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Frankfurt-Höchst Die Vergessenen aufspüren

Schüler des Leibnizgymnasiums in Frankfurt-Höchst erforschen das Schicksal ihrer jüdischen Mitschüler während der NS-Zeit.

Schulen in Frankfurt
Foto: Christoph Boeckheler

„Wie würdet ihr reagieren, wenn eines morgens plötzlich Stühle in euren Klassen leer blieben und Kinder verschwänden?“ Das steht auf einem Schild im sogenannten grünen Innenhof des Leibnizgymnasiums. Es ist eine Art Vorwort zum neuen Schulprojekt „Nachspü/uren“. Das soll den Schülern und auch Lehrern jüdischen Glaubens nachspüren, die zur NS-Zeit einfach so verschwunden sind.

Obwohl, „einfach so“ trifft es nicht. Zumindest lässt sich das Projekt zwei Schulhalbjahre Zeit, um die Geschichte zu ergründen und künstlerisch zu verarbeiten. Gleich zwei Kurse beschäftigen sich damit. Ein Kurs in Gesellschaftswissenschaften und ein Kunstkurs. Der eine recherchiert die Biografien, der andere kümmert sich um die Visualisierung. Es ist Wahlunterricht wohlgemerkt. Das heißt, die Schüler sind freiwillig da. Sie könnten in der Zeit genauso gut Informatik- oder Theaterkurse besuchen.

Tun sie aber nicht. Sie finden die Kombination aus Kunst- und Geschichtsunterricht spannend, verrät ein Mädchen. Ein „Herzensprojekt“ ist das, sagt auch Schulleiterin Sabine Pressler. Bereits bei ihrem ersten Besuch an der Schule 2007 hat sie eine Lücke entdeckt. Beinahe verschwörerisch zieht sie den Besuch in die Ecke zur Tafel, die der Opfer der zwei Weltkriege gedenkt. Viele Namen stehen dort, es sind die der Gefallenen. „Da steht nichts von den anderen Opfern aus der Zeit“, sagt Pressler. Auch in der Schulchronik sei wenig zu finden. Höchste Zeit also, die vergessenen Leibnizschüler und -Lehrer wieder in die Schulgemeinde reinzuholen. Auch weil die Schule in ihr 175. Jahr geht und sich darum ohnehin intensiv mit ihrer Geschichte beschäftigt. Nicht nur mit der NS-Zeit. Auch andere Themen sind geplant. Kern ist aber die Suche nach den verlorenen Mitschülern.

Der Kunstkurs hat sich darum bereits im Liebighaus über geraubte Kunst informiert. In ihrer zweiten Sitzung haben sich die zwölf Jungen und Mädchen mit der Schau „Höchster Juden“ befasst. Die hat die AG Geschichte und Erinnerung praktischerweise im Innenhof der Leibnizschule aufgebaut. Das eingangs erwähnte Vorwort ist Verbindung zwischen Schautafeln und Schulprojekt.

Die Teilnehmer wandeln mit großem Ernst über den Hof und bearbeiten die Fragen, die Kunstlehrerin Andrea Mihm ihnen mitgegeben hat. Niemand rennt oder macht irgendeinen Unsinn. Auch die anschließende Diskussion ist tiefgründig. Historikerin Helga Krohn, die die Ausstellung mitkonzipiert hat, ist zu Gast und beantwortet Fragen. Den Schrecken in Gänze vermag auch sie nicht zu erklären – in nur einer Schulstunde.

Doch sie lobt, wie viel die Schüler und Schülerinnen aus der Schau heraus gezogen haben. Die AG Geschichte habe 2013 auch nicht gedacht, dass ihre Tafeln so lange unterwegs sein würden, sagt sie. Auf dem Ettinghausenplatz waren sie zu sehen, im Bolongaropalast, im Bikuz, jetzt im Leibniz.

Dort sollen die Schüler sich in die Menschen hineinversetzen, die ihr Zuhause aufgeben mussten. Das geht ganz gut. Immerhin hat gut die Hälfte aller Höchster einen Migrationshintergrund. Fremdheit ist auch bei der Schülerschaft kein Fremdwort. Gerade das hat Kunstlehrerin Mihm am Projekt gereizt. Es geht um große Themen wie Ausgrenzung, Flucht, aber auch um Toleranz und  Akzeptanz.

Wie genau das am Ende künstlerisch aussieht, ist offen. Illustratorin Leonore Poth, als Beraterin beteiligt, hat Ideen. Den Schüler etwas vorschreiben möchte sie nicht. Herauskommen könnte eine Graphic Novel, also eine illustrierte Geschichte, oder eine Installation. Wichtiger scheint ihr etwas anderes zu sein. Zu vermitteln, „wie wichtig es ist, die Demokratie zu verteidigen“.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Frankfurt

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