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Rödelheim Erinnerung an Arthur Stern

Am Rödelheimer Bahnhof soll an die einst fest im Stadtteil verankerte jüdische Familie gedacht werden.

Arthur Stern
An die Familie von Arthur Stern soll ein Mahnmal erinnern. Foto: privat

Sein halbes Leben lang beschäftigt sich Heiko Lüßmann schon mit dem Leben eines anderen: mit dem von Arthur Stern, dem Namensgeber des neuen Platzes auf der Westseite des Rödelheimer Bahnhofs, und seinen Nachfahren. Alles begann mit einem Geschichtsprojekt Mitte der 1980er Jahre, als Heiko Lüßmann als 31-jähriger Sozialarbeiter mit Schülern über das Konzentrationslager Majdanek und die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs in Rödelheim recherchierte. Am Ende veröffentlichten sie das Buch „12 Jahre Rödelheim. 1933-1945“. Im Zuge seiner Recherche erfuhr Heiko Lüßmann vom Schicksal der Familie Stern, das ihn so berührte, dass er mit den in den USA lebenden Nachkommen Kontakt aufnahm. Insbesondere mit der Tochter Arthur Sterns, Edith Froehlich, entwickelte sich aus einem regen Briefkontakt eine Freundschaft bis zu ihrem Tod, 91-jährig im November 2014.

Über Edith erfuhr Heiko Lüßmann viel über ihren Vater, ihre Mutter und die übrigen Angehörigen. Und vor allem über Arthur Sterns innige Verbundenheit zu Rödelheim. Das war seine Heimat und nicht Buffalo im US-amerikanischen Exil, wo sich ihr Vater nie wirklich zu Hause fühlte, wie Tochter Edith Jahrzehnte später Heiko Lüßmann erzählte. Doch der Reihe nach. Die Adresse Alt-Rödelheim 12 ist in den 1920er Jahren sehr bekannt in Rödelheim. Dort betreibt der 1899 geborene Arthur Stern zusammen mit seiner Frau Sybilla, genannt Elli und eine geborene Capell, ein Textilwarengeschäft. Im selben Haus, an der Ecke zur Assenheimer Straße, hat sein Schwager Isidor Strauß einen Laden für Zigarren und Tabakwaren. Isidor Strauß ist der Mann von Ellis Schwester Selma. Die Familien Stern und Capell sind alteingesessen in Rödelheim. Die Capells haben eine Metzgerei. Der Vater von Arthur Stern, Joseph Stern, war bereits in Rödelheim geboren.

Edith Stern kommt 1923 zur Welt, ihre Cousine Renate, die Tochter von Selma und Isidor, 1926. Beide wachsen im Haus Alt-Rödelheim 12 zusammen auf. Arthur Stern ist in seinem Stadtteil sehr anerkannt. Als junger Mann zieht er als Sanitäter in den Ersten Weltkrieg, wird für besondere Tapferkeit ausgezeichnet. Vor allem ist er ein begeisterter Sportler, ist im 1902 gegründeten 1. FC Rödelheim stark engagiert, viele Jahre Vorsitzender und organisiert 1927 die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen. Tochter Edith besucht den Kindergarten der evangelischen Cyriakus-Gemeinde, später die Radiloschule und dann das Philanthropin. Edith Stern wächst in einem behüteten Elternhaus auf. Heinz, ein gleichaltriger Spielgefährte, dessen Mutter alleinerziehend ist, ist oft bei ihnen zu Gast. Der Vater ist fest verankert im gesellschaftlichen Leben Rödelheims, die Mutter emanzipiert, arbeitet als Sekretärin in der Redaktion einer Zeitung und später im elterlichen Geschäft.

Die Familie geht es gut, man ist stolz auf das eigene Auto. Doch nachdem die Nationalsozialisten an der Macht sind, verändert sich das Leben. In Rödelheim ist eine besonders aggressive Ortsgruppe der NSDAP aktiv. Schon 1932 wird Arthur Stern aus dem Vorstand des FC gedrängt. Am 1. April 1933 werden erstmals jüdische Geschäfte in Rödelheim boykottiert. Im Dezember 1934 erscheint in Frankfurt ein Adressbuch, in dem ausschließlich jüdische Namen und Geschäfte aufgeführt sind, darunter auch 31 Adressen von Rödelheimer Geschäftsleuten, unter anderem von Arthur Stern.

In der Reichspogromnacht 1938 werden auch die Schaufenster des Sternschen Geschäfts eingeworfen. Der Mob wütet in Rödelheim. Für Edith Stern zerbricht das Leben als Rödelheimerin. Als Edith 2010 noch mal Frankfurt besucht hat, konnte sie mit Heiko Lüßmann auch in ihr Elternhaus gehen. Es war ein emotionaler, bewegender Moment, erinnert sich Lüßmann: „Wir betraten das Treppenhaus. Und Edith erkannte alles wieder. ‚Die Treppe ist ja noch so, wie ich sie in Erinnerung habe‘, sagte sie. Wir gingen hoch bis ins Dachgeschoss. Dann sagte sie ‚Hier, hinter dieser Tür habe ich meinen Vater vor der Gestapo versteckt‘.“

Arthur Stern wurde dennoch verhaftet und ins KZ Buchenwald verschleppt. Elli Stern nimmt all ihren Mut zusammen, geht mit der Weltkriegsauszeichnung ihres Manns zur Gestapo und fordert seine Freilassung. Nach einigen Wochen kommt Stern wieder frei, wird aber nie über seine Erlebnisse in Buchenwald erzählen.

Aber für die Familie ist klar: Sie muss sich in Sicherheit bringen. Sie erhalten ein Ausreisevisum für Edith. Mit einem der letzten Kinderhilfstransporte kommt die 16-Jährige 1939 nach Schweden. Dort erfährt sie, dass ihren Eltern mit Arthurs Schwiegermutter 1940 die Ausreise in die USA gelingt. Edith Stern entscheidet sich, ihnen zu folgen.

Eine aufregende Reise steht ihr bevor. Sie hat zwei ihr anvertraute Kinder dabei, die sie zu ihren Eltern bringen soll, die ebenfalls in die USA emigriert sind. Zunächst geht es mit dem Flugzeug nach Moskau, dann mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok, weiter mit dem Schiff zunächst nach Japan, dann nach Seattle. Von dort nimmt sie den Zug über Chicago nach Buffalo, wo sie im Januar 1941 ihre Eltern wieder trifft.

Selma, Isidor und Renate Strauß schaffen es nicht zu entkommen. Sie werden 1942 ermordet. An sie erinnern heute drei Stolpersteine vor dem Haus in der Assenheimer Straße 1.

In Buffalo muss die Familie Stern sich ein komplett neues Leben aufbauen. Die Mutter arbeitet als Putzhilfe, der Vater körperlich schwer bei einem Hersteller von Kränen. Arthur Stern wird in Buffalo nicht heimisch. Der frühere Nachbarsjunge Heinz abonniert ihm die Sportzeitschrift „Kicker“, damit Stern über die Ergebnisse des FC Rödelheim informiert ist. Am 4. Dezember 1963 stirbt Arthur Stern in Buffalo.

Seine Tochter Edith findet dort allerdings eine neue Heimat. Sie heiratet Walter Froehlich, bekommt drei Kinder, hat fünf Enkel. Mehrmals besucht sie Rödelheim. „Sie begegnete dabei den Menschen immer mit großer Offenheit und Neugier. Ihr war der Dialog wichtig. Sie war herzlich und empathisch. Sie suchte den Austausch mit Schülern der Michael-Ende-Schule, um von ihren Erlebnissen zu erzählen“, berichtet Heiko Lüßmann, der sie und ihre Familie zweimal in den USA besuchte: „Und vor allem hat es ihr gefallen, dass mit dem Verein Zusammen ein lebendiger und hoffnungsfroher Ort in ihr Elternhaus eingezogen ist, in dem sich Menschen treffen, die sich dafür einsetzen, dass sich Antisemitismus, Rassismus, Verfolgung und Vertreibung von Menschen aus Deutschland heute und in Zukunft nicht mehr wiederholen dürfen.“

An der feierlichen Eröffnung des neuen Arthur-Stern-Platzes Anfang 2018 wollen auch Angehörige von Arthur Stern teilnehmen. Die Stadt plant, sie dazu einzuladen.

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