Lade Inhalte...

Griesheim Regenschirme als Kleider

Ein Festival zur Abfallvermeidung im Second-Hand-Kaufhaus Neufundland beeindruckt mit kreativen Ideen.

Secondhand
Festival für Upcyclingfashion und Trends im Neufundland Secondhand-Warenhaus, bei dem Teilnehmerinnen der Schule für Mode, Grafik und Design Arbeiten vorstellen. Foto: Renate Hoyer

Der Staubsauger in Tannengrün ist ein Klassiker vergangener Tage: Im langen Stiel mit Griff ist der Staubbeutel integriert. Die klobige Saugdüse dient als Standhilfe für das Reinigungsgerät. „Das ist der Vorwerk Kobold 120“, berichtet Uwe Petter stolz. Bei der „Kreative-Welt-Auktion“ am Samstag im Second-Hand-Kaufhaus „Neufundland“ haben der 60-Jährige und seine Frau den gebrauchten Staubsauger ersteigert. „Das selbe Modell haben wir daheim“, sagt Petter und weiter: „Der alte kommt jetzt weg.“

Im besonderen Ambiente auf rund 800 Quadratmetern zwischen bunt zusammengewürfelten, ausgedienten Sofas, Stehlampen, Wandschränken, Taschen und Bekleidung, bittet der Auktionator um Gebote für recyclete Kaffeemaschinen, Toaster oder Infrarot-Lampen – meist im einstelligen Euro-Bereich und teils in Originalverpackungen.

Eine Kundin, die sich einen Haartrockner für zwei Euro ersteigert hat, sagt: „Ich finde es wichtig, dass man nicht alles wegschmeißt und neu kauft, sondern Altes weitergegeben wird.“ Uwe Petter ist sich sicher, dass der gebrauchte Staubsauger noch einmal zehn Jahre halten werde. Ein Grund, warum das Paar aus Kelsterbach regelmäßig in das Warenhaus im schmucklosen Griesheimer Industriegebiet zum Stöbern kommt: „Wir kaufen alte Geräte, vorwiegend der 80er und 90er, weil das noch Wertarbeit ist“, sagt Dagmar Petter. Einen CD-Player für 18 Euro, einen Computer-Bildschirm, eine Lederjacke und ein Gemälde hätten sie schon im Neufundland erstanden.

Die Auktion ist Teil des „Anziehend-Festivals für Upcyclingfashion und -trends“, das im Rahmen der „Europäischen Woche der Abfallvermeidung“ im Neufundland stattfindet. Bei einer Modenschau wird Kleidung aus „Sekundär-Textilien“ präsentiert. Daneben gibt es eine kritische Dokumentation zur Modeproduktion zu sehen. Einzelhändler bieten an ihren Ständen wiederverwertete Produkte an, etwa Kleidung aus alten Regenschirmen.

„Wir sind ein Unternehmen, das das ganze Jahr nichts anderes macht, als Abfälle zu vermeiden“, berichtet Stefanie Jung-Zwerger von der gemeinnützigen „Gesellschaft für Wiederverwendung und Recycling“, kurz GWR, die das Neufundland neben einem Recyclingzentrum in der Lärchenstraße seit einem Vierteljahrhundert betreibt. Anfangs als Kaufhaus für Leute mit kleinerem Geldbeutel eingerichtet und von der Stadt unterstützt, stehe das Neufundland heute in Konkurrenz mit herkömmlichen Möbelhäusern und Geschäften.

Im Gegensatz dazu erhält das Gebrauchtwaren-Kaufhaus seine Artikel jedoch gespendet. Mitarbeiter prüfen Elektrogeräte auf ihre Tauglichkeit und möbeln defekte Gegenstände wieder auf. Langzeitarbeitssuchende können bei dem Bildungsträger Ausbildungen, etwa als Elektroniker, Einzelhandelskaufleute oder Lagerlogistiker, absolvieren.

„Mittlerweile kaufen hier auch Schnäppchenjäger, Studenten und alle, die individuell und nicht von der Stange leben möchten“, sagt Jung-Zwerger. Mit dem Festival solle das „Gespür für Nachhaltigkeit und Abfallvermeidung“ gefördert werden. Und ein solch ernstes Thema dürfe auch Spaß machen, daher die besonderen Aktionen.

Kundin Dagmar Petter sagt: „Ein normales Möbel-Geschäft ist mir zu langweilig.“ Ihr Mann ergänzt: „Das neue Zeug geht ja eh kaputt, kaum hat man es zu Hause ausgepackt.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen