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Städel Museum Ein Eremit lockt in seine Welt

Mit Hilfe von Sponsoren und Mäzenen erwirbt das Städel Museum für mehr als eine Million Euro ein Hauptwerk des Surrealisten Richard Oelze.

Archaisches Fragment
Sammlungsleiter Alexander Eiling neben dem Gemälde „Archaisches Fragment“ von Richard Oelze. Foto: Michael Schick

Wer sich auf diese Welt einlässt, verliert rasch den festen Boden unter den Füßen. Vor dem Panorama einer vermeintlich idyllischen Seenlandschaft schwebt da ein beunruhigendes Gebilde. Zum Teil Pflanze, zum Teil Tier. Doch blicken da nicht auch kleine menschliche Gesichter den Betrachter an, verfolgen ihn nicht Augenpaare?

„Archaisches Fragment“ hat Richard Oelze dieses Gemälde genannt, das er im Jahre 1935 in Paris fertigstellte. Es ist eines von ganz wenigen Großformaten eines Künstlers, dessen Leben und Arbeit sich auch heute noch der öffentlichen Aufmerksamkeit entzieht. Er lebte und arbeitete geradezu wie ein Eremit, in Abgeschiedenheit. „Er hat ganz für seine Kunst gelebt“, sagt Alexander Eiling, der im Städel-Museum in Frankfurt die Sammlung Kunst der Moderne leitet.

Nicht wenig stolz steht Eiling in dem kleinen Kabinett, das vom „Archaischen Fragment“ beherrscht wird. Denn dem Städel ist es gelungen, dieses Hauptwerk des deutschen Surrealismus zu erwerben. Man darf getrost von einem Coup sprechen. Denn lange Zeit galt das Gemälde als verschollen. Niemand wusste mehr, wo es sich befand – bis es in Frankreich plötzlich von privaten Besitzern zum Kauf angeboten wurde. Mehr als eine Million Euro wurden bezahlt, damit das Bild in den Besitz des Frankfurter Kunstmuseums wechselte.

Der Sammlungsleiter spricht von einem „Joint Venture“, das diesen Ankauf ermöglichte. Kein Museum ist heute mehr in der Lage, ohne die Hilfe von Mäzenen, Sponsoren, Stiftungen solche Ankäufe zu tätigen. So war es auch in diesem Fall: Der Städelsche Museumsverein, die Kulturstiftung der Länder sowie die Kurt- und-Marga-Möllgaard-Stiftung wirkten zusammen, um die Erwerbung umzusetzen.

Eines von drei Hauptwerken

Das „Archaische Fragment“ ist eine von drei Hauptwerken aus Oelzes wichtigster Schaffensphase in Paris – die beiden anderen Werke, „Erwartung“ (1935/36) und „Tägliche Drangsale“ (1934) befinden sich im Museum of Modern Art in New York und in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf.

„Erwartung“ wird tatsächlich sehr bekannt: Eine Gruppe Menschen starrt mit dem Rücken zum Betrachter in eine leere Landschaft. „Richard Oelze hat in seinem Leben nur extrem wenige Großformate gemalt, umso mehr freuen wir uns“, sagt Städel-Direktor Philipp Demandt.

Das „Archaische Fragment“ wird 1936 bei der „International Surrealist Exhibition“ in den New Burlington Galleries in London gezeigt. Die Leinwand des Bildes ist 98 mal 130 Zentimeter groß. Das Gemälde ist konserviert und restauriert worden, bevor es jetzt in der Kabinett-Ausstellung präsentiert wird.

Gemeinsam mit anderen Oelze-Werken, die sich bereits im Besitz des Städels befanden. Zum Beispiel das 1979 erworbene kleinformatige Gemälde „Gefährlicher Wunsch“. Und konfrontiert werden sie mit je einem Werk von zwei Künstlern, die Oelzes Lehrer waren: Otto Dix und Richard Müller.

In Sammlungsleiter Alexander Eiling weckt die Erwerbung den Wunsch, „das Element des Surrealismus in der Sammlung zu stärken“, wie er sagt. Rund 1500 Gemälde und mehrere Hundert Skulpturen umfasst die Sammlung Kunst der Moderne im Städel-Museum. Werke des Surrealismus spielen dabei bisher keine große Rolle.

Mitte der 30er Jahre lebte und arbeitete Oelze in Paris –zu einer Zeit, in der viele surrealistische Künstler, darunter Max Ernst oder André Breton, sich dort aufhielten. Doch der Deutsche blieb in ihrer Mitte immer ein Außenseiter.

Zum Kriegsdienst einberufen

So sehr, dass er sogar einige Zeit später freiwillig ins nationalsozialistische Deutschland zurückkehrte. „Das verblüfft auf den ersten Blick, doch er zog sich wirklich ganz aus der Welt zurück“, sagt Alexander Eiling.

Der Maler konnte freilich nicht verhindern, dass er zum Kriegsdienst einberufen wurde – aber er überlebte. In der Nachkriegszeit kam dann tatsächlich ein begrenzter Ruhm. Seine erste Einzelausstellung erlebte er im Jahr 1950 in Köln, dann war er vertreten auf der Documenta II 1959, dann wurde er 1969 auf der Biennale in Venedig prominent präsentiert.

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