Lade Inhalte...

Gallus Ehre für Zeitzeuge

Dem jüdischen Widerstandskämpfer und Kriegsgefangenen Michael Zeuger soll ein Platz im Gallus am Luftschutzbunker in der Eppenhainer Straße gewidmet werden.

Egon Matthes läuft auch heute noch fast jeden Tag an dem gelben Betonungetüm vorbei. Dann kommen die Erinnerungen wieder hoch. An die Bomben, die während des Zweiten Weltkriegs auf Frankfurt fielen. An die Monate, die er als Jugendlicher hier, im Luftschutzbunker in der Eppenhainer Straße, verbracht hat, als der Rest der Stadt nicht mehr sicher war. Matthes möchte, dass sich künftig auch andere Menschen erinnern, die hier vorbeilaufen. Nicht an ihn, sondern an einen, der es noch viel schwerer hatte: seinen ehemaligen Nachbarn, den jüdischen Kriegsgefangenen und Widerstandskämpfer Michael Zeuger.

Der Gedanke kam dem 88-Jährigen, als er kürzlich las, dass in Rödelheim ein Platz nach einem verstorbenen Juden benannt wurde. „Wenn die Stadt sowas macht“, sagt Matthes, „dann hat mein Freund und Nachbar das auch verdient.“ Deswegen setzt sich der gebürtige Frankfurter nun dafür ein, dass der namenlose, dreieckige Platz vor dem Bunker, der eingeschlossen wird von Rebstöcker, Josbacher und Eppenhainer Straße, in Michael-Zeuger-Platz umbenannt wird.

Michael Zeuger, 1918 als Sohn einer deutschstämmigen Familie unter dem Namen Mieczyslaw Coiger in Lemberg geboren, studierte in Warschau, als der Zweite Weltkrieg über Polen hereinbrach. Von den Nazis wurde er in das berühmte Warschauer Ghetto verfrachtet, wo er sich einer Widerstandsgruppe anschloss. Beim bewaffneten Aufstand im April 1943 verletzten ihn SS-Soldaten schwer. Zeuger konnte durch die Kanalisation entkommen und versteckte sich mehrere Monate bei Freunden in einem zugemauerten Keller.

Doch die Tortur war noch nicht vorbei – mit dem Einmarsch der Sowjetunion ging sie weiter. Soldaten der Roten Armee hielten Zeuger für einen deutschen Kollaborateur und brachten ihn ins sibirische Straflager. Erst nach fünf Jahren konnte er die Unterdrücker von seiner Vergangenheit als jüdischer Widerstandskämpfer überzeugen und wurde zurück nach Polen entlassen. „Er war ein Gefangener unter Hitler und Stalin – und er hat beide überlebt“, sagt Matthes.

Der Frankfurter und sein jüdischer Freund lernten sich 1962 kennen, als beide zeitgleich in ein Mehrfamilienhaus in der Idsteiner Straße zogen. Zeuger war mit seiner Ehefrau und den zwei gemeinsamen Kindern nach Deutschland gekommen, und obwohl der Balkon der Familie anfangs mit Hakenkreuzen beschmiert wurde, fühlten sich die Neuankömmlinge wohl im Gallus. Michael Zeuger, der seine bewegende Lebensgeschichte in dem Buch „Gefangene sind wir alle“ aufgeschrieben hat, starb am 31. Dezember 1976. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Frankfurt beigesetzt. Seine Witwe Teresa wohnt bis heute in der Idsteiner Straße – genau wie Egon Matthes. Der findet: „Ein Michael-Zeuger-Platz könnte die Erinnerung an einen leider vergessenen Frankfurter Bürger und sein ungewöhnliches, tragisches Schicksal wach halten.“

Matthes hat sein Anliegen dem für das Gallus zuständigen Ortsbeirat 1 mitgeteilt. Die Fraktionsvorsitzenden wollen in einer internen Sitzung über den Vorschlag beraten und dann wahrscheinlich einen entsprechenden interfraktionellen Antrag für die nächste Sitzung am 18. September formulieren. Das Gremium würde den Magistrat dann auffordern, eine Umbenennung des Platzes in die Wege zu leiten. Er sei Matthes‘ Idee gegenüber „sehr aufgeschlossen“, sagte Ortsvorsteher Oliver Strank (SPD) der FR. Auch andere Fraktionen signalisierten ihre Zustimmung zu dem Vorhaben.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen