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Rödelheim Der Vertriebenen gedenken

Zur Eröffnung des Arthur-Stern-Platzes sind auch die Enkel des jüdischen Kaufmanns angereist.

Rödelheim
Carol und William Froehlich in der Cyriakusgemeinde. Foto: christoph boeckheler

William Froehlich steht mit geröteten Augen und leichtem Zittern in der Stimme vor seinen Zuhörern in der evangelischen Cyriakusgemeinde. Dass der Arthur-Stern-Platz, der am Mittwoch offiziell am Rödelheimer Bahnhof eröffnet wurde, künftig den Namen seines Großvaters trägt, bewegt ihn sehr. Froehlich erzählt, dass der 1890 geborene jüdische Kaufmann Stern sehr herzlich über Rödelheim gesprochen habe. Der Großvater erinnerte sich gern an seine Zeit im 1. Rödelheimer FC 02, in dem er sich engagierte.

Nach der Machtübernahme durch die NSDAP musste die Familie in die USA fliehen. Dort baute sie sich ein neues Leben auf, Arthur Stern fühlte sich in Buffalo allerdings nie heimisch. Im Dezember 1963 verstarb er.

„Meine Großeltern wären sehr stolz auf diesen Platz. Ich bin sicher, sie schauen uns vom Himmel aus zu“, sagte Froehlich, der am Mittwoch aus Washington angereist war. Auch im Namen seiner anwesenden Schwester Carol, die aus Buffalo gekommen war, bedankte er sich am Mittwochabend bei den Menschen, die sich für die Namensgebung eingesetzt hatten.

Die Benennung des Platzes setze ein wichtiges Zeichen gegen Antisemitismus, sagt Ortsvorsteherin Michaela Will. Laut Nicole Lauterwald, stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstands der Cyriakusgemeinde, sollte die Namensgebung auch heute ein Aufruf sein, Widerstand gegen Rassismus zu leisten, wo dieser gefordert ist. Veljko Vuksanovic, Vorsitzender des FC Rödelheim, sagte: „Mit dem Arthur-Stern-Platz werden alle aus Rödelheim Vertriebenen nie in Vergessenheit geraten.“

Im Haus der Adresse Alt-Rödelheim 12 betrieb Arthur Stern mit seiner Frau Sybilla, genannt Elli, in den zwanziger Jahren ein Textilwarengeschäft. Als Sanitäter zog der Familienvater in den Ersten Weltkrieg, wurde für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Seine einzige Tochter Edith, die Mutter von William und Carol Froehlich, kam 1923 zur Welt. Die Familie hat einen festen Platz in der Gesellschaft, bis die Nationalsozialisten dies änderten. 1932 wird Stern aus dem Vorstand des FC gedrängt. Durch ein Adressbuch, das alle jüdischen Geschäftsleute in Rödelheim aufführt, bleiben viele Käufer des Textilgeschäfts aus, in der Reichspogromnacht 1938 werden die Schaufenster eingeschlagen. Mit den Scherben zerbrach für Tochter Edith auch das Leben in Rödelheim. Arthur Stern wird ins KZ Buchenwald verschleppt, doch mit seiner Tapferkeitsauszeichnung erwirkt seine Frau die Freilassung. Die Familie flieht in die USA. Über die Erlebnisse im KZ habe der Großvater nie gesprochen, erzählte Carol Froehlich. Auch Mutter Edith habe zunächst nie etwas erwähnt. „Erst nachdem wir sie gefragt haben, berichtete sie von den Geschehnissen.“

In der „German Community“, einer Gemeinschaft von Deutschen in Buffalo, traf Edith Menschen, die ihr Schicksal teilten. Zudem lernte sie Walter Froehlich kennen, heiratet ihn, gemeinsam bekamen sie drei Kinder.

Ihre Mutter sei eine einzigartige Person gewesen, erzählt Carol Froehlich wehmütig. Trotz allem, was passiert war, habe sie immer das Positive aus den schrecklichen Erlebnissen gezogen. Zum Abschluss zieht Carol Froehlich einen Zettel aus ihrer Tasche und liest einen Satz vor, den ihre Mutter einmal gesagt hatte: „Die Menschen dürfen niemals vergessen, was geschieht, wenn ihnen der Frieden genommen wird.“

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