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Frankfurt Westend Der Judenhass war nie weg

Auf einer Konferenz des Zentralrats der Juden in Deutschland wird im Frankfurter Westend über Rechtspopulismus und Judenhass diskutiert. Der Gesprächsbedarf ist riesig.

Juden in Frankfurt
Zeichen gegen Judenhass: Beim „Kippa-Tag“ demonstrierten Frankfurter im Mai auf dem Römerberg. Foto: Michael Schick

Ein Junge, der verprügelt wird, weil auf seinen Trainingsanzug ein Davidstern gedruckt ist. Eine Psychotherapeutin, die mit ihrer Kollegin über die Miete der gemeinsamen Praxis streitet und dann von ihr gesagt bekommt: „Das machst du nur, weil du Jüdin bist. Das liegt euch im Blut.“ Eine jüdische Studentin, die sich von einem angehenden Geschichtslehrer anhören muss, an Wirtschaftskrisen seien die Juden schuld.

Es sind beklemmende Szenen, die Julia Bernstein schildert. Die Soziologin, die an der Frankfurter Fachhochschule Soziale Arbeit lehrt, berichtet aus ihrer Studie, für die sie Juden in Deutschland zu ihren Erfahrungen mit Antisemitismus befragt hat. Drei Tage lang geht es in der Jüdischen Gemeinde im Westend um „Rechtspopulismus und Judenfeindschaft“ – so heißt die Konferenz, die die Bildungsstätte Anne Frank und der Zentralrat der Juden in Deutschland organisiert haben.

Stereotype und Vorurteile

80 Prozent der Juden in Deutschland fühlten sich vom Judenhass bedroht, 70 Prozent hätten bereits Anfeindungen erlebt, fasst Bernstein Ergebnisse ihrer Studie zusammen. Fast alle berichteten, dass sie sich oft als Fremde behandelt fühlten, weil jüdisches Leben in Deutschland eben nichts Selbstverständliches sei. Viele bemühten sich, ihre jüdische Identität zu verbergen. In der deutschen Mehrheitsgesellschaft bestehe derweil ein großes Wissensdefizit über das Judentum, über Antisemitismus und den Holocaust, sagt Bernstein. Es komme vor, dass wildfremde Menschen vermeintliche Heldengeschichten ihrer Familie aus der Zeit des Nationalsozialismus erzählten, sowie sie hörten, dass ihr Gegenüber jüdisch ist. Stereotype und Vorurteile hielten sich trotz aller Bearbeitung der deutschen Geschichte extrem hartnäckig – und es sei vielen immer noch nicht klar geworden, „dass es wichtig ist, dass nicht nur Juden sich vom Antisemitismus betroffen fühlen.“

Über antisemitische Tendenzen in den rechtspopulistischen Parteien Europas spricht Lars Rensmann, Professor für europäische Politik und Gesellschaft an der Universität Groningen. Der populistische Diskurs, der stets das angeblich gute, homogene Volk einer korrupten Elite gegenüberstelle, sei dem antisemitischen Denken ähnlich, sagt Rensmann. Auch der Hass auf Banker, Journalisten und eine angeblich verschworene Elite aus „Globalisten“, der unter Rechtspopulisten weit verbreitet sei, trage antisemitische Züge: „Wer mit Verschwörungen anfängt, hört mit Antisemitismus auf.“

Der AfD bescheinigt Rensmann einen regelrechten „Radikalisierungsrausch“. Der bewusste politische Tabubruch sei ein Lebenselixier des Populismus, zentrale Akteure der AfD wie Alexander Gauland oder Alice Weidel müssten immer noch radikaler auftreten. Sie seien „getrieben von einer Basis, die danach schreit“.

Obwohl das oft behauptet werde, treffe es nicht zu, dass der antimuslimische Rassismus für die Rechtspopulisten in Europa wichtiger sei als der Antisemitismus, sagt Rensmann. Auch die zur Schau getragene Israel-Solidarität von Teilen der AfD oder der österreichischen FPÖ sei nur Fassade. An der AfD könne man zeigen, dass das Bedürfnis nach einer Romantisierung der deutschen Geschichte durch die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis getrübt werde – daher werde Juden schnell unterstellt, sie verfolgten eigene Interessen, wenn sie vom Holocaust sprächen.

Der Rechtspopulismus, der europaweit in Form einer „autoritär-nationalistischen Revolte“ auftrete, sei Ausdruck einer Krise der liberalen Demokratien, sagt Rensmann. Die Lage sei daher bedrohlich, denn Juden und andere Minderheiten seien nur in einer Demokratie sicher.

Die Vorträge werden im gut gefüllten großen Saal der Gemeinde kontrovers diskutiert, die Argumente gehen hin und her. Es gibt offenbar ziemlich großen Redebedarf.

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