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Westend Lernen mit Zeitzeugen

Nachfahren von Vertriebenen aus der Zeit des Nationalsozialismus sprechen an der Bettinaschule. Sie erforschen dabei auch ihre Familiengeschichte.

Bettinaschule | Jüdinnen und Juden | Frankfurt | 15.02.2017
Jackie Gish berichtet über ihre Eltern, die vor den Nazis fliehen mussten. Foto: peter-juelich.com (peter-juelich.com)

E s gibt nicht mehr viele Menschen, die als Zeitzeugen über die Zeit des Nationalsozialismus berichten können. Die oft emotionalen Schulstunden, in denen Überlebende beschreiben, wie sich das einst angefühlt hat, die Verfolgung durch die Nazis, wird es sehr bald nicht mehr geben. „Ein Problem“, findet Rachel Hoffmann, Lehrerin für Französisch und Politik an der Bettinaschule.

Nachfahren ehemals verfolgter Frankfurterinnen und Frankfurter haben am gestrigen Montag mit den Neuntklässlern der Schule gesprochen. Sie berichteten auf Englisch aus dem Leben ihrer verstorbenen Verwandten; Teil des Programms war auch ein Besuch der Schulhof-Gedenkstätte für die Schülerinnen, die zu Beginn der NS-Diktatur die Schule verlassen mussten.

Die Gäste waren Teil einer rund 50-köpfigen Besuchergruppe von Nachfahren einstiger Bewohnerinnen und Bewohner Frankfurts. Seit 1980 lädt die Stadt jährlich ehemalige Bürgerinnen und Bürger ein, die während der NS-Zeit verfolgt und vertrieben wurden. Seit 2012 können auch deren Kinder am Besuchsprogramm teilnehmen. Hier begibt sich die Gruppe dann mit Hilfe des Vereins „Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt“ auf Spurensuche, um mehr über die Familiengeschichte zu erfahren.

Jackie Gish aus Kalifornien berichtete am Montag in der Bettinaschule über ihre Eltern. Ihr Vater Bernhard Oberlaender ging im Jahr 1934 im Alter von 22 Jahren in die USA. Ihre Mutter Gaby Metz verließ Frankfurt schon ein Jahr zuvor Richtung Paris, sie war Schülerin der Viktoriaschule gewesen. Die Viktoriaschule wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute steht an dem Ort die Bettinaschule.

Viele Verwandte überlebten nicht

Viele Verwandte von Gish überlebten den Terror der Nationalsozialisten nicht. Ihre Eltern sahen sich nach der Flucht in den USA wieder. Gish wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Die Familiengeschichte vor ihrer Geburt ist vor allem eine Geschichte von Flucht und Vertreibung. Sie hat deshalb heute Verwandte in aller Welt.

Deutsch habe ihre Mutter zu Hause nie gesprochen, berichtete Gish. Auf Nachfrage eines Schülers erläuterte sie, dass andere Verfolgte der NS-Zeit in den USA auch deutsche Produkte boykottiert hätten. Ihre Mutter habe einen „enormen Hass“ auf die Deutschen gehabt, sagte Gish. Die Ermordungen von Familienangehörigen durch das NS-Regime habe sie auch als Grund für die Farbe ihrer Garderobe angegeben. Gish berichtete, ihre Mutter habe vor allem dunkle oder schwarze Kleidung getragen.

„Über Einzelschicksale bekommt man einen Zugang zu Themen“, sagte Hoffmann. Deshalb seien Zeitzeugengespräche oder auch Gespräche mit Nachfahren wichtig, auch für den Politikunterricht. „Wer hört, welche Demütigungen Menschen erdulden mussten, kann auch die aktuelle Politik besser verstehen“, betonte die Lehrerin.

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