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Gallus-Theater in Frankfurt 40 Jahre eine Bühne für alle

Das Gallus-Theater hat wie kaum eine andere Einrichtung in Frankfurt Freiräume für sonst Übersehene geschaffen.

40 Jahre Gallus-Theater
Sie feiern im Gallus mit: die Kleine Oper Bad Homburg mit Ingrid El Sigai (re.) und Dzuna Kalnina. Foto: Michael Schick

„Moment, jetzt habe ich die Liste“, ruft Winfried Becker und kehrt unter Gelächter auf die Bühne zurück. Minutenlang hat er Wegbegleiter aus 40 Jahren Gallus-Theater vorgelesen, jetzt folgen Dutzende Namen mehr. Das Gallus-Theater feiert in diesen Tagen gleich doppelt. Schließlich besteht es nicht nur seit 40 Jahren, sondern spielt auch seit 20 Jahren in den Adlerwerken. 

Das Gallus-Theater ging aus dem 1973 gegründeten Internationalen Solidaritätszentrum hervor. Schauspiel war allerdings nicht zu sehen. Zunächst war es ein Jugendtreff für das seit jeher multikulturelle Viertel, der 1975 in eine Autowerkstatt in der Krifteler Straße zog. Kinder migrantischer Arbeiter konnten sich dort vergnügen.

Der Regisseur Brian Michaels begann 1978 mit süditalienischen Jugendlichen Theater zu spielen. „Mit einigen arbeite ich bald wieder an einem Projekt“, erzählt er am Mittwoch. Das „Teatro Siciliano“ wurde international bekannt, ab 1983 spielten auch andere freie Gruppen im nun „Gallus-Theater“ genannten Haus. Auch Michaels’ Karriere nahm dank des Gallus ihren Lauf, vorher hatte er Theater nicht professionell inszeniert. Es sei die starke innere Begegnung mit den Spielenden, die ihn begeistert habe, die „Kraft der Liebe“. Ein wenig davon lag in der Luft, als er sich mit Becker kurz vorher lange umarmt hatte. 

 

„Ich fand Theater in der Schule todlangweilig“, sagt Winfried Becker. „Dass ich heute hier stehe, war nicht geplant.“ Anfang der 80er zog er mit einem Techniker des Gallus in eine WG, wodurch sich die Wohnung zum Künstlerhotel entwickelt habe. Alle angereisten Künstler übernachteten eine Zeitlang in der WG, der heutige Leiter konnte sich dem Theater kaum entziehen. Vorher kannte er es nur von der Gallus-Disco, in der er häufig feierte.

Gallus-Theater sei den 80ern ein Freiraum für Homosexuelle

1986 war er einer derjenigen, die das kurz vor der Pleite stehende Theater bis Weihnachten desselben Jahres übernehmen sollten. Dazu gehörte auch Heike Bonzelius, die seither akribisch das Theater begleitet und bis heute hauptverantwortlich für das Programm ist. Am Mittwoch hält sie sich mit großen Reden zurück. Vor zwei Jahren porträtierte sie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS). Warum dieser Artikel nicht an der Wand hänge, ist sie gefragt worden. Stattdessen hat sie sich dafür entschieden, Plakate vom ersten Auftritt bis zu heutigen Stücken im Foyer zu zeigen. 

Das Credo „Kultur für alle“ des ehemaligen Frankfurter Kulturstadtrats Hilmar Hoffmann hat damals den Zeitgeist getroffen, gerade im Arbeiterviertel Gallus. Das Theater war schon seit den 80ern ein Freiraum für homosexuelle Kunstschaffende. „Das war wie ein Ritterschlag für uns“, sagt Wolfgang Glübel. Er moderierte damals als Transvestit, etwa bei einer Silvestergala. Viele schwule Gruppen konnten im Gallus-Theater das erste Mal vor heterosexuellem Publikum spielen - das sich außerdem noch wirklich für sie interessierte. Schwulsein sei damals noch als „Privatangelegenheit“ diffamiert worden.

„Ihr seid bei der Integration immer auf die Menschen zugegangen, habt nicht gewartet“, sagt OB Peter Feldmann. Als Geburtstagsgeschenk verkündet er, dass das Theater aller Voraussicht nach mehr Zuschüsse erhält. 1998 zog das Gallus-Theater in die Adlerwerke. Im Zweiten Weltkrieg schickten die Nazis hier noch 1600 Zwangsarbeiter hin, eine Initiative setzt sich heute für eine Gedenkstätte ein.

Am Samstag zeigt im Theater die polnische Gruppe „Poles Apart“ eine tänzerische Version von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“, inszeniert von Brian Michaels. Danach wird es mit der „Gallus Disco reloaded“ nostalgisch. „Ich wünsche mir, dass Heike und ich beim 50-Jährigen als Ehrengast kommen“, sagt Becker. Bis dahin soll die Nachfolge schleichend geregelt sein. 

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