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Migranten in Frankfurt Geschichten über das Ankommen

Junge Migranten in Frankfurt erzählen in Fotos und kurzen Texten über ihre ersten Monate in Deutschland. Es sind intime Einblicke, die eine Ausstellung und ein Fotobuch geben.

Marija vermisst ihre Heimat und Familie in Kroatien.

Gummibärchen verbindet Alan mit Deutschland. Zuhause in Syrien hatte der 15-Jährige davon zwar schon einmal gehört, aber probiert hat er sie zum ersten Mal vor sechs Monaten, als er in Frankfurt ankam. Neulich bekam er eine kleine Tüte geschenkt und daraus entstand ein beeindruckendes Werk. „Erst habe ich ein paar Gummibärchen auf eine Wiese gestellt und vor den Hochhäusern fotografiert“, sagt er. Nach und nach aber wurde eine Geschichte daraus.

Für das Projekt „#Ichbinjetzthier“ vom Galluszentrum haben sich 16 Schüler einer Intensivklasse der Paul-Hindemith-Schule fotografisch mit ihrer Ankunft in Deutschland beschäftigt. Sie alle sind zwischen drei und zwölf Monaten in Deutschland, sprechen noch wenig Deutsch, aber sie alle haben es geschafft, ihre Gefühle über Bilder auszudrücken. Eingearbeitet haben sie Sprüche.

Alans Geschichte ist anders. Er hat nicht nur zwei, drei Fotos gemacht, aus einer Idee folgte die nächste und so wurde aus einer Sammlung von Bildern mit Gummibärchen plötzlich eine Geschichte. Die Gummibärchen leben in einem Dorf, eine ganze Schar, als eine Schlange kommt und einige auffrisst. Die übrigen flüchten. Nur die Hälfte überlebt die beschwerliche Reise, schließlich kommen sechs Gummibärchen in ihrem neuen Land an. Dort sehen sie in den Nachrichten Bilder von ihrer Heimat und werden traurig.

Autobiografisch sei die Geschichte nicht, sagt Alan. Aber die Betreuer sind sich sicher, dass er Elemente verarbeitet hat, denen er in seinem Leben begegnet ist. „Die Arbeit war bereichernd“, sagt Künstler Dominik Landwehr, der ein Team betreute. Die Jugendlichen seien als Problemklasse angekündigt worden, mit Sprach- und Konzentrationsschwierigkeiten, wild und lustlos, das habe sich nicht bewahrheitet. „Alle waren voll motiviert, auch wenn wir draußen im Schnee unterwegs waren und alle gefroren haben“, sagt Landwehr.

Das Fotoprojekt ist vor den Osterferien gelaufen. In drei Teams unter der Leitung von Landwehr, Jana Schlegel und dem Duo Leo Liese und Jannis Plastargias überlegten sich die Jugendlichen Schwerpunktthemen: Sehnsucht, Street Art und Freundschaft sind die Überthemen.

Sehnsucht in Wort und Bild

Dann wurde sich an die Umsetzung gemacht, die Jugendlichen fotografierten und texteten mit Hilfe ihrer Mentoren. Einige Motive sind nun in einem Fotobuch zu sehen (für vier Euro im Galluszentrum zu kaufen), andere hängen als Ausstellungsexponate im Galluszentrum. Am Donnerstagabend wurde das Projekt mit einer Präsentation Vertretern der Paul-Hindemith-Schule, Eltern und Interessierten vorgestellt.

Marija sagt, es sei nicht so einfach gewesen, die eigenen Gefühle so offen zu legen. „Wir sind Teenager, wir hadern mit vielen Dingen“, sagt die Fünfzehnjährige. Ihr zentrales Thema war die Sehnsucht. Bis vor wenigen Monaten lebte sie in Kroatien, mit ihrer großen Schwester und ihrem Vater. Als der Vater starb, zog sie zur Mutter nach Deutschland. „Schreiben öffnet die Seele“, sagt Marija in nahezu perfektem Englisch. „Obwohl wir hier in Deutschland frei sind, sind wir es nicht wirklich“, sagt sie, „denn es ist nicht unsere Heimat.“

Für das Galluszentrum, das sich als Medienzentrum versteht, ist es ein besonderes Projekt. „Die Jugendlichen lassen uns an Wünschen, Sehnsüchten, Träumen teilhaben. Sie lassen uns durch die Bilder und Texte an der Jugendkultur teilhaben“, sagt Leiterin Sabine Hoffmann. Janis Plastargias vom Jugendmigrationsdienst im Quartier ist angetan von seinen jungen Kollegen. „Sie sind höflich, gut erzogen, süß – sie brauchten Freiräume und die haben wir ihnen gegeben.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

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