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Gallus Nahverkehr nur bedingt barrierefrei

Frankfurt hinkt beim Umbau der Haltstellen des Nahverkehrs hinterher. Die Tramstationen an der Mainzer Landstraße sind frühestens 2023 an der Reihe.

FR vor Ort Gallus / Gallusviertel
Die Straßenbahnhaltestellen entlang der Mainzer Landstraße im Gallus sind noch nicht barrierefrei ausgebaut. Foto: peter-juelich.com (peter-juelich.com)

Egon Matthes ist gefallen aber nicht bezwungen. Der 87-Jährige ist wegen seiner Schwerbehinderung auf einen Rollator angewiesen. Im öffentlichen Nahverkehr bereitet der ihm immer wieder Schwierigkeiten – besonders im Gallus: „Die Mainzer ist ein risikoreiches Pflaster“, sagt Matthes. Vor Kurzem wurde dem Rentner der Ausstieg aus der Straßenbahn an der Haltestelle Rebstöcker Straße „zum Verhängnis“: Matthes stürzte mitsamt Rollator aus der Tram, weil der Niveauunterschied zur Straße zu hoch war.

In der jüngsten Sitzung des Ortsbeirats 1 hat Matthes gefordert, die Straßenbahnhaltestellen der Linien 11 und 21 auf dem Abschnitt zwischen Güterplatz und Wickerer Straße barrierefrei auszubauen. „Leider sind das alltägliche Geschichten“, sagt Thomas Sock von der Arbeiterwohlfahrt im Gallus, „die zeigen, wie dringend ein Umbau ist“.

Das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) schreibt vor, den öffentlichen Nahverkehr bis Januar 2022 mit Rücksicht auf „die Belange der in ihrer Mobilität oder sensorisch eingeschränkten Menschen“ vollständig barrierefrei zu gestalten. Das würde laut Bundesregierung bedeuten, dass der ÖPNV „für Menschen mit Behinderungen“, „ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar“ ist.

Ganz ohne Hilfe geht das im Frankfurter Nahverkehr noch nicht. Von den rund 660 Bushaltestellen sind derzeit nur etwa 340 barrierefrei eingerichtet – hier sind Menschen auf Rampen und die Unterstützung der Busfahrer angewiesen. Wer die U-Bahn nutzt, hat es etwas leichter: An nur vier der 86 Stationen fehlt ein Aufzug, wie an den Haltestellen Westend, Römerstadt und Niddapark. Am Eschenheimer Tor hat die Stadt dieser Tage zwei Aufzüge eröffnet.

Von insgesamt 136 Straßenbahnhaltestellen sind 73 barrierefrei, das sind nur knapp mehr als die Hälfte. Die Stopps an der Mainzer sind es nicht. Hier sieht auch Traffiq-Sprecher Klaus Linek die größten „Problemhaltestellen“: die der Straßenbahnlinien 11 und 21 zwischen Güterplatz und Wickerer Straße. Da die Bahnen mitten auf der Straße halten, stehe man hier „vor den größten baulichen Herausforderungen“.

Thomas Erhart, Referent des Verkehrsdezernenten seufzt bei der Frage nach dem Straßenabschnitt. Er hat keine guten Nachrichten: „Die Planung für den Umbau der betreffenden Haltestellen wird erst nach der Fertigstellung der U-Bahn-Strecke auf der Europaallee stattfinden“, sagt Erhart. Doch das wird nicht vor 2023 geschehen.

Weil der Verkehr auf der Mainzer Landstraße voraussichtlich weiter zunehmen wird, müsse man eine Entlastung durch die neue U-Bahn abwarten, bevor mehrere Großbaustellen die Mainzer Landstraße blockieren. Die Stadt sei bestrebt, möglichst viele Stationen bis 2022 barrierefrei umzugestalten, jedoch mangele es für eine raschere Umsetzung an Geld und Personal.

Und dann sind da noch die S-Bahnen. Denn obwohl nach Angaben der Deutschen Bahn mehr als 60 Prozent der 111 S-Bahnhöfe in Frankfurt barrierefrei sind, denke das Unternehmen „zu langfristig“, findet Hannes Heiler von der Frankfurter Behinderten-Arbeitsgemeinschaft (FABG). Die S-Bahn-Stationen seien nach wie vor sein „größtes Sorgenkind“.

So ist zum Beispiel die Station Galluswarte nur über Treppen und Rolltreppen zugänglich – nicht aber für Menschen im Rollstuhl. Auf Anfrage der FR gab eine Sprecherin der DB an, dass mit Planungsbeginn für einen Fahrstuhl dort frühestens im Sommer zu rechnen sei. Doch Planung ist nicht gleich Umsetzung, mahnt Heiler: Bei der aktuellen Zahl an geplanten Umbauten sieht er den barrierefreien Nahverkehr bis 2022 nicht kommen: „Wir bräuchten das dreifache Tempo“.

Die VGF bemüht sich, Transparenz zu zeigen und Lücken auszugleichen: Im Linienfahrplan „Barrierefrei unterwegs“ informiert die Gesellschaft über die Zugänglichkeit der Haltestellen, seit 2010 gibt es einen Begleitservice. Doch Heiler beklagt: „Menschen im Rollstuhl haben von Begleitung allein nicht viel“. Dennoch gibt es wöchentlich laut VGF-Sprecherin Juliane Herzog rund 80 Anfragen.

Zwölf bis 14 Mitarbeiter stünden Menschen mit Sehbehinderung zur Verfügung. Denn Barrierefreiheit heißt nicht allein, physische Hindernisse zu beseitigen. So werden blinde Fahrgäste an der Haltestelle Rohrbach/Friedberger Landstraße über die Lautsprecheransage informiert, dass sie sich nach dem Ausstieg auf der – ampelgesicherten – Fahrbahn befinden.

Dass die VGF ihren Begleitservice seit Februar 2018 auch an Samstagen anbietet, geht auf das Konto von Egon Matthes. In der Bürgerfragestunde forderte er Ende vergangenen Jahres OB Feldmann auf, sich für diese Sache einzusetzen – mit Erfolg.

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