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Glockenspielhaus in Frankfurt Verzückt vom Klang

Seit 36 Jahren spielt das Glockenspielhaus am Dalbergplatz in Frankfurt. Nun regt sich Protest.

Glockenspielhaus
Der Mehrheit gefällt das Glockenspiel über dem Juwelier. Foto: Peter Juelich

So unterschiedlich sind die Geschmäcker. Das Internetlexikon Wikipedia führt das Glockenspielhaus am Dalbergplatz als „Sehenswürdigkeit“. Viermal am Tag läuten die Glöckchen, um 11, 12, 15 und 17 Uhr. Zwei Stücke erklingen, mit kurzer Pause dazwischen, deutsche Melodien, wie „Übe Treu und Redlichkeit“, zur Adventszeit auch mal Weihnachtslieder. Das Konzert dauert etwa zwei Minuten.

Kürzlich ist aber ein Anwohner beim Ortsbeirat 6 vorstellig geworden, den die Glocken stören. Ginge es nicht etwas kürzer und weniger oft?, fragt der Mann. Und dann zeigt sich, dass die Geschmäcker doch nicht so verschieden sind. Ortsbeirat wie Auditorium erheben geschlossen Protest. Die Reaktionen reichen von heiter belustigt („sagen Sie das mal den Leuten, die am Münchner Rathaus wohnen“) bis ernsthaft aufgebracht.
Ortsvorsteherin Susanne Serke (CDU) bringt die Gemütslage auf den Punkt: „Ich bin mit diesem Glockenspiel aufgewachsen.“ Sie könne den genervten Anwohner zwar „ein bisschen verstehen“, aber ganz sicher werde sich niemand sonst finden, der das Läuten verstummen lassen möchte. „Das Glockenspiel gehört zu Höchst dazu.“ 

Und das seit 36 Jahren. Familie Bauer hat es am Gebäude an der Hostatostraße 3 angebracht. „1982 war das“, erinnert sich Heinz Bauer. Entsprechend heißt der Bau inzwischen auch Glockenspielhaus. Darin finden sich die verschiedenen Familienunternehmen: Juwelier, Uhrmacher, Goldschmied, ein Auktionshaus für Schmuck und Uhren. Heinz Bauer, fast 80 Jahre alt, ist „ein alter Knopf und so etwas wie der Hausgeist“ im Unternehmen, wie er sagt. Er hat sich sogar ein Museum für Uhren, Schmuck und Kunst im Unterschloss eingerichtet. Ein Verein betreibt es, geöffnet ist donnerstags von 11 bis 17 Uhr und nach Absprache. 

Die Glockenspiel-Idee hat die Familie von einem Besuch in Mühlheim mitgebracht, erzählt der Hausgeist. Wieder an den Dalbergplatz zurückgekehrt, ist sein Blick über die Hausfassade gewandert und an einer Aussparung hängen geblieben. Da würde ein Glockenspiel gut hinpassen, hat er sich gedacht. Die Idee sei von Anfang an gut angekommen, sagt Bauer. „Publikum und Behörden waren sehr angetan.“ Jeden Tage erklingen andere Melodien. „Die Leute bleiben stehen und freuen sich. Manche Nachbarn stellen die Kartoffeln danach auf“, erzählt Bauer. Dass sich mancher gestört fühlt – Bauer nickt. „Vor einem Jahr hat sich eine Frau beschwert, die die Glocken beim Mittagsgebet stören.“ Seither erklingen sie ein bisschen nach 12 Uhr. Auch an das Mittagsgeläut der Kirche angepasst.

Den Lärm von Kirchenglocken müssen Bürger aushalten. So steht es im Gesetz. Sie sind nach Ansicht des Bundesverwaltungsgerichts keine schädliche Lärmimmission, sondern eine zumutbare, sozialadäquate und allgemein akzeptierte Äußerung kirchlichen Lebens.
Bei privatem Glockenspiel ist die Rechtslage komplizierter. Da kommt es darauf an, wie laut es läutet und ob es in einem reinem Wohngebiet geschieht – oder in einem Mischgebiet. Dröhnende Glocken auf privatem Grund sind in Wohngebieten nicht erlaubt.

Richter haben etwa die Stadt Lage an der Lippe verpflichtet, einer Seniorenresidenz das Bimmeln zu untersagen. Deren Glockenspiel war im Schnitt 70 Dezibel laut – erlaubt sind im Wohngebiet 55 Dezibel.
Der Höchster Dalbergplatz liegt im Mischgebiet Wohnen und Gewerbe, außerdem fließt dort reichlich Verkehr. Ähnlich verhält es sich mit dem Glockenspiel von Klaus Funk, lange Jahre für die FDP im Ortsbeirat 9 tätig, am Weißen Stein in Eschersheim. Das musiziert seit 2008 dreimal am Tag, je sechs Minuten. Beschwerden darüber hat es gegeben. Bislang ohne Wirkung. Die Glocken läuten noch. Als Sehenswürdigkeit gelten sie dem erwähnten Internetlexikon noch nicht. Nach zehn Jahren wäre es Zeit, das zu ändern.

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