter Mannschaft im Endspiel um die Deutsche Makkabi-Meisterschaft. 1937 verliert der Elektrotechniker, weil er Jude ist, seinen Arbeitsplatz. Er weiß, um eine Zukunft zu haben, muss er weg. 1938 reist er mit dem Schiff nach Buenos Aires.

Seine Tochter sagt: „In dieser Straße sehe ich einen jungen Mann von 25 Jahren, der sich mit Tränen und Umarmungen von seinen Eltern verabschiedet und dabei Träume und Hoffnungen zurücklässt. Zweifel und Ungewissheit überfallen ihn. Wird er jemals wieder nach Hause, zu dieser Straße, auf der wir uns heute befinden, zurückkommen? Wird er seine Eltern, Geschwister und Freunde wiedersehen?“ Seine Schwester Berta Eichberg, deren Name auf einem der fünf Stolpersteine steht, war schon 1937 nach Argentinien ausgewandert. Argentinische Zeitungen berichten über die Ankunft von Max Girgulski, dem ehemaligen Eintracht-Spieler. Er macht zunächst Aushilfsjobs, dann arbeitet er als Elektrotechniker.

In Argentinien lernt er die Berliner Jüdin Carmen Echtermeier kennen, das Paar heiratet 1940. Über die Lebensgeschichte ihrer Mutter hat Susana Baron in Argentinien ein Buch herausgebracht. Das Paar bekommt zwei Kinder und spricht mit ihnen Deutsch: Susana (1944) und Ronaldo (1949). „Mein Bruder lebt leider nicht mehr“, sagt Susana Baron, die mit 18 Jahren ihren Mann in Chile kennenlernt und seitdem dort lebt. Vier Enkel hat sie. Aufgeschrieben hat die Geschichte ihres Vaters Till Lieberez-Gross vom Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt“ und Matthias Thoma vom Eintracht-Museum.

Girgulski spielte anfangs Fußball in Argentinien. „Er war bei dem bekannten argentinischen Verein River Plate“, so Susana Baron. Den Sprung in die erste Mannschaft schaffte er nicht. „Teamkameraden wussten nicht, dass er Jude war und beschimpften ihn als „du deutscher Nazi, geh nach Hause“, erzählt seine Tochter. „Er hatte dann keine Lust mehr auf Fußball und spielte fortan nur mit uns Kindern.“ Seinen Vater Salomon sieht er nie wieder. Der Frankfurter war in Litauen geboren und wurde 1938 als polnischer Jude nach Polen ausgewiesen und ermordet. Max Girgulskis Mutter Maria wird auch deportiert, kehrt aber nach Frankfurt zurück und muss als Zwangsarbeiterin arbeiten. 1950 zieht sie zu ihrem Sohn nach Argentinien. Auch Max Girgulskis Bruder Josef Hagel und seine Frau Lilo folgen.

„Mein Vater schwärmte weiter vom Riederwald und der Eintracht“, sagt Susana Baron. Sie und ihr Sohn bekommen einen ganz besonderen Fußballschal geschenkt: Zur einen Hälfte ist er Eintracht, zur anderen TUS Makkabi. Und der Name von Max Girgulski ist darauf geschrieben. „Die Stolpersteine bedeuten mir sehr viel. Die Nazis haben versucht, meine Familie auszulöschen. Das haben sie nicht erreicht“, sagt Gabriel Baron. Er will wieder in die Albusstraße kommen: „Dann mit meinen Kindern“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum